Viele glauben, Ebola sei eine Erfindung der Helfer

Plündernde Milizen und Verschwörungstheorien machen den Kampf gegen die Epidemie im Kongo zur schwierigen Mission. Besuch in Goma.

Noch vor kurzem glaubte ein Viertel der Bevölkerung im betroffenen Gebiet nicht, dass Ebola existiert. (Foto: Finbarr O'Reilly/NYT/Redux/laif)

Noch vor kurzem glaubte ein Viertel der Bevölkerung im betroffenen Gebiet nicht, dass Ebola existiert. (Foto: Finbarr O'Reilly/NYT/Redux/laif)

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Die Epidemie ist nicht unter Kontrolle. Im August vor einem Jahr ist Ebola im Osten der Demokratischen Republik Kongo ausgebrochen. Seither steigt die Zahl der Patienten jeden Tag, mal mehr, mal weniger. Mitte dieser Woche zählte das kongolesische Gesundheitsministerium 2522 infizierte Patienten. Davon sind 1698 Menschen gestorben.

Am Sonntag haben Ärzte erstmals einen Fall der ansteckenden Viruskrankheit in Goma, der Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, diagnostiziert. Das hat die ohnehin schon alarmierte internationale Gemeinschaft aufgeschreckt. Am Mittwoch stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Epidemie als «Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung» ein. Die WHO erhöht den Druck, damit die internationale Unterstützung steigt. Experten schätzen den Bedarf auf Hunderte Millionen Dollar, um Ebola im Kongo zu beenden.

Die WHO will vor allem verhindern, dass Ebola in die Nachbarländer überschwappt.

Vor dem Fall in Goma war die Epidemie vor allem auf eine Region um die Kleinstädte Beni und Butembo beschränkt, 300 Kilometer nördlich der Metropole. Goma hat eine Million Einwohner, darunter zahlreiche Entwicklungshelfer und Blauhelmsoldaten aus Europa, Amerika und Asien. Es gehen Flüge in die Hauptstadt Kinshasa und in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba, die beide an den internationalen Verkehr angebunden sind.

Die WHO will vor allem verhindern, dass Ebola in die Nachbarländer überschwappt. Goma grenzt an Ruanda. Täglich kommen 15'000 Menschen nach Goma, um zur Arbeit zu gehen, auf den Märkten Handel zu treiben, eine Schule oder die Universität zu besuchen. Würde sich die Epidemie in dieser Gegend ausbreiten und die Grenze geschlossen, wäre das eine menschliche und wirtschaftliche Katastrophe für den Kongo, der ohnehin schon eines der ärmsten Länder der Welt ist.

Ebola-Opfer war ein Wunderheiler

Im betroffenen Gebiet morden und plündern Milizen, die Pisten sind streckenweise schlecht, die Krankenstationen waren vor der Epidemie nur rudimentär ausgerüstet, das medizinische Personal oft nicht bezahlt. Als Ebola ausbrach, streikten gerade die Krankenschwestern. Das grösste Problem ist jedoch, dass Teile der Bevölkerung das Bemühen der Behörden und der ausländischen Helfer torpedieren, weil sie dem Staat misstrauen oder es einfach nicht besser wissen.

Ein Motorradtaxifahrer lässt seine Hände auf einer Strasse zwischen Butembo und Goma reinigen. Foto: John Wessels (AFP)

Der Ebola-Patient in Goma etwa hatte sich in Butembo angesteckt. Er war ein Prediger einer sogenannten Erweckungskirche und gab vor, Kranke durch Handauflegen zu heilen. Als es ihm selbst schlecht ging, reiste er in einem öffentlichen Bus nach Goma, statt in ein Spital zu gehen. Nach der Diagnose sollte er nach Butembo in eines der Ebola-Behandlungszentren transportiert werden. Er starb unterwegs.

Zwar wurden auch in Goma schon vor längerem vorsorglich Spitäler ausgerüstet, um Ebola-Patienten zu be­treuen. Aber die Infizierten sollen dort behandelt werden, wo sie angesteckt wurden. Ausserdem wollten die kon­golesischen Behörden den Patienten vermutlich aus politischen Gründen aus Goma hinausschaffen.

Es wird verbreitet, die Weissen hätten das Virus ins Land gebracht, um die Schwarzen auszurotten.

Manche Patienten mit Verdacht auf Ebola fliehen aus den Krankenstationen, weil sie fürchten, dort angesteckt zu werden, falls sie noch nicht infiziert sind. Auf diese Weise wurde die Krankheit nach Uganda getragen. Eine Familie mit einem fiebrigen Sohn schlich in der Nacht über die grüne Grenze. Sie wurde in den Kongo zurückgebracht. Eine infizierte Marktfrau hatte ebenfalls vorübergehend Uganda betreten. Seither ist dort kein Ebola-Fall mehr bekannt geworden.

Noch vor kurzem glaubte ein Viertel der Bevölkerung im betroffenen Gebiet nicht, dass Ebola existiert. Vielmehr würden die Helfer sie erfinden, um ihren Job zu behalten. Andere verbreiten, die Weissen hätten das Virus gebracht, um die Schwarzen auszurotten, da dem Westen das starke Bevölkerungswachstum in Afrika ein Dorn im Auge sei. In Wirklichkeit würden die Ärzte nicht gegen Ebola impfen, sondern die Menschen unfruchtbar machen. Einzelne Angehörige stehlen die Überreste ihrer verstorbenen Verwandten. Sie argwöhnen, Leichensäcke, Maske und Schutzanzug der Bestatter sollten vertuschen, dass die Helfer Organe entnähmen, um sie zu verkaufen. Solche Gerüchte verbreiten nicht nur ungebildete Menschen. Skrupellose Politiker, Geschäftsleute und Anführer von Sekten oder Bürgerwehren hetzen mit Erfolg die Bevölkerung auf. Da die Menschen von jahrzehntelanger Gewalt traumatisiert und von den korrupten Machthabern enttäuscht sind, sind sie für solche Manipulationen anfällig. Wütende Männer bewerfen die Ebola-Einsatzteams mit Steinen, zerstören Krankenstationen oder bringen sogar Ärzte, Laboranten und Koordinatoren des Einsatzes um. Die WHO registriert seit Januar 200 Attacken gegen Helfer. Sieben wurden ermordet.

Die Gewalt und das Misstrauen in der Bevölkerung haben ihre Ursachen in einer langen Vorgeschichte staatlichen und internationalen Versagens. Seit Jahren wütet eine brutale Miliz in der Region, in der Ebola ausgebrochen ist. Mehr als 1000 Dorfbewohner wurden umgebracht. 200'000 Menschen sind auf der Flucht. Weder die Armee noch die weltgrösste Friedenstruppe der Vereinten Nationen beenden das Drama. Die Bevölkerung fühlt sich allein gelassen. Viele fürchten eher die Milizen als Ebola. Dass plötzlich Heerscharen von Helfern in die Region kommen, stimmt sie skeptisch.

Von der Wahl ausgeschlossen

Auch die kongolesische Regierung hat das Vertrauen in der Bevölkerung verspielt. Obwohl die Stimmung längst aufgeladen war, hatte das Regime des früheren Staatsoberhaupts Joseph Kabila die Menschen in diesem Gebiet von der Präsidentenwahl im Dezember ausgeschlossen. Die Ansteckungsgefahr durch Ebola sei zu gross, hiess es. In Wahrheit sollte eine Hochburg der Opposition mundtot gemacht werden. Der neue Präsident Felix Tshisekedi kam nur aufgrund einer zweifelhaften Absprache mit Kabila an die Macht. Die internationale Gemeinschaft hat das hingenommen. Im Ostkongo reagierten viele mit noch mehr Frust und Misstrauen.

Die angereisten Helfer aus Kinshasa und dem Ausland haben zudem viele Fehler gemacht. Sie bemühten sich anfangs zu wenig, die Gemütslage der Menschen zu verstehen. Das ist erstaunlich, denn nach weltweiten Fehlschlägen in der Entwicklungszusammenarbeit beteuern die Hilfswerke längst, mit der lokalen Bevölkerung eng zusammenzuarbeiten.

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Nach Beni und Butembo kamen aber Experten, die die lokale Sprache nicht beherrschten, als sie über Ebola aufklären sollten. Ohne Rücksicht auf Traditionen und ohne eine für Einheimische verständliche Erklärung wurden Tote den Familien weggenommen. Die Wesen in Schutzkleidung, die ihre Lieben forttrugen, kamen den Hinterbliebenen wie bedrohliche Ausserirdische vor.

Neben der diffusen Angst geht es aber auch ums Geschäft. Das kongolesische Gesundheitsministerium kommentiert die WHO-Entscheidung, den internationalen Notstand auszurufen, mit den Worten: Man hoffe, dies sei nicht nur geschehen, um Budgets für die humanitären Akteure zu erhöhen.

Schädliche «Medienschlacht»

Tatsächlich kompliziert Geld den Kampf gegen Ebola. Angereiste Helfer verdienen ein Vielfaches der lokalen Bevölkerung. Sie akzeptieren völlig überzogene Mieten für Hotels, Wohnungen und Autos. Manche Helfer werfen in Bars mit Geld um sich. Das weckt Begehrlichkeiten. Lokale Kräfte wollen als Fahrer, Sanitäter, Übersetzer oder Reinigungskraft einen Teil des Kuchens abbekommen. Die Menschen im Ostkongo kennen die Hilfsindustrie seit langem. Aus ihrer Perspektive kommt mit den Weissen der Geldsegen. Wer geschickt die Hand aufhält, profitiert. Bei den anderen wächst die Eifersucht.

So bezahlen zum Beispiel Hilfswerke bestimmte Radios, damit sie Aufklärungsspots über Ebola senden. Jene Redaktionen, die nicht zum Zuge kommen, werden von Hetzern geködert. Sie senden entsprechend Falschinformationen. Ein Journalist aus der Region spricht von «Medienschlacht».

Fazit ist: Ein Jahr nach Ausbruch der Epidemie herrscht eine Vertrauenskrise. Doch immerhin lernen alle Beteiligten dazu. Die Helfer hören mehr auf die Bevölkerung. Die Einheimischen sehen ein, dass Ebola existiert, waschen öfter die Hände mit Chlorwasser und halten Abstand voneinander. Es wird allerdings dauern, bis Ebola aus dem Ostkongo verschwindet. Die Anfangsfehler wiegen schwer.

Erstellt: 19.07.2019, 21:07 Uhr

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