«Die Tunesien-Saison ist gelaufen»

Grossbritannien warnt vor Reisen nach Tunesien, ein weiterer terroristischer Angriff sei sehr wahrscheinlich. Wie sieht es bei den Schweizer Reiseveranstaltern aus?

Kein Feriengefühl mehr: Ein maskierter tunesischer Polizist patrouilliert am Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba bei Sousse, wo ein Terrorist Ende Juni 38 Menschen erschossen hat. (29. Juni 2015)

Kein Feriengefühl mehr: Ein maskierter tunesischer Polizist patrouilliert am Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba bei Sousse, wo ein Terrorist Ende Juni 38 Menschen erschossen hat. (29. Juni 2015) Bild: Keystone

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Die britische Regierung ruft ihre Landsleute auf, Tunesien zu verlassen. Zwei Wochen nach dem Terroranschlag im Touristenort Sousse, bei dem unter anderem 30 Briten getötet wurden, geht sie davon aus, «dass ein weiterer terroristischer Angriff sehr wahrscheinlich ist», wie Aussenminister Philip Hammond am Donnerstag sagte. Die Reiseveranstalter First Choice und Thomson teilten wenige Minuten nach Bekanntwerden der Reisewarnung mit, dass sie alle Flüge nach Tunesien bis Ende Oktober abgesagt hätten. Auch Tunesien selbst warnt vor Terroranschlägen, am 4. Juli wurde ein 30-tägiger Notstand ausgerufen.

Anders als die britische Regierung rät das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) nicht von Reisen nach Tunesien ab. Es weist jedoch darauf hin, dass im ganzen Land das «Risiko von terroristischen Akten» bestehe. Dies schliesse auch die Badeorte mit ein. Das EDA empfiehlt erhöhte Wachsamkeit, «besonders an öffentlichen Plätzen wie Busbahnhöfen und Märkten sowie in der Nähe von Regierungsgebäuden, religiösen Kultstätten, Polizeistationen, Militäreinrichtungen, Museen oder anderen touristischen Sehenswürdigkeiten sowie an religiösen Feiertagen».

Andere Betroffenheit in Grossbritannien

Obwohl Grossbritannien Alarm schlägt, bleiben die Schweizer Reiseveranstalter ruhig und halten sich an die Empfehlungen des EDA. Dies zeigt eine Umfrage unter den drei grössten Reiseveranstaltern der Schweiz – Kuoni, Hotelplan Suisse und TUI Suisse.

«In Grossbritannien herrscht sicherlich eine andere Betroffenheit, weil die meisten Opfer des Anschlags von Ende Juni Briten waren», sagt TUI-Sprecher Roland Schmid. Die Einschätzung der Sicherheitslage durch die Aussenministerien der Herkunftsländer könne zudem stets unterschiedlich sein. «Es kommt immer wieder vor, dass Grossbritannien von Reisen an eine bestimmte Destination abrät, während es die Schweiz oder Deutschland nicht tut», ergänzt Kuoni-Sprecher Peter Brun und verweist auf Kenia, das letztes Jahr ebenfalls Ziel von Terroranschlägen an Touristenorten war.

Nur noch wenige Tunesienbuchungen

Von den rund 100 TUI-Suisse-Kunden, die zur Zeit des Anschlags in Tunesien weilten, wollte laut Mediensprecher Schmid keiner vorzeitig nach Hause reisen. Und von den bereits gebuchten Tunesienreisen werde aktuell die Hälfte angetreten, der Rest sei storniert oder umgebucht worden. «Neubuchungen für diese Destination treffen aber nur noch zögerlich ein, die Abnahme ist deutlich», sagt Schmid.

Bei Hotelplan Suisse wurden vor allem Ferien in Nordtunesien annulliert oder umgebucht, während von den Reservationen für die Insel Djerba rund die Hälfte bestehen blieb. Neubuchungen würden nur noch vereinzelt und mehrheitlich für Djerba registriert. «Bei der Umbuchung wählen Kunden oft Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Kroatien und Ägypten als Alternativen», sagt Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir auf Anfrage.

Kuoni hatte diesen Sommer laut Sprecher Brun ohnehin nicht viele Kunden mit Tunesienbuchungen – 35 waren zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort, heute fast keine mehr. Man habe schon 2014 wegen der geringen Nachfrage geplant, das Tunesienangebot für den Sommer 2015 zu verkleinern. «Im Nachhinein gesehen ein guter Entscheid», so Brun, «denn die Tunesiensaison ist nun gelaufen.» Doch direkt im Zusammenhang mit dem Terroranschlag vom 26. Juni haben die drei Reiseveranstalter ihr Angebot an Flügen und Hotels nicht reduziert, wie die Sprecher betonen.

Kaum mehr Flugkontingente

Die Reiseveranstalter tragen inzwischen ein tieferes Risiko beim Anbieten von Flügen, weil sie oft keine festen Charterkontingente mehr einkaufen, sondern ihre Kunden auf Linienflüge buchen. Hotelplan Suisse bietet allerdings Flüge mit dem eigenen Feriencharter Holidayjet an, der seit Ende März für den Veranstalter diverse Ferienziele anfliegt – darunter auch die tunesische Insel Djerba.

Umbuchungen und Annullierungen sind bei TUI Suisse und Hotelplan Suisse kostenlos möglich bei einer geplanten Abreise bis und mit 15. September. Bei Kuoni ist es der 31. Juli, doch diese Frist könnte noch verlängert werden, wie Sprecher Brun sagt. «Aber Rückholaktionen für Kunden vor Ort sind nach jetzigem Stand keine geplant.»

Erstellt: 10.07.2015, 15:19 Uhr

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