Die USA hatten ihren Erzfeind jahrelang direkt vor der Nase

Trotz 10 Millionen Dollar Kopfgeld: Taliban-Chef Mullah Omar lebte jahrelang nur wenige Kilometer von grossen US-Basen entfernt.

Von ihm gibt es nicht mehr als eine Hand voll unscharfer Fotos: Ex-Taliban-Chef Mullah Omar. Foto: Keystone

Von ihm gibt es nicht mehr als eine Hand voll unscharfer Fotos: Ex-Taliban-Chef Mullah Omar. Foto: Keystone

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Mullah Omar war der meistgesuchte Terrorist nach Osama bin Laden, dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Zehn Millionen Dollar hatten die USA auf den Kopf des Mannes ausgesetzt, der die radikalislamischen Taliban von 1996 bis zur US-Intervention 2001 anführte und sich weigerte, bin Laden an die USA auszuliefern. Doch vergeblich: Mullah Omar blieb nach der Intervention wie vom Erdboden verschluckt. Schliesslich erklärten die USA 2015, der einstige Taliban-Chef sei in einem Spital in Karachi gestorben. Wohl an Tuberkulose. Man habe gewusst, dass er sich in Pakistan verstecke.

Doch laut der niederländischen Journalistin Bette Dam starb Mullah Omar in Tat und Wahrheit in einer Hütte in Südafghanistan – keine fünf Kilometer von der grossen US-Basis Wolverine entfernt. Dam spricht in ihrem Buch, das demnächst auf Englisch erscheint, von einem totalen Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die keine Ahnung gehabt hätten, was vorgehe.

Der Leibwächter als Hauptzeuge

Die Journalistin hat für «Searching for an Enemy» mehr als fünf Jahre recherchiert. Sie sprach mit Freunden und Verwandten von Mullah Omar, mit Vertretern der Taliban, der afghanischen Regierung und der Amerikaner. Und sie hat einen Hauptzeugen: Jabbar Omari. Der einstige Taliban-Gouverneur wurde 2001 faktisch zu Omars Leibwächter und versteckte ihn 12 Jahre lang. Seine Familie liess der Taliban-Chef nach Pakistan bringen. Doch er selber traute den Pakistani offenbar nicht. «Was immer passiert, ich werde nicht dorthin gehen», sagte er laut Dam seinem Leibwächter.

Stattdessen verschanzte er sich mit Omaris Hilfe in Zabul, der Provinz im Südosten des Landes, die zwischen der pakistanischen Grenze und der Stadt Kandahar liegt. Omari brachte seinen Schützling im Haus seines Fahrers unter. In dem grossen Hof gab es ein Eckzimmer, die Tür war hinter einem hohen Schrank versteckt. Der Hof lag in der Nähe des Gouverneurssitzes, wo ein Mann regierte, der den Taliban nicht freundlich gesinnt war. Nach vier Jahren wurde die Unterkunft zu unsicher, weil die USA in unmittelbarer Nähe die Basis Lagman aufbauten. Einmal wurde das Anwesen sogar durchsucht, doch Omars geheimer Raum wurde dabei nicht entdeckt.

Mullah Omar habe nicht mehr gebraucht als Naswar, den afghanischen Kautabak, und Henna, um seinen Bart zu färben.

Die beiden Männer zogen ein paar Dutzend Kilometer weiter in den Süden, wo Omari für Mullah Omar am Rande eines abgelegenen Dorfes eine Hütte baute, die an ein weitläufiges Tunnelsystem angeschlossen war. Diesen Fluchtweg brauchte Mullah Omar schneller als gedacht: Kaum eingezogen bauten die USA in fünf Kilometern Entfernung die Basis Wolverine, wo zeitweise bis zu 1000 Soldaten untergebracht waren, unter ihnen auch amerikanische und britische Eliteeinheiten. Über die Köpfe der beiden Flüchtigen flogen nun täglich US-Jets, Soldaten marschierten vorbei. «Es war sehr gefährlich für uns dort», erzählt Jabbar Omari.

Mullah Omar habe die Zeit vor allem mit Beten verbracht, erzählt Omari. Auf ein altes Nokia-Handy ohne Simkarte habe er Koranverse gesprochen, um sie später anzuhören. «Er telefonierte nie, er wollte nicht entdeckt werden», sagt Omari in dem Buch. Nachrichten an seine Taliban-Kämpfer liess er per Kurier überbringen, auf Kassette oder mündlich.

Doch Mullah Omar sei am liebsten allein gewesen. Offenbar hielt er sich mit der britischen BBC auf dem Laufenden, die auch in Paschtu sendet. Den arabischen Frühling habe er mit den Worten kommentiert: «Das wäre ein Katastrophe für die arabische Welt.» Laut Omari hat der Taliban-Führer vier dicke Notizbücher mit seinen Gedanken gefüllt, offenbar in einer Art selber erfundenen Geheimsprache. Ansonsten habe er anspruchslos gelebt: Mullah Omar habe nicht mehr gebraucht als Naswar, den afghanischen Kautabak, und Henna, um seinen Bart zu färben.

Anfang 2013 wurde Mullah Omar krank. Laut seinem Beschützer Omari wollte er keinen Arzt und auch nicht ins Spital gebracht werden. Im April starb der einstige Taliban-Chef. Seine Kämpfer gaben noch weitere zwei Jahre Verlautbarungen im Namen von Mullah Omar heraus, bis sie 2015 gezwungen waren, den Tod zu bestätigen.

Mullah Omar hatte aus seinem Versteck heraus offenbar mehrmals interne Streitigkeiten geschlichtet und dient den Taliban bis heute als spiritueller Führer und Integrationsfigur. «Mullah Omar ist tot, aber er lebt mit uns, und wir kämpfen in seinem Namen und in seinem Geiste», zitiert die Autorin einen Taliban-Kämpfer, der den Mann, von dem es nicht mehr als eine Hand voll unscharfer Fotos gibt, nie gesehen oder gehört hat.

Erstellt: 11.03.2019, 17:46 Uhr

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