Die Vorleserin von Kabul

Mahsheed Mahjor liest in Kabul mit Kindern, um Traditionen zu hinterfragen.

Leitet den Lesezirkel: Mahsheed Mahjor. Foto: PD

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Jeden Freitag entfliehen die jungen Teilnehmer eines Lesezirkels in Kabul für zwei Stunden dem Alltag. Weil viele Kinder nicht selbst lesen können, veranstaltet die 25-Jahre alte Mahsheed Mahjor mit ihren ehrenamtlichen Mitstreiterinnen – allesamt junge Frauen – Vorlesestunden. Die Bücher behandeln Themen wie Privatsphäre, Umwelt oder Geschlechterrollen: Was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Oder, dass der Islam nicht die einzige Religion auf der Welt ist.

«Die Kinder sollen lernen, tolerant zu sein, doch es ist manchmal schwer, durch diese Themen zu navigieren», sagt Mahjor. «Ich versuche die Kinder zum Nachdenken und Fragenstellen anzuregen, aber nicht zu drängen.» Mit einem Stipendium konnte sie in den USA die Highschool besuchen und studieren. Dort lernte Mahjor die Idee des Lesezirkels kennen: «Ich dachte mir, in Afghanistan würde das viel dringender gebraucht.» Ihre Familie habe sie stets ermutigt zu lesen, sagt sie. Die meisten jungen Frauen in ihrer Heimat hätten dieses Privileg nicht. Gerade für Mädchen gebe es kaum Möglichkeiten, frei zu sprechen.

Die Narben sind sichtbar

Gemäss dem Global Peace Index ist Afghanistan das gefährlichste Land der Welt, nachdem es Syrien vom traurigen ersten Rang verdrängt hat. Eine ganze Generation kennt nichts anderes als den Krieg – Mahsheed Mahjor wurde mitten hineingeboren. Afghanistan hat zudem die niedrigste Alphabetisierungsrate der Welt. Mahjor spricht unverblümt die Probleme in ihrem Land an: Korruption, die fragile Staatlichkeit und vor allem: das Bildungssystem, das «nicht funktioniert».

Eigentlich wisse sie gar nicht, wo man anfangen sollte, um die Situation zu verbessern. Der Krieg und die Gewalt haben das Land Jahrzehnte zurückgeworfen. «Die Narben sind heute noch sichtbar», sagt sie. Mädchenschulen wurden zerstört und vielerorts nicht wieder aufgebaut. «Die Jungen sehen, dass ihre Schwestern nicht zur Schule gehen. Wenn sie einmal selbst Väter sind, glauben sie, das sei normal.» In der afghanischen Gesellschaft sei es ein Tabu, Männlichkeit zu hinterfragen, sagt Mahjor.

Lesen soll Frieden bringen

Der Bücherzirkel ist für viele die einzige Gelegenheit im Alltag, mit Mädchen oder umgekehrt mit Jungen in Kontakt zu kommen. Das sei jedoch wichtig: Nur so könnte das Problem der sexuellen Belästigung gelöst werden. «Diese Mystifizierung des anderen Geschlechts in unserer Gesellschaft ist gefährlich.» Es gehe ihr deshalb darum, dass die Kinder traditionelle Rollen hinterfragen.

Anfangs hatten die Eltern Vorbehalte, ihre Kinder zu bringen, weil sie glaubten, im Bücherzirkel würde das Christentum propagiert. Doch mittlerweile, sagt Mahjor, seien viele dieser Vorbehalte ausgeräumt. Erst vor kurzem kam ein Vater auf sie zu und sagte, er werde auch andere Väter ermutigen. Ein grosser Erfolg, sagt sie. Dass im ganzen Land Lesezirkel gegründet werden, sei typisch für ihre Generation, meint Mahjor. Es sind diejenigen, die nach dem 11. September 2001 sozialisiert wurden: Junge Menschen, die die Vorteile der Globalisierung kennen lernen – die durch soziale Medien ein Fenster in die Welt haben. Und so ist die junge Frau, die selbst in ihrer Heimat nur Krieg erlebt hat, optimistisch. «Afghanistan hatte immer eine literarische Tradition. Mit dem Lesen beginnt auch der Friedensprozess.»

Erstellt: 17.07.2019, 19:36 Uhr

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