Zu Besuch in der ehemaligen Hauptstadt des Terrors

In Raqqa haben IS-Kämpfer einst Unschuldige gekreuzigt und Köpfe abgeschlagen. Wie leben die Bewohner heute?

Ein falscher Schritt kann tödlich sein: Bewohner von Raqqa. Foto: Delil Souleiman (AFP)

Ein falscher Schritt kann tödlich sein: Bewohner von Raqqa. Foto: Delil Souleiman (AFP)

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Will man die einst gefährlichste Stadt der Welt betreten, gelten strenge Regeln. Immer auf die Füsse schauen, niemals auf ein Kabel oder ein Stück Metall treten, weil das eine Sprengfalle auslösen könnte. Gleichzeitig den Blick nach oben nicht vergessen, weil aus dem Gewirr der geborstenen, ausgebrannten Häuser immer wieder Betonbrocken auf die Strasse stürzen. Vor allem aber, das ist die wichtigste Anweisung, immer auf die Worte achten, die an die Häuserwände gesprüht sind. Dort steht «cleared» oder «uncleared». Es sind die Wegweiser zwischen Leben und Tod. «Nicht geräumt» beschreibt, wo in den Trümmerbergen noch massenhaft unentdeckte Sprengfallen verborgen sind, die der sogenannte Islamische Staat (IS) zu Tausenden installierte. «Geräumt» sollte man aber auch nicht zu wörtlich nehmen.

So also beginnt ein Besuch in Raqqa, das mehr als drei Jahre lang vom IS besetzt und terrorisiert wurde. Raqqa war Hauptstadt, Regierungszentrale und Machtzentrum eines Terroristenstaates, der zeitweilig über ein Gebiet von der Grösse Grossbritanniens und mehr als sieben Millionen Menschen herrschte. Die Verhaltensregeln rattert ein kurdischer Begleiter am Stadtrand herunter, dort, wo ein Ortsschild steht, von Kugeln durchlöchert. Kurz dahinter steht der Checkpoint, die Stadt darf momentan nur mit Genehmigung der Kurdenmilizen betreten werden, die sie befreit haben.

Al-Raqqa sagen die Araber, es klingt ehrfurchtsvoll. Die Stadt hat eine lange Geschichte, hier residierte Harun al-Rashid, der Kalif aus «Tausendundeine Nacht». Später war Raqqa eine der kleineren Grossstädte, etwas mehr als 200'000 Einwohner, die es nicht einmal auf die Karte des Wetterberichts im syrischen Staatsfernsehen schafften. Dann, von 2014 an, kannte die ganze Welt die Stadt als Ort unfassbarer Grausamkeiten, die der IS in seinen Propagandavideos zur Schau stellte. Es gab Enthauptungen und Kreuzigungen auf den Plätzen der Stadt. Die Bilder waren eine Botschaft an Islamisten in aller Welt: Kommt nach Raqqa, lebt mit uns, mordet mit uns.

Sieg über das Böse

Die Befreiung von Raqqa im Oktober 2017 war ein grosses Symbol, es war ein Sieg über das Böse. Als kurdisch-arabische Einheiten der Demokratischen Kräfte Syriens auf dem Naim, dem Platz des Paradieses, einen Flaggenmast aufrichteten, erinnerte die Symbolik an das Hissen des Sternenbanners auf Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg. Es war eine Weltnachricht: Der IS geschlagen, die Menschen von Raqqa sind das Terrorregime los.

Aber sind sie frei? Sie wirken nicht befreit, man hört kein Lachen, man sieht die Angst in ihren müden Gesichtern, spürt den unsicheren Blick, mit dem sie durch die Strassen hasten. Den IS zu bekämpfen, war das gemeinsame Ziel einer internationalen Koalition, Russen, Amerikaner, Türken, Europäer machten mit. Raqqa zu befreien, war ein Ziel höchster Priorität. Das Schicksal seiner Menschen ist es nicht. Die Stadt liegt in Trümmern, fast nirgendwo fliesst Wasser, ein wenig Strom gibt es, er kommt aus Generatoren, die auf der Strasse stehen. Ihr Rattern ist das Geräusch der Stadt, ihre dunklen Qualmwolken hängen über den Abfallbergen im Rinnstein.

