«Die Rache von Beduinen»

Ägyptens Regime macht den IS verantwortlich für den Anschlag auf eine Moschee mit über 300 Toten. Nahost-Experte Günter Meyer über die explosive Lage auf dem Sinai.

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Schon seit Jahren geht die ägyptische Armee gegen Terroristen im Norden des Sinai vor. Doch Ruhe hat das bisher nicht gebracht. Im Gegenteil. 305 Tote und 128 Verletzte: Das ist die traurige Bilanz des jüngsten und bislang schlimmsten Anschlags in der Geschichte des Landes. Die ägyptischen Behörden sehen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Attentat auf die Moschee in Bir al-Abed.

Nach Ansicht von Günter Meyer, Nahost-Experte der Universität Mainz, greift es zu kurz, auf den IS hinzuweisen. Der Sinai-Terror sei vielmehr das Ergebnis staatlicher Unterdrückung der Stammesbevölkerung, wie er im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet meint. «Es handelt sich vor allem um die Rache von Angehörigen der beduinischen Stämme gegen jahrzehntelange Diskriminierung, Unterdrückung, oft willkürliche Verfolgung und die in jüngster Zeit vom ägyptischen Regime praktizierte ‹Politik der verbrannten Erde› gegen die einheimische Bevölkerung auf der Sinaihalbinsel.» Meyer beobachtet seit den 1970er-Jahren die Entwicklung der Sinai-Region.

Unterdrückte Beduinen schliessen sich IS an

Die schon lange angespannte Sicherheitslage im Nord-Sinai eskalierte nach den politischen Turbulenzen im Zuge des Arabischen Frühlings von 2011 und vor allem nach dem harten Vorgehen der ägyptischen Regierung gegen die Muslimbruderschaft. «Radikale Stammeskämpfer nutzten die innenpolitischen Unruhen zu Angriffen auf die Sicherheitskräfte, die mit immer härteren militärischen Einsätzen zurückschlugen», sagt Meyer. Die nächste Eskalationsstufe sei erreicht worden, als sich 2014 Anhänger einer der stärksten beduinischen Gruppen dem IS anschlossen und vor allem von Libyen aus mit Waffen versorgt wurden. Danach häuften sich die Anschläge.

Auf jeden Anschlag der fortan nur noch als Terroristen bezeichneten Beduinen reagierte das ägyptische Militär mit der Bombardierung angeblicher Terror-Camps und dem Panzerbeschuss von Siedlungen. Ein negativer Höhepunkt der ägyptischen Gegenoffensive war laut Meyer die Zerstörung von Hunderten von Häusern, um aus Sicherheitsgründen eine Pufferzone entlang der Grenze zum Gazastreifen zu errichten.

«Politik der verbrannten Erde» ist kontraproduktiv

Dass diese «Politik der verbrannten Erde» zu zahllosen Opfern unter der beduinischen Zivilbevölkerung geführt hat, wird in der kontrollierten Medienberichterstattung in Ägypten verschwiegen, wie Nahost-Experte Meyer sagt. Aber: «Je mehr Menschen ihre Familienangehörigen, ihre Häuser und ihre wirtschaftliche Existenz verlieren, desto eher sind sie bereit, sich aus Rache den jihadistischen Terroristen anzuschliessen, deren Ideologie zu übernehmen und gegen die ‹ägyptischen Besatzer› vorzugehen.»

Die Attentate dieser Terroristen richteten sich bisher gegen die Sicherheitskräfte, aber auch gegen koptische Christen, die die Sinaihalbinsel nicht verlassen wollten. Beim jüngsten Terrorakt gegen die Moschee in Bir al-Abed traf es vor allem Sufisten, die von den IS-Jihadisten als Ketzer betrachtet werden, sowie nicht beduinische Ägypter.

Keine Befriedung der Sinaihalbinsel in Sicht

Die Reaktion der ägyptischen Armee folgte prompt – und nach bekanntem Muster. Kaum hatte Präsident Abdel Fattah al-Sisi in einer TV-Ansprache eine «harte Antwort» und «Vergeltung für unsere Märtyrer» angekündigt, waren schon Kampfflugzeuge in der Luft. Nur wenige Stunden danach verkündete der Sprecher der Streitkräfte, dass zahlreiche Tatverdächtige und Verstecke von Islamisten ausgeschaltet worden seien.

Doch dass die Regierung in Kairo mit der bisherigen Strategie künftig erfolgreicher sein wird, bezweifeln viele Kritiker. Auch Nahost-Experte Meyer äussert Zweifel an dem von Sisi angekündigtem noch härteren Vorgehen gegen Terroristen. «Noch mehr Bombardierungen, noch mehr Panzerbeschuss und noch mehr Tote unter den Beduinen: Das ist kaum geeignet, eine Befriedung der Sinaihalbinsel zu erreichen.»

Erstellt: 27.11.2017, 18:16 Uhr

«Das ägyptische Regime betreibt eine ‹Politik der verbrannten Erde›»: Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

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