Die revolutionären Würfe der Basketballerin im Kopftuch

Lina al-Maeena ist Profi-Sportlerin– und sorgt damit im patriarchalischen Saudiarabien für eine kleine Sensation.

Dreifache Mutter, Unternehmerin, Parlamentarierin und Basketballerin: Lina al-Maeena. Foto: David Degner (Getty Images)

Dreifache Mutter, Unternehmerin, Parlamentarierin und Basketballerin: Lina al-Maeena. Foto: David Degner (Getty Images)

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Der Ball klatscht ans Plexiglasbrett, er springt auf den Rand des Korbs, dann zur Aussenlinie. Lina al-Maeena fischt ihn mit der rechten Hand aus der Luft, passt zurück in die Mitte des Felds. Dort trainieren gerade ein paar junge Männer. Lina al-Maeena, neonrosa Turnschuhe, schwarzes Kopftuch, schwarzer bodenlanger Umhang, spielt Basketball schon seit ihrer Kindheit. In Saudiarabien, einem Land, das Frauen nicht nur das Autofahren verbietet.

Der Sportplatz von Jeddah United liegt zwischen Villen und unbebauten Grundstücken in der saudiarabischen Hafenstadt Jeddah am Roten Meer, umgeben von hohen Mauern. Lina al-Maeena ist die Chefin des Trainingszentrums. Sie ist fast immer hier. Auch dann, wenn sie gerade nicht selbst spielt. Bei Jeddah United trainieren Frauen und Männer nie gleichzeitig. So sind die Regeln.

Die schwarze Abaya, die bodenlange Verhüllung, die Körper­formen unsichtbar machen soll, ist Pflicht für Frauen in der Öffentlichkeit. Lina al-Maeena trägt eine Abaya aus atmungsaktivem Stoff, das Gewebe hat kleine Löcher, es wird auch für Basketball-Trikots verwendet. Auf Brust und Ärmel ist ein Wappen in Silbergrau und Rosa aufgestickt, dazu der Schriftzug von Jeddah United.

Zwei Körbe im Hof

Sie war es, die den Verein 2006 gründete und als Unternehmen eintragen liess. Anders als das Sportministerium gaben ihr die Handelskammer und das Wirtschaftsministerium Lizenzen. Es war der erste Club in dem islamischen Land, in dem Frauen spielten. Schon 2003 hatte Lina al-Maeena ihr erstes Team zusammen. Damals trainierte sie mit ehemaligen Schulkameradinnen, mit denen sie schon an einer privaten Highschool Basketball gespielt hatte. An öffentlichen Schulen ist Sportunterricht erst seit dem Jahr 2015 erlaubt. Und im kommenden Schuljahr soll er, wie das saudiarabische Bildungsministerium jetzt bekannt gab, überall angeboten werden.

Lina al-Maeena hat jahrelang dafür gekämpft. «Wir mussten uns früher in Privathäusern treffen. Zwei Körbe im Hof, los gings.» Heute hat ihr Verein über 500 Mitglieder und funktioniert als Unternehmen nach dem Vorbild kommerzieller Trainingszentren in den USA. Lina al-Maeenas Team ist die inoffizielle Frauen-Nationalmannschaft.

Die untergehende Sonne taucht das Gelände mit zwei Rasenplätzen und dem Basketballfeld in Goldorange. Dann erhellt gleissendes Flutlicht die Nacht. Der Abend ist die beste Zeit zum Trainieren, die Temperaturen am Tag sind unerträglich. Lina al-Maeena sitzt auf der Tribüne. Ihre Tochter läuft vorbei, klatscht ab, auch sie liebt Basketball. Lina al-Maeena ist erschöpft, noch immer klingelt ihr Handy fast ohne Pause, sie schiebt eine Haarsträhne zurück unters Kopftuch. Sie lächelt, wenn sie über ihren Sport spricht, und sie ist wütend, wenn es um die Rechte der Frauen geht, aber auch, wenn sie von Stereotypen und Vorurteilen spricht, «mit denen viele im Westen auf mein Land schauen».

«Gott, meine Familie und Basketball haben mich gerettet.»Lina al-Maeena

Sie ist dreifache Mutter, «unter vierzig», erfolgreiche Unternehmerin, Mitglied im Schura-Rat, dem beratenden Parlament, und in der Handelskammer von Jeddah. Das Wirtschaftsmagazin ­«Forbes» wählte sie 2014 unter die 200 wichtigsten Frauen im Nahen Osten. Sie will zeigen, dass sich etwas verändert in Saudiarabien, dass ihre Arbeit inzwischen akzeptiert wird, geschätzt bis ins Königshaus.

Als Delegationsmitglied begleitete sie den inzwischen zum Kronprinzen aufgestiegenen Muhammad bin Salman in die USA – auch wenn konservative Kleriker bis heute verbreiten, dass Sport die Jungfräulichkeit gefährde, und zu einer Verwestlichung der Gesellschaft führe. Und damit zum Verfall der Sitten und zur Förderung der Prostitution, im Land der heiligen Stätten des Islam, von Mekka und Medina. Nicht die Religion sei das Problem, sagt sie. Es seien die gesellschaftlichen Traditionen.

«Gott, meine Familie und Basketball haben mich gerettet», sagt Lina al-Maeena. Nach dem Studium in den USA bekam sie ihr erstes Kind – und fiel in eine tiefe Depression. So geht es vielen Frauen, aber sie hatte ihre eigene Therapie. Keine Medikamente. Lieber beten. Und Sport treiben. «Geh, geh, geh!», habe ihr Mann sie ermutigt. Also täglich 90 Minuten Training, Verausgabung, Endorphine. Das half.

Lina al-Maeena glaubt, dass sich die Mehrheit der saudiarabischen Frauen in Tanktops und Shorts vor Männern unwohl fühlen würde.

Dann machte sie einen Beruf daraus. «Ohne meine Familie wäre das nicht gegangen», sagt sie. Weil es damals überhaupt noch keine Kindergärten gab und ihre Mutter auf die Töchter aufpasste. Weil ihr Mann seinen Job bei einer Bank kündigte, um bei der Kinderbetreuung zu helfen und mit seiner Frau das Unternehmen aufzubauen. Und weil er ihr die Erlaubnis gab.

Frauen in Saudiarabien brauchten lange das Einverständnis eines männlichen Vormunds, wenn sie arbeiten, studieren oder reisen wollten – erst kürzlich hat der König die Vorschriften, mehr Gewohnheitsrecht als Gesetz, gelockert, immerhin. Doch manche Frauenrechtlerinnen in Saudiarabien sagen, solange nicht die Vormundschaft über die Frauen ganz abgeschafft sei, seien doch alle Reformen Fassade.

Lina al-Maeena glaubt, dass Sport ein Motor für den Wandel sein kann, dass sich aber die Mehrheit der saudiarabischen Frauen unwohl fühlen würde, in Tanktops und Shorts vor Männern zu spielen. Lange musste sie um Räume kämpfen, in denen ihr Team trainieren konnte; sie trafen sich in einem ausgedienten Fitnessstudio.

Erster internationaler Sieg

Sie möchte, dass Frauen aktiv werden, Sport treiben, statt zu Hause zu sitzen. Fettleibigkeit und Diabetes sind Volkskrankheiten in den Golfstaaten. «Teamsport fördert die soziale Kompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung», sagt sie – und verändert vielleicht ein Land, in dem heute bereits 56 Prozent der Universitäts­absolventen Frauen sind.

In Saudiarabien dürfen die Sportlerinnen nicht vor Männern spielen, im ­Ausland aber treten sie vor gemischtem Publikum an. Dann tragen sie weit geschnittene Trainingshosen, weisse ­Trikots über langärmeligen Shirts und weisse oder schwarze Kopftücher. Vor ein paar Monaten erst hat der saudische Basketballverband das auch bei internationalen Wettbewerben erlaubt. Im vergangenen Jahr waren Lina al-Maeenas Spielerinnen auf den Malediven. Da ­haben sie ihren ersten internationalen Sieg errungen. Wie gut das getan hat.

Erstellt: 19.07.2017, 20:47 Uhr

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