Drohnenvideo: Das verwüstete Raqqa

Die Stadt wurde erst kürzlich vom IS befreit. Video: Tamedia/AP

Nach Schätzungen einer gerade zurückgekehrten Expertengruppe der UNO sind 70 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt. Selbst diejenigen, die schon viel gesehen haben, sind erschüttert, sagen sie bei den Vereinten Nationen. An manchen Stellen in Raqqa scheint es, als wären die Kämpfe gerade erst zu Ende gegangen, am Bahnhof etwa herrscht ein Gewirr aus umgestürzten Lokomotiven, ausgebrannten Waggons, zerschmetterten Schienen. Nebenan klafft ein riesiges Bombenloch in den Weizenspeichern, das Gebiet um Raqqa war mal die Kornkammer Syriens. Heute sind hier sogar die Stümpfe der Palmen verkohlt. Russische und syrische Kampfflugzeuge bombardierten die Stadt, kurdische Milizen, die zum Teil mit der PKK verbunden sind, halfen ihnen dabei.

Auf dem Höhepunkt der Offensive flogen amerikanische Jets Hunderte Einsätze, zwischen der über Funk übermittelten Meldung der Kurden, wo sich ein IS-Scharfschütze verbirgt, und dem Einschlag einer Bombe verging nur eine Minute. In den eingestürzten Häusern liegen heute noch die Toten, überall riecht es nach den Leichen. Fliegenschwärme hängen in der Luft. Die Menschen sind dennoch zurückgekehrt, 100'000 sind es inzwischen nach UNO-Zählung, noch einmal so viele warten auf ihre Rückkehr. Als die Bewohner die Besucher bemerken, kommen sie aus den Ruinen und wollen zeigen, wo sie leben. Und wie sie leben. «Wann kommt Hilfe?», fragt eine Frau, «bitte sagen Sie, wann kommt Hilfe?» An diesem Tag sieht man in der Stadt kein schweres Räumgerät, keine Experten, die Minen entschärfen, keine Ausgabestation für sauberes Wasser, Essen oder Medikamente.

Raqqa ist eine arabische Stadt, die Kurden haben sie nur befreit, um den Amerikanern einen Gefallen zu tun. Das Assad-Regime hat hier nichts zu sagen. So fühlt sich niemand für die Menschen von Raqqa verantwortlich, sie kämpfen um ihr Überleben, räumen den Schutt beiseite, grillen Kebab, eröffnen kleine Läden, verkaufen Benzin und die unter dem IS verbotenen Zigaretten. Auch die gefährlichste Aufgabe übernehmen die Zurückgekehrten selbst – oder sie bezahlen Männer, die behaupten, es zu können: Sprengfallen entschärfen.

Bilder: Die Schlacht um Raqqa

Jeden Tag hört man dumpfe Explosionen. Jeden Tag gibt es Tote. Die Vereinten Nationen nennen unbestätigte Zahlen von 100 Verletzten und 120 toten Zivilisten im Monat. Sterben ist in Raqqa einfacher als überleben. Nur ein paar Hinweisschilder wurden aufgestellt, darauf die Fotos von typischen IS-Sprengfallen. Vorsicht vor Kochtöpfen, Fernsehern und Minen in täuschend ähnlich nachgemachten Steinen. Dazu eine Aufforderung an die Kinder, nur dort zu spielen, wo es sicher ist. Aber wo ist es sicher? Jeder schaut, wohin er seinen Fuss setzt, etwa wenn es runtergeht, in den Keller einer Kirche am Rand des Rashid-Parks.

Hier, erzählen die Anwohner, tagte eines der berüchtigten Scharia-Gerichte, im Keller sollen sich noch die Akten befinden, was eigentlich nicht sein dürfte. Denn eine internationale Koalition der Geheimdienste hat sich bereits vor dem Fall Raqqas darauf verständigt, in den IS-Gebieten jedes Blatt Papier einzusammeln, um festzustellen, wer sich den Terroristen angeschlossen hat, welche Funktionen sie hatten, an welchen Verbrechen sie beteiligt waren. Hunderte IS-Angehörige haben sich lieber ergeben, als den vermeintlichen Märtyrertod zu suchen, sie sitzen in Lagern der Kurden und in irakischen Gefängnissen. Aber oft fehlt es an Beweisen, um ihnen den Prozess zu machen. Deshalb werden die zurückgelassenen Papiere des IS dringend gebraucht.

