Impact Journalism

Eine App für bessere Noten

Weil Schüler in Gabun oft schwänzen, hat ein Software-Experte eine App programmiert, mit der Eltern, Lehrer und Lernende die Schularbeit besser im Griff haben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

von Pontallier Mabyalas Jeade, «Echos du Nord», Gabun

Es begann, als Edouard Claude Oussou einen beunruhigenden Vorfall beobachtete. In Libreville, der Hauptstadt von Gabun, wurde ein Kind von seinen Eltern zur Schule gebracht. Es wartete, bis die Eltern sich weit genug entfernt hatten. Dann lief es in die entgegengesetzte Richtung davon, weg von der Schule. Das ist keine ungewöhnliche Szene, die ein grösseres Problem im Bildungssystem von Gabun illustriert. Das Land hat die höchste Wiederholungsrate weltweit – doppelt so hoch wie im afrikanischen Durchschnitt – und die Quote erfolgreicher Abschlüsse in der Primarschule ist mit 37,2 Prozent sehr tief, wie die Weltbank feststellte.

Nachdem er die Szene beobachtet und damit verstanden hatte, warum in seinem Land so viele beim Lernen scheitern, stellte sie Oussou einige Fragen. Wie können Eltern erfahren, wo sich ihre Kinder im Umfeld der Schule aufhalten, sodass sie nicht immer erst am Ende des Trimesters schockiert feststellen müssen, dass das Kind durchgefallen ist? Wie kann ein Erfolg für die meisten Kinder garantiert werden? Der 35-jährige Geschäftsmann