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Die IS-Theologie der Sexsklaverei

Die Terrormiliz IS missbraucht Frauen und Mädchen und beruft sich auf religiöses Recht. Die systematische Ausbeutung begann mit dem Angriff auf die Jesiden vor einem Jahr.

Auf der Flucht: Eine junge Jesidin in einem Camp im Nordirak.
Auf der Flucht: Eine junge Jesidin in einem Camp im Nordirak.
AFP

Jedes Mal, bevor er das zwölfjährige Mädchen vergewaltigte, erklärte der IS-Kämpfer seinem Opfer, dass er keine Sünde begehen werde. Weil das Mädchen eine andere Religion als den Islam praktiziere, also eine Ungläubige sei, gebe ihm der Koran nicht nur das Recht, Geschlechtsverkehr mit der Zwölfjährigen zu haben. Vielmehr ermutige ihn der Koran dazu. Vor jeder Vergewaltigung ging der IS-Kämpfer auf die Knie, um zu beten. «Er hat mich vergewaltigt, um Gott näher zu kommen», berichtet das jesidische Mädchen, elf Monate nachdem es dem Martyrium entkommen konnte.

Über diese und andere Leidensgeschichten von jesidischen Mädchen und Frauen berichtet eine Reporterin der «New York Times». Sie sprach mit 21 Betroffenen, die vor einem Jahr von den Schergen der Terrormiliz IS entführt worden waren. Im Gegensatz zu etwa 3000 anderen Jesidinnen gelang ihnen die Flucht. Sie leben heute in einem Flüchtlingscamp im Irak.

Pervertierte Auslegung des Korans

Die NYT-Reportage schildert auch, wie stark die Sexsklaverei im System des selbst ernannten Kalifats verankert ist. Und wie der IS immer wieder versucht, diese Verbrechen mit religiösen Argumenten zu rechtfertigen. Im IS-Propaganda-Magazin «Daqip» erschien beispielsweise ein Artikel mit dem Titel «Die vorzeitige Wiedergeburt der Sklaverei». Darin wird erklärt, dass sich Gelehrte nach eingehendem Studium des islamischen Rechts entschieden hätten, dass die Versklavung von Jesiden rechtens sei. Der IS vertritt eine eigentliche «Theologie der Vergewaltigung». In einer pervertierten Auslegung des Korans wird jeder sexuelle Übergriff als mutige und wichtige Handlung eines gläubigen Muslims gefeiert.

Das sogenannte Forschungs- und Fatwa-Departement des IS veröffentlichte Ende 2014 eine Art Lehrschreiben über den Umgang mit Sklavinnen. Dabei erklären die IS-Ideologen, was im Umgang mit «ungläubigen» Frauen und Mädchen erlaubt ist. Demnach können «Ungläubige» gefangen genommen und als Sklavinnen gehalten werden. Ihre Besitzer können mit ihnen Geschlechtsverkehr haben, sie dürfen die Frauen auch schlagen und verkaufen. Zwangsheiraten, Frauenhandel, Frauen als Sexgeschenke, Missbrauch von Kindern – fast alles ist erlaubt und theologisch begründet. Sexuelle Ausbeutung ist Alltag in den Herrschaftsgebieten des IS in Syrien und im Irak. Mit dem Sklavenhandel ist eine entsprechende Bürokratie entstanden. Der IS missbraucht vor allem junge Frauen. Diese dienen auch als Lockmittel für die Rekrutierung von neuen Kämpfern aus dem Westen.

Angriff auf Jesiden wegen Sexsklavinnen

Die systematische Sexsklaverei etablierte der IS Anfang August 2014, nachdem Kämpfer der Terrormiliz die jesidischen Dörfer in der Sinjar-Region im Nordirak angegriffen hatten. Beim Angriff auf die Religionsminderheit der Jesiden sei es dem IS nicht nur um territoriale Gewinne gegangen, sondern auch um die Gefangennahme von Sexsklavinnen, meint Matthew Barber, Jesiden-Experte der Universität Chicago. Wie andere Experten ist auch Barber der Ansicht, dass die auch sexuell motivierte Offensive gegen die Jesidengemeinschaft von langer Hand geplant gewesen war.

Zudem war es kein Zufall, dass die Terrormiliz Jesidinnen als Sklavinnen gefangen nahm, denn die als Teufelsanbeter verunglimpften Jesiden gelten als noch ungläubiger als andere Religionsgemeinschaften. Im «Daqip»-Bericht über die Wiedergeburt der Sklaverei heisst es, dass sich Jesiden nicht durch die Zahlung der Jizya-Steuer für Nichtmuslime freikaufen können – dies im Gegensatz zu Juden und Christen. Allerdings: In einem kürzlich veröffentlichten weiteren «Lehrschreiben» des Forschungs- und Fatwa-Departements der Terrormiliz heisst es, dass Geschlechtsverkehr mit Christinnen und Jüdinnen möglich sei, wenn diese im Kampf gefangen genommen werden.

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