Durch die Hölle

Im westafrikanischen Agadez rüsten sich junge Männer für die Fahrt durch die glühende Sahara. Das Ziel ist Europa. Doch nicht alle überleben.

Flüchtlinge besteigen einen Lastwagen in Agadez. Die Fahrt durch die Sahara ist so gefährlich wie jene übers Mittelmeer. Foto: Joe Penney (Reuters)

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Die Hitze brennt wie ein Bügeleisen auf der Haut. Harmattan, der Wüstenwind, fegt den Staub durch die Strassen der Stadt: Erbarmungslos setzt sich der feine Sand in den Augen, auf den Zähnen und in den Ohrmuscheln ab. Wer es sich leisten kann, zieht sich jetzt hinter die dicken Mauern einer ­Auberge zurück – und dabei ist es noch nicht ­einmal Mittag in Agadez in der Republik Niger.

Trotzdem ist alle Welt auf den Beinen. Auf einem Strassenmarkt im Zentrum der Stadt sucht sich eine Gruppe Ghanaer Axtstiele aus Holz aus, die ihnen bei der bevorstehenden Fahrt durch die Sahara auf der Ladefläche eines der «Taliban» genannten Pick-ups als Haltegriffe dienen sollen. Spindeldürre Jungs aus Gambia decken sich mit Wasserkanistern ein, ohne die sie die viertägige Reise durch die Wüste nicht überleben würden. Und in der ­Filiale der Sonibank hat sich vor dem Western-Union-Schalter eine Schlange junger Senegalesen formiert: Jeder der gut 20-Jährigen hebt noch schnell 200'000 CFA-Francs ab, umgerechnet etwa 330 Franken. Die sollen sie zumindest über die ­nig­rische Grenze hinweg in die 1700 Kilometer ­entfernte libysche Oasenstadt Sabha bringen.

Hier beginnt der härteste Abschnitt einer zum Teil ­Jahre dauernden Reise.

Montagmorgen ist Rushhour in Agadez. Aus allen Teilen Westafrikas angereiste Migranten treffen die letzten Vorbereitungen für ihre Fahrt durch die Sahara, den härtesten Abschnitt ihrer zum Teil ­Monate oder gar Jahre dauernden Reise ins gelobte Europa. Am späten Nachmittag wird das nigrische Militär einen Konvoi zusammenstellen, dem sich ausser einigen Dutzend Lastwagen auch weit über einhundert Schlepper mit ihren «Talibans» anschliessen. Die Soldaten werden die Laster und Pick-ups bis Dirkou, ein 650 Kilometer entferntes Garnisonsstädtchen in der Sahara, begleiten: Von dort setzen die Schlepper ihre Reise dann ohne Schutz fort. Woche für Woche werden Tausende von Afrikanern so durch die Wüste in Richtung ­Tripoli geschleust, wo sie ihre nicht selten tödliche Überquerung des Mittelmeers antreten.

Die Etappe durch die Sahara hat es allerdings kaum weniger in sich: Paloma Casaseca von der Internationalen ­Organisation für Migration (IOM) geht davon aus, dass die Wüste fast genauso vielen Menschen zum Verhängnis wird wie das Mittelmeer. Erst vor zwei Monaten seien wieder 35 Leichen in zwei gestrandeten Lastwagen gefunden worden, erzählt die junge Spanierin: Wie viele Menschen für immer im Sandmeer verschwinden, weiss keiner.

Der Exodus-Mann

Ahmed Bello greift noch einmal kräftig zu. Der 34-jährige Tuareg sitzt in seiner schmucklosen Hütte am Nordrand der Stadt und lässt zu kleinen Bällchen geformten Reis mit Hühnersosse in seinem Mund verschwinden. Einst chauffierte Bello europäische Touristen zu Exkursionen in die Wüste, doch seit dem Tuareg-Aufstand vor acht Jahren und der anschliessenden Entführungswelle ­europäischer Reisender durch islamistische Extremisten sind die begüterten Besucher weggeblieben. Jetzt sucht sich der Chauffeur an afrikanischen Migranten schadlos zu halten: Die zahlen zwar nicht so gut, doch dafür kann er mindestens 25 von ihnen auf seinen Toyota Hilux quetschen. Westliche Touristen fanden dagegen nur drei in seinem Fahrzeug Platz.

Bello nennt sich selbst den Exodus-Mann. Er biete seinen Kunden eine wichtige Dienstleistung an: Die Migration sei in diesem Teil der Welt schon seit Jahrzehnten gang und gäbe, sagt der Chauffeur. Respekt scheint er vor seinen Kunden dennoch nicht aufzubringen: Er pflege mit einem derartigen Karacho über die Sandpiste zu brettern, dass immer mal wieder ein Fahrgast von der Ladefläche fliege, erzählt Ahmed Bello lächelnd. Ernsthaft verletzt werde dabei in der Regel keiner: Die über Bord Gehenden landeten meist weich im Sand. In der Regel fahre er nachts, fährt der Chauffeur fort. Und wenn er nach einer kurzen Rast wieder auf die Piste dränge, setze er seinen Gürtel ein, um die erschöpften Passagiere auf die Ladefläche zurückzutreiben. Für die gut viertägige Reise nach Sabha nimmt der Chaffeur umgerechnet 4000 Franken ein. Davon gehen 500 für Benzin drauf. Den Rest muss er sich mit seinem Vetter, dem «Passeur» genannten Schlepper, teilen. Der kümmert sich um die ­Kundenwerbung, ihm gehört auch der Wagen.

«Wir Afrikaner befinden uns seit Hunderten von Jahren in Bewegung.»Feltou Rhissa, Bürgermeister von Agadez

Sein erster Fahrgast wartet in Bellos Hütte ­bereits ungeduldig auf die Abfahrt. Er heisst Ismael Illa, ist 19 Jahre alt und taub. Ismael hat gelernt, die Worte von den Lippen seines Gegenübers abzu­lesen: Sein strahlendes Gesicht verrät, dass er es kaum erwarten kann, die Heimat in Richtung ­Libyen zu verlassen. Von der dort lauernden Gefahr will weder Ismael noch seine Familie etwas wissen: IOM-Sprecherin Casaseca weiss von Migranten zu berichten, die in Libyen wie Sklaven ­gehalten würden. Wenn ein Arbeitgeber die westafrikanischen Migranten nicht bezahlen wolle, schicke er sie nach einem halben Jahr einfach ohne Sold über die Wüste zurück.

Jamal Kwabena blieb von solchen Misshand­lungen bislang verschont. Der muskelbepackte Ghanaer arbeitete bereits zweimal als Anstreicher in Libyen, bis er sein Gastland aus Sicherheits­gründen fluchtartig verlassen musste. Mehrere Monate schlug sich Kwabena zu Hause in Accra mit dem Verkauf von Handys durch. Doch nachdem ihm seine Mobiltelefone ständig geklaut worden waren, machte sich der 28-Jährige wieder auf den Weg. Dieses Mal will er es bis nach Europa schaffen. In der Nähe von Frankfurt lebt ein Vetter von ihm, bei dem er unterkommen könne: Dort will er dann Computertechnologie studieren.

Ein Gesetz gegen den «Menschenhandel»

Kwabena sitzt in einem Verschlag im Hinterhof eines Hauses in Agadez, das Insider ein Ghetto ­nennen. Die rund 130'000 Einwohner zählende Wüstenstadt verfügt über unzählige solcher ­Ghettos, in denen die Migranten vor ihrer Wüstendurchquerung noch ein paar Tage – manche auch Wochen oder sogar Monate – verbringen, um die nötigen Mittel zusammenzukratzen. Die Behörden dulden die Ghettos stillschweigend, obwohl die «wirtschaftliche Nutzung» der Migration seit April im Niger eigentlich verboten ist.

Auf Drängen der Europäischen Union verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das den «Menschenhandel» unter Strafe stellt – doch zwischen Theorie und Praxis klafft eine mächtige afri­kanische Lücke. Schon auf dem Weg nach Agadez, den die Migranten mit Bussen zurücklegen, werden sie an Strassensperren schamlos von Polizisten ­geschröpft. Und in Agadez nimmt das nigrische ­Militär den Schleppern unverfroren einen Obolus für die Aufnahme ihrer Pick-ups in den Militärkonvoi ab. «Unter solchen Bedingungen», sagt ein ­Diplomat, «macht das Gesetz natürlich wenig Sinn.»

Filip de Cheuninck hat trotzdem noch nicht aufgegeben. Der belgische Polizeikommissar empfängt seine Besucher im vollklimatisierten Büro in der Hauptstadt Niamey, von wo aus de Cheuninck ­eigentlich die Koordination zwischen den verschiedenen nigrischen Sicherheitskräften stärken und deren Kampf gegen den islamistischen Terror, den Waffen- und Drogenschmuggel unterstützen soll. Vor einigen Monaten wurde dem Polizeibeamten allerdings eine weitere Aufgabe aufgebrummt: ­Gemeinsam mit 45 europäischen und 30 lokalen Mitarbeitern soll er auch die Migration durch den Niger eindämmen, den mit Abstand grössten Reisestrom im Westen Afrikas.

«Kein einziger meiner Freunde ist zu Hause geblieben.»Dembo (19) aus Gambia

Der Belgier meint, tatsächlich etwas ausrichten zu können. Zwar herrscht im westafrikanischen Staatenbund Ecowas weitgehende Reisefreizügigkeit: Nigerianer, Senegalesen, Gambier oder Ivorer brauchen lediglich einen Personalausweis, um sich in der gesamten Region frei bewegen zu können. Trotzdem könnten Migranten bereits an der Grenze in den Niger abgewiesen werden, meint de Cheuninck: Denn ohne triftige Gründe für ihre Reise dürften sie von den Grenzbeamten eigentlich nicht durchgelassen werden. Seit der Verabschiedung des Gesetzes seien schon mehr als dreitausend Migranten abgewiesen worden, sagt der Euro-Polizist. Angesichts der weit über 150'000 Migranten, die nach Angaben der IOM allein in diesem Jahr bereits durch Agadez geschleust worden sind, allerdings kein Grund, um Triumphe zu feiern.

De Cheunincks Polizistentrüppchen ist nicht die einzige europäische Reaktion auf den Migrantenboom. Auch durch Entwicklungshilfe will die Union dem westafrikanischen «Migrationsdruck» ent­gegenwirken: Wer zu Hause ein akzeptables Leben führen könne, so die Logik, werde die lebensgefährliche Reise nach Europa erst gar nicht antreten. Allerdings steht noch nicht einmal fest, welche Motive bei der Migration eigentlich entscheidend sind. Oft sind es ausgerechnet Abiturabsolventen wie Jamal Kwabena, die von ihrer Familie zum Geldverdienen ins Ausland geschickt werden (oder auf eigene Faust losziehen). In manchen westafrikanischen Staaten wie in Gambia gibt es allerdings ganze Regionen, die von jungen Männern praktisch entvölkert sind. «Kein einziger meiner Freunde», erzählt der 19-jährige Gambier Dembo auf dem Busbahnhof von Niamey, «ist zu Hause geblieben.»

Durch Migration zur Boomtown

Feltou Rhissa, der Bürgermeister von Agadez, hat bislang weder etwas von «Eucap Sahel» noch von den neuen IOM-Plänen gehört. Er glaubt auch nicht daran, dass die Wanderungsbewegungen so einfach unterbunden werden könnten: «Wir Afrikaner befinden uns doch schon seit Hunderten von Jahren in Bewegung.» Allerdings räumt der mit ­einem weissen Turban bedeckte Tuareg ein, dass der Migrantenstrom in diesem Jahr bislang beispiellose Ausmasse angenommen habe: Zu Spitzenzeiten hätten bis zu 15'000 Menschen pro Woche Agadez passiert. Das habe der Wüstenstadt einen ungeheuren Boom beschert: Überall seien neue Häuser, Banken und sogar elektronische Geld­maschinen aus dem Boden geschossen.

Seine Stadt werde durch den Ansturm allerdings auch vor grosse Probleme gestellt, fügt er hinzu: Die Strom- und Wasserversorgung sei an ihre ­Kapazitätsgrenze gelangt, gleichzeitig schiesse sowohl die Zahl der Verkehrsunfälle wie der Verbrechen in die Höhe. Für den beispiellosen Exodus macht der Bürgermeister nicht zuletzt die Europäer verantwortlich, die mit der Entmachtung von  Mummar al-Ghadhafi und der Destabilisierung Libyens ein wichtiges Auffangbecken der Migration mutwillig zerstört hätten. «Wenn die Leute die ­libysche Hölle passiert haben, kommt ihnen das Mittelmeer richtig süss vor», sagt Rhissa. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2015, 20:28 Uhr

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