«Die Revolution ist längst tot»

Alle Syrer hassen Assad? Ein schwuler Student aus der Hafenstadt Latakia verteidigt den Diktator. Seine Geschichte.

Am Strand von Latakia wird das Leben gefeiert, als gäbe es keinen Krieg, keine Sittenwächter, keine Scharia. Foto: Sergei Bobylev (Itar-Tass, imago)

Am Strand von Latakia wird das Leben gefeiert, als gäbe es keinen Krieg, keine Sittenwächter, keine Scharia. Foto: Sergei Bobylev (Itar-Tass, imago)

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Für die Recherche zu diesem Artikel loggte sich der Autor in eine Dating-App für Schwule ein. Sie ist auch bei jungen, homosexuellen Syrern beliebt, die hier eine Plattform für ein Treffen oder anonymen Sex finden. Das Profilbild eines jungen Mannes aus der Küstenstadt Latakia fiel dabei sofort auf. Es zeigte nicht – wie üblich in arabischen Ländern – einen anonymen Torso oder ein Symbolbild; der junge Mann lächelte selbstbewusst in die Kamera, als ob er der Apokalypse um ihn herum mit diesem Lächeln trotzen könnte. Es entwickelte sich eine schriftliche Unterhaltung, die bald von nächtlichen Gesprächen auf Skype abgelöst wurden. Der Mann erklärte sich bereit, unter Pseudonym über sein Leben im Krieg zu berichten.

Der überwiegende Teil dieser Männer lebt in den vom Assad-Regime gehaltenen Gebieten. Homosexuelle Handlungen gelten dort offiziell als «widernatürlich» und sind unter Haftstrafe verboten; allerdings wird das Gesetz kaum angewandt. In Städten wie Aleppo, Damaskus und Latakia konnte sich diskret und im privaten Rahmen eine Schwulenszene mehr oder weniger ungestört entwickeln, solange sie sich nicht politisch äusserte und nicht öffentlich in Erscheinung trat. Zudem sind diese jungen Männer heute unerlässlich für die Rekrutierung in die Kriegsarmee. Ihre sexuelle Orientierung wird dabei zur Nebensache.

Assef (25) ist Student an der Tishreen-Universität in Latakia, der syrischen Hafenmetropole am Mittelmeer. Strom gibt es in diesen Tagen nur im Drei-Stunden-Rhythmus. Und so sitzt er während des Skype-Gesprächs im Dunkeln. Eine Kerze und der Bildschirm spenden etwas Licht. Die kleine Wohnung, die er sich mit seinem Bruder teilt, hat er seit Tagen nicht mehr verlassen. Es ist, als ob seine Welt immer kleiner würde, die Panzerschicht um seine Seele immer dicker.

Ich wünschte, ich könnte aus diesem Albtraum erwachen und alle wären noch da, meine Freunde, mein Cousin, mein altes Leben. Aber ich darf die Angst nicht zu mächtig werden lassen, wenn ich nicht innerlich absterben soll. Dieser verdammte Krieg, der nichts bringt ausser Zerstörung, hat mir so vieles genommen. Meine beste Freundin verliess Syrien, sie lebt heute in Beirut. Mein bester Freund wurde von Islamisten erschossen, mein Cousin starb letzten September, als eine Autobombe im Stadtzentrum explodierte. Andere flohen nach Europa. Es ist einsam geworden um mich herum. Was dieser Krieg mir nicht nehmen kann, sind meine Würde und meine Wurzeln. So geht es allen hier in Latakia. Wir wollen leben, und niemand kann uns daran hindern. Die Cafés und Restaurants sind voll, der Verkehr verstopft die Strassen, am Strand treffen sich Familien, Frauen sonnen sich in Bikinis, Männer trinken Wodka oder rauchen Wasserpfeifen. Wir versuchen, die Normalität aufrechtzuerhalten, das Grauen auszublenden.

Der Onlinedienst Instagram, auf dem User aus Latakia Fotos und Videos teilen, verdeutlicht das Bild. Man sieht junge Schülerinnen, die sich an der Corniche, dem Hausstrand Latakias, zum gemeinsamen Yoga treffen. Ein Barkeeper präsentiert seine Künste im Mixen in der hippen «Express Lounge» an der American Street. Im Lokal findet jeden Montag die Ladies Night statt, mit «free drinks for girls». Unter dem Hashtag «GaySyria» teilen homosexuelle Männer aus Latakia ihre Selfies, versehen mit der syrischen Flagge – derjenigen von Assads Arabischer Republik Syrien.

Syrien ist nicht nur das Land, das ihr im Westen wahrnehmt. Nicht überall werden Schwule von den Dächern gestossen oder gesteinigt, wie das in den vom IS kontrollierten Gebieten geschieht. Am Leben der Homosexuellen in Latakia hat dieser Krieg nicht viel geändert. Die meisten Männer leben ihre Homosexualität versteckt aus, sie führen ein Doppelleben und identifizieren sich selbst nicht als schwul, auch wenn sie Sex mit Männern haben. Alles funktioniert über den Augenkontakt in einer Bar, in einem Park, am Strand. Dann gibt es die anderen, die ostentativ als Dragqueens durch die Strassen stolzieren, mit einer dicken Schicht Make-up. Häufig prostituieren sich diese Männer. Es gibt auch schwule Partys, im privaten Rahmen. Vor einigen Jahren, es war noch vor dem Krieg, besuchte ich eine solche Party auf irgendeinem Anwesen. Es traf sich dort die urbane syrische Schwulenszene. Aber auch Männer aus dem Libanon oder dem Irak waren dabei, die hier ein Stück Freiheit für eine Nacht suchten. Ich selbst hatte damals einen amerikanischen Freund, den ich regelmässig in Istanbul traf. Damals stand mir die Welt noch offen. Mittlerweile habe ich Latakia seit fünf Jahren nicht mehr verlassen.

Weder sunnitisch noch schiitisch

Assefs Heimatstadt mit ihren rund 440 000 lebenslustigen Einwohnern erscheint inmitten der syrischen Kriegshölle wie eine surreale Welt für sich. Sie bietet aber auch Zuflucht für Tausende Flüchtlinge, die im Camp in der Latakia Sports City gestrandet sind. Viele unter ihnen sind Christen, die vor der Verfolgung durch sunnitische Rebellen oder den IS ins relativ sichere Gebiet um Latakia fliehen. Im arabischen Nahen Osten ist die Stadt ein Unikum, eine islamische Metropole, weder sunnitisch noch schiitisch geprägt.

Latakia gilt als Hauptstadt der syrischen Alawiten in ihrem Kernland zwischen Mittelmeer und den Gebirgszügen des Jabal al-Sahilyiah. Aus dieser Region stammt auch der alawitische Clan von Machthaber Assad. Die Sunniten, die im Grossteil von Syrien die Mehrheit bilden, sind hier in der Minderheit. Die alawitische Prägung macht das säkulare Wesen Latakias erst möglich. Frauen tragen mehrheitlich kein Kopftuch, das Fasten oder der Moscheebesuch sind für Alawiten nicht zwingend, man zelebriert einen westlichen, säkularen Lebensstil.

Ich stamme aus einer alawitisch-christlichen Familie. Vor dem Krieg gab ich ausländischen Studenten aus Italien oder Deutschland Arabischkurse. Zusätzlich war ich Schwimmer in der syrischen Nachwuchsmannschaft. Dieses Leben ist längst vorbei. Aber stell dir vor, die Rebellen, die vom Westen unterstützt werden und in deren Reihen Islamisten kämpfen, würden die Kontrolle übernehmen. Es wäre vorbei mit unserem Lebensstil. Sogar Mädchen und Teenager müssten sich verschleiern, wir Schwulen wären dann auch hier unseres Lebens nicht mehr sicher. Meine religiösen Wurzeln waren mir nie wichtig, ich bin stolz darauf, Syrer zu sein, und mache keinen Unterschied zwischen den Religionen oder Volksgruppen. Nur sieht die Realität draussen anders aus. Würde ich die Provinz verlassen, könnte ich wegen meines alawitischen Namens umgebracht werden. Ist es das, was diese Revolution wollte? Hat irgendeiner dieser Aufständischen, ich nenne sie Terroristen, damals an unsere Zukunft gedacht? Die Revolution ist längst tot. Sie hat alles mit sich gerissen, was die syrische Gesellschaft einst ausmachte. Es spielte vor dem Krieg keine Rolle, zu welcher Gruppe oder Religionsgemeinschaft du gehörtest. Der syrische Dichter Nizar Kabbani schrieb einmal: Es ist das Schicksal der Araber, von Arabern ermordet, von Arabern verschlungen, von Arabern erschlagen, von Arabern exhumiert zu werden. Wie können wir einem solchen Schicksal entfliehen?

In Assefs Worten schwingt die Angst vieler Alawiten mit vor dem, was auf sie zukommen könnte, sollte das Assad-Regime stürzen oder Latakia und sein Umland in die Hände sunnitischer Rebellengruppen fallen. Die Alawiten besetzen seit der Machtübernahme von Hafez al-Assad 1970 Schlüsselpositionen in der regierenden Baath-Partei, in der Armee und im öffentlichen Sektor. Zuvor erlebte die Bevölkerungsgruppe eine jahrhundertelange Unterdrückung durch die Mamelucken und Osmanen. In den Bergregionen, in die sie sich zurückgezogen hatten, konnte sich allerdings auch ein starker Gemeinsinn entwickeln.

«Diese dreckige kleine Sekte»

Als der alawitische Assad-Clan die Macht übernahm, bildete diese Gruppenidentität einen entscheidenden Stabilitätsfaktor für das Regime. Gleichzeitig bleiben die Alawiten dadurch an das Assad-Regime gebunden. Viele sehen in ihm den einzigen Garanten für ihre Sicherheit. Assefs Bewunderung und Unterstützung für Präsident Ba­shar al-Assad speist sich auch daraus. Viele radikale Sunniten wiederum sehen Alawiten als Repräsentanten der verhassten Macht, als Ungläubige, die nicht zur islamischen Gemeinschaft gehören.

Der ägyptische Sheikh Mohammad al-Zoghbi rief unlängst in einer TV-Predigt zur Vernichtung der Alawiten auf: «Allah! Tötet diese dreckige kleine Sekte. Allah! Zerstört sie. Allah! Sie sind die Agenten der Juden. Tötet sie alle. Das ist ein heiliger Krieg.» Im kollektiven Gedächtnis vieler Sunniten bleibt auch das Massaker von Hama 1982 gegen die aufständischen Muslimbrüder, bei dem Hafez al-Assad vor allem auf alawitische und kurdische Armee-Einheiten zurückgriff.

Ihr im Westen denkt, alle Syrer hassen Assad. Aber das ist nicht so. Wenn es so wäre, hätte unser Präsident längst aufgeben müssen. Auch ein grosser Teil der Sunniten stand hinter ihm. Die Rebellen wollen kein freies, säkulares Land, sie wollen ein rein muslimisches Land, ein zweites Saudiarabien. Es sind nicht mal Syrer, die unter ihnen kämpfen, sondern islamistische Gangs aus aller Welt. Was haben all diese Europäer, Türken, Tunesier, Tschetschenen oder Saudis in meiner Heimat zu suchen? Diese bezahlten Terroristen zerstören unsere Kultur. Syrien hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Ich liebe mein Land. Deshalb wollte ich es nicht verlassen, solange es geht. Da draussen wäre ich wie ein Vogel, der aus einem Käfig entkommen ist, doch mit gebrochenen Flügeln. Aber dann: Welche Chancen gibt es für mich hier noch, ein würdevolles Leben zu führen?

Ein Freund Assefs hat sich neulich nach Kanada abgesetzt, ein anderer nach Brasilien. Europa war keine Option mehr für sie. Auch Assef hat jetzt Kanada ins Auge gefasst. Doch für einen neuen Pass müsste er bis zu 400 US-Dollar hinblättern, für junge Syrer ein unerschwinglicher Betrag. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein gefälschter syrischer Pass gar bis zu 2000 US-Dollar. Und der Krieg rollt unaufhaltsam auf Assef zu. Sobald er sein Studium im März 2017 beendet hat, soll er in die Armee eingezogen werden. Er erzählt es mit zittriger Stimme, in der Dunkelheit seines Zimmers.

Erstellt: 13.07.2016, 17:44 Uhr

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