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«Die Muslimbruderschaft gegen alle anderen»

Das Referendum über den Verfassungsentwurf hat Ägypten tief gespalten. Während sich die einen vom umstrittenen Grundgesetz mehr Stabilität für das Land erhoffen, fürchten andere um ihre Freiheit.

Die Lage im Land soll sich beruhigen: Frauen stehen im Süden Kairos vor einem Wahllokal Schlange. (22. Dezember 2012)
Die Lage im Land soll sich beruhigen: Frauen stehen im Süden Kairos vor einem Wahllokal Schlange. (22. Dezember 2012)
Reuters

«Ja, Ja zur Verfassung!» ruft ein Mann im ägyptischen Dorf Scheich Fadl, dessen Auto mit Lautsprechern ausgerüstet ist. Nur wenige Kilometer entfernt, in der Ortschaft Sanaro in der Provinz Fajum südwestlich von Kairo, tut der Bauer Asus Ajesch lautstark seine Absicht kund, gegen den von den Islamisten ausgearbeiteten Verfassungsentwurf zu stimmen. Es ist der Tag der Entscheidung in Ägypten - rund 25 Millionen Ägypter sind bei der zweiten Runde des Referendums aufgefordert, über den Verfassungsentwurf abzustimmen. Das Dokument hat das Land tief gespalten.

«Ich vertraue der Muslim-Bruderschaft nicht mehr und auch nicht der Opposition», sagt Bauer Ajesch, während sein Vieh in einem nahegelegenen Feld weidet. Wenn er sich für den Verfassungsentwurf ausspreche, werde es Stabilität geben, wenn er mit Nein stimme, bleibe die Stabilität aus, sagt er. «Aber ich werde trotzdem gegen diese Verfassung stimmen.»

Ja bedeutet nicht automatisch Stabilität

In Mohandisseen, einem gehobenen Viertel der Stadt Gizeh, will auch die Medizinerin Schahira Sadek, eine Christin, gegen das umstrittene Dokument votieren. «Meine Freunde sind Muslime und stimmen mit 'Nein'», sagt Sadek. «Es geht hier nicht um Christ gegen Muslim, sondern um Muslimbruderschaft gegen alle anderen.» Mit Ja zu stimmen bedeute nicht automatisch Stabilität, meint sie.

Die 65-jährige Kamla el Tantawi hat gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin ihre Stimme beim Referendum abgegeben. «Ich habe mit 'Nein' gegen das gestimmt, was ich sehe», sagt el Tantawi und zeigt auf eine Frau, die einen Gesichtsschleier trägt. Sie mache sich Gedanken über die Zukunft ihrer Enkel. «Sie sahen nie das schöne Ägypten wie wir es erlebten.»

In Imbaba, einem ärmlichen Viertel von Gizeh ist Seinab Chalil anderer Meinung. «Ein 'Ja' bewegt das Land vorwärts. Wir wollen, dass sich die Lage beruhigt, mehr Jobs und bessere Bildung», sagt die dreifache Mutter, die einen Gesichtsschleier trägt.

Wahllokale länger geöffnet

In der zweiten Runde des Verfassungsreferendums stimmt die ägyptische Landbevölkerung über das umstrittene künftige Grundgesetz ab. Wegen des grossen Andrangs an vielen Wahllokalen wurde die Abstimmung um vier Stunden verlängert.

Die Wahllokale öffneten am Samstag um 8.00 Uhr (Ortszeit, 7.00 Uhr MEZ). Bereits vor Öffnung bildeten sich Schlangen von Menschen, die ihre Stimme abgeben wollten. Die Wahlbüros sollten ursprünglich um 19.00 Uhr Ortszeit schliessen. Wie in der ersten Runde beschloss die Wahlkommission jedoch wegen des grossen Andrangs, die Öffnung der Wahllokale bis 23.00 Uhr zu verlängern.

Erste Hochrechnungen wurden wenige Stunden nach Schliessung der Wahllokale erwartet. Ein offizielles Endergebnis der Abstimmung wird aber wohl erst am Montag bekanntgegeben.

dapd/kpn

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