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Die neue Frontstadt

Die Stadt Sawija ist das letzte Hindernis für die Rebellen auf dem Weg in die libysche Hauptstadt Tripolis. Doch die Truppen von Machthaber Muammar al-Ghadhafi wollen die Stadt verteidigen - um jeden Preis.

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Demonstrieren ihre Präsenz: Die Flagge der Rebellen auf einer Strasse in der umkämpften libyschen Stadt Sawija. (17. August 2011)
Demonstrieren ihre Präsenz: Die Flagge der Rebellen auf einer Strasse in der umkämpften libyschen Stadt Sawija. (17. August 2011)

Alle paar hundert Meter stehen Barrikaden aus Schrott, Sand oder Autowracks. Gewehrfeuer und dumpfe Explosionen von Mörsergranaten hallen durch die Strassen, manchmal nah, manchmal weiter entfernt.

Die Stadt am Mittelmeer mit ihren etwa 200'000 Einwohnern ist das letzte Hindernis für die Rebellen auf dem Weg in die libysche Hauptstadt Tripolis, die nur 50 Kilometer weiter östlich liegt. Es wird erwartet, dass die Truppen von Machthaber Muammar al-Ghadhafi die Stadt um jeden Preis verteidigen werden.

Seit die Rebellen in der vergangenen Woche in Sawija einmarschierten - die erste grosse Offensive nach Monaten des Stillstandes - haben die Kräfte von Ghadhafi unzählige Raketen und Mörsergranaten auf Häuser, Moscheen und Strassen gefeuert. Scharfschützen wurden auf hohen Gebäuden platziert, darunter eine Bank und ein Hotel. Sie schiessen auf alles, was sich bewegt.

Rebellen sind zuversichtlich

Der Zorn der Bevölkerung ist in Sawija besonders ausgeprägt. Die Einwohner nahmen an den Protesten gegen das Regime teil, als der Aufruhr im Februar losbrach. Die Streitkräfte brachten die Stadt erst einen Monat später nach schweren Kämpfen unter ihre Kontrolle.

Die Rebellen, die den Westen und Süden der Stadt kontrollieren, sagen, sie seien zuversichtlich, dass sie die im Osten der Stadt verschanzten Ghadhafi-Truppen bald besiegt haben werden. Dennoch kommen sie nur langsam voran.

Von Rebellen gehaltene Stadtteile

Der 22-jährige Kämpfer Abdel Assim Ammar sagt, seine Einheit sei am Mittwoch nur zwei Häuserblocks vorgerückt, weil die Scharfschützennester von schweren Waffen geschützt würden.

Auf der Hauptstrasse durch den westlich gelegenen Stadtteil Aulad Adscheena bildet sich eine Menschentraube, während Männer versuchen, ein auf einem Pritschenwagen montiertes Geschütz zu reparieren. Manche der Männer tragen Schnellfeuergewehre, die meisten sind unbewaffnet.

Der mit einem Gewehr bewaffnete 23-jährige Ahmed Mansur sagt, er verteidige sein Heim, das um die Ecke liege. Die meisten Einwohner sind bereits geflohen. In langen Konvois fuhren sie Richtung Süden, bis sie ausser Reichweite der Raketen waren.

Mansur sagt, seine Eltern hätten entschieden zu bleiben. Sie hielten sich von den Fenstern fern, nachdem am Vortag mehrere Mörsergranaten ganz in der Nähe explodiert seien.

Einen Freund im Gefecht verloren

Die Unterhaltung mit dem jungen Kämpfer kommt zum Erliegen, als ein aufgebrachter Mann auf die Gruppe Männer zugeht und weinend zusammenbricht. Ein Freund von ihm sei gerade im Gefecht getötet worden. Einige Männer eilen dem Mann zur Hilfe, bespritzten sein Gesicht mit Wasser, bevor sie ihm aufhelfen und zu einem Auto bringen.

Einen Moment später fährt ein Pritschenwagen mit Kämpfern vorbei, die «Gott ist gross!» skandieren und in die Luft schiessen. Auf der Ladefläche transportieren sie den Leichnam eines getöteten Kämpfers. Die umherstehenden Männer antworten ihnen mit der gleichen Parole.

Erstversorgung der Verwundeten

Nur unweit des Geschehens steht ein Lazarett, um die Verwundeten notdürftig zu versorgen. Schwerverletzte müssen in ein Spital in der Stadt Sintan gefahren werden, einer Hochburg der Rebellen etwa zwei Stunden Autofahrt entfernt. Das Spital in Sawija ist unter der Kontrolle von Regierungskräften.

Auf einer Mauer der Lazaretts steht: «Lang lebe Sawija und ihre Revolutionäre». Der Arzt Safwan Arab zählt sechs Tote und hat bereits über 30 Verwundete versorgt.

Bei den meisten handle es sich um Zivilisten, die von Kugeln oder Splittern getroffen worden seien. Das Lazarett sei schlecht ausgerüstet und kann nur Erste Hilfe leisten, sagte Arab.

Ausschau nach Ghadhafi-Truppen

Der 47-jährige Abdel Karim Mohammed wachte als Späher an vorderster Front. Er lebt gleich bei der Mauer eines Raffineriekomplexes, wo sich die Rebellen noch am Mittwoch Kämpfe mit den Ghadhafi-Treuen lieferten.

Mit einem Fernglas um seinen Hals sagt Mohammed, er steige regelmässig auf das Dach seines zweistöckigen Hauses, um von dort aus nach Einheiten des Regimes Ausschau zu halten. Nur wenige Stunden zuvor sei ein Nachbar ganz in der Nähe von einem Heckenschützen verletzt worden.

Ihn könne das nicht schrecken. Das Ende Ghadhafis sei nah. «Wir haben keine Angst», sagt Mohammed. «Ghadhafi lebt wie eine Ratte im Untergrund», fügt er hinzu.

(SDA)

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