Verhaftet wegen ein paar Zigaretten

Im Keller der Kirche gibt es einen Moment des Schreckens, im Dunkeln, kaum zu sehen, klafft ein Loch, zehn Meter tief, ein Eingang in das unterirdische System von Stollen, die der IS zur Verteidigung angelegt hat. Und dann, einen Raum weiter, ein ganzer Schrank voller Dokumente, Urteile, Anklagen. Achmed al-Hudeif, ist da zu lesen, verhaftet und vorgeführt von der islamischen Sittenpolizei am 21. April 2015 wegen des Besitzes von acht Päckchen Zigaretten «verschiedener Hersteller». In den Papieren finden sich auch die Namen der Sittenwächter, der Richter, der Ankläger. Nur ein paar Querstrassen vom Rashid-Park dann Berge von Papier, manche halb verbrannt nach den Luftangriffen, aber noch gut lesbar. In einem Ordner finden sich Zahlungsbelege in dreifacher Ausfertigung, es geht um den Einkauf von Waffen, Munition, Funkgeräten, oft geht es um sechsstellige Beträge. Die Namen von Käufern und Verkäufern sind säuberlich notiert. Gerechnet wurde, «Im Namen Allahs, des Barmherzigen», in Dollar.

Abfahrt zum Naim-Platz, eine Fahrzeugkolonne biegt laut hupend in den Kreisverkehr ein. Eine Hochzeit in Raqqa. Man will fragen, wie das geht in diesem Inferno, feiern. Aber der Fahrer tritt auf die Bremse. Raqqa ist befreit, aber nicht sicher. Und Hochzeitsgesellschaften sind ein beliebtes Ziel für die Schläferzellen des IS. Zwischen den Vordersitzen lehnt eine Kalaschnikow am Armaturenbrett. Am Naim lebten viele der europäischen IS-Kämpfer, ein Café, in dem sie sich trafen, liegt in Trümmern. Der Zaun aber, auf dem der IS die Köpfe der Enthaupteten aufspiesste und zur Schau stellte, ist heil geblieben. «Höllenplatz» haben ihn die Einwohner von Raqqa während der IS-Herrschaft genannt.


Bilder: Die Rache der Jesidinnen


Eine Dienstzeit als Soldat in der syrischen Armee, die frühere Arbeit als Journalist oder auch nur der Verdacht, gegen den IS zu sein, reichten aus für die Exekution. Manchmal richtete der IS in der Mitte des Naim auch Kreuze auf, die Delinquenten hingen dort tagelang. Oder er steckte diejenigen in Metallkäfige, die es gewagt hatten, während des Ramadan vor Sonnenuntergang ein Stück Brot zu essen. Neben dem Naim steht noch ein kleines Kino, sechs Reihen rote und grüne Sessel unter einem Ziegeldach. Hier zwang der IS die Bevölkerung, Filme der von ihm verübten Bestialitäten anzuschauen. Als Warnung.

Ein Moment der Fröhlichkeit

Es wird Zeit, die Stadt zu verlassen. Über Nacht könne man nicht bleiben, drängt der kurdische Begleiter, zu gefährlich. Auf der Fahrt hinaus liegt das Nationalstadion. Die Raqqawis, wie sie sich nennen, liebten Fussball. Während der IS-Herrschaft war die Arena das Gefängnis des IS-Geheimdienstes. In den Katakomben, wo sich die Spieler in ihre Trikots zwängten, wurde gefoltert. Die Spuren sind noch überall, die Inschriften der Kerkerinsassen, Metallgestelle, auf die die Opfer gebunden wurden, Patronenhülsen der Exekutionen. Von oben ist laute Musik zu hören. Die Raqqawis sind da, sie laufen auf, in Sandalen, Strassenschuhen, manche barfuss. Es gibt keinen Rasen, nur Erde, auf denen noch die Spuren von Panzerketten zu sehen sind. Gespielt wird gegen Tabqah, auch eine der vom IS befreiten Städte. Die Musik wird weiter aufgedreht, es schmerzt in den Ohren. Aber Musik zu hören, war mehr als drei Jahre lang verboten. Man konnte dafür erschossen werden. Es ist ein fröhlicher Moment in Raqqa. Er dauert 90 Minuten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 19:41 Uhr

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