Donald Trump handelt ohne jedes Augenmass

Die Tötung von General Soleimani durch eine amerikanische Kriegsdrohne ist ein Hammerschlag mit unberechenbaren Folgen.

Auf den Angriff folgten Protestkundgebungen auf den Strassen Teherans. Bild: Vahid Salemi (Keystone)

Auf den Angriff folgten Protestkundgebungen auf den Strassen Teherans. Bild: Vahid Salemi (Keystone)

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Er hat lange gezögert. Der Abschuss einer US-Drohne in der Golfregion blieb ungesühnt, auf die Störmanöver in der Strasse von Hormuz reagierte er mit symbolischen Truppenverlegungen, und nach dem Angriff auf eine saudische Ölraffinerie beschränkte er sich auf lauten Protest. Immer handelte es sich dabei um iranische Provokationen, mutmasslich zwar, aber doch sehr wahrscheinlich. Nun aber hat Donald Trump reagiert. Und dies mit einem Hammerschlag.

Mit der Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani traf der US-Präsident das Regime in Teheran in seinem Machtzentrum: Der berüchtigte General mit dem sanften Blick war de facto zugleich Geheimdienstchef, Aussenminister und Kommandant einer Spezialeinheit. Rechenschaft schuldig war er nur Revolutionsführer Ali Khamenei. Mit dem Befehl des Drohnenangriffs auf Soleimani hat der Oberkommandierende der Vereinigten Staaten deshalb eine unsichtbare Mauer durchbrochen, jene Mauer, die bisher einen offenen Krieg verhindert hat.

Bei Donald Trumps Amtsantritt gab es zwischen dem Iran und den USA ein Abkommen. Jetzt sind die Risiken nicht mehr abzuschätzen. 

Washington musste irgendwie auf den versuchten Sturm der amerikanischen Botschaft in Bagdad reagieren. Nur schon, weil die Geiselnahme amerikanischer Botschaftsangehöriger 1979 in Teheran bis heute traumatisch nachwirkt. Aber weshalb jetzt plötzlich ein so prominentes Ziel, einen Volks- und Kriegshelden gar? Ohne Zweifel hat Soleimani viel Blut an den Händen, nur dank ihm ist in Syrien Diktator Bashar al-Assad noch an der Macht. Auch hat Soleimani Terrororganisationen wie der libanesischen Hizbollah oder dem Islamischen Jihad im Gazastreifen zum Aufstieg verholfen.

Dennoch ist seine Tötung nicht vergleichbar etwa mit jener Baghdadis, jenes anderen islamistischen Schurken, den Trump vor einigen Monaten zum angeblichen Märtyrer befördern liess. Baghdadi war der Anführer des Islamischen Staats, einer Terrorsekte. Soleimani dagegen gehörte zum innersten Machtzirkel einer stolzen, Jahrhunderte alten Nation, der viel daran liegt, ihr Gesicht zu wahren. Genau deshalb haben Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama davon abgesehen, Soleimani töten zu lassen: Sie fürchteten einen neuen grossen Krieg am Golf.

Donald Trump lässt solches Augenmass vermissen. Mit der Folge, dass er das Risiko einer Eskalation nicht mehr kontrollieren kann. Als er sein Amt angetreten hat, bestand zwischen den USA und dem Iran ein Modus vivendi. Das Atomabkommen mit dem Iran – wenn auch längst nicht perfekt – schränkte die Gefahren ein. Die USA konnten den Konflikt zumindest partiell managen. Seit aber Trump das Abkommen im Mai 2018 gekündigt und die jahrelange diplomatischen Knochenarbeit der Regierung Obama zunichte gemacht hat, sind die beiden Erzfeinde auf Konfrontationskurs. Langsam aber stetig, es war eine Art Kubakrise in Zeitlupe. Nun aber stehen sie sich gefährlich nahe gegenüber, so wie 1962 die USA und die Sowjetunion.

Ausgerechnet der Präsident, der seinen Wählern versprochen hatte, die amerikanischen Soldaten heimzuholen, steht davor, sich in neue Kriege zu verwickeln.

Trumps Aussenpolitik kennzeichnet generell fehlendes Augenmass. Nur so lässt sich die Brüskierung alter Alliierter oder seine beispiellose und strategiefreie Charmeoffensive gegenüber einem Herrscher wie Kim Jong-un erklären. Er setzte auf seine Männerfreundschaft zum Diktator in Pyongyang, ausser Acht lassend, dass die nordkoreanischen Atomwaffen essentiell sind für dessen Machterhalt. Es kann daher nicht verwundern, dass Kim Jong-un in seiner martialischen Neujahrsansprache mit neuen Nukleartests drohte.

So steht jener US-Präsident, der seinen Wählern versprochen hat, die amerikanischen Soldaten heimzuholen, kurz davor, sich in neue ferne Kriege zu verwickeln. Der Iran hat bereits Rache geschworen und dürfte ebenfalls den grossen Hammer auspacken. Kommt es zum Krieg, wie befürchtet wird, wäre er kaum vergleichbar mit den amerikanischen Feldzügen am Golf von 1990 oder 2003. Vielmehr würde er die gesamte Region erfassen, nicht nur die USA und den Iran, sondern wahrscheinlich auch den Irak, Israel, Syrien, den Jemen und Saudiarabien, vielleicht sogar die Türkei – der Nahe Osten als grosses Schlachtfeld. Das wäre dann Donald Trumps Krieg.

Erstellt: 03.01.2020, 17:49 Uhr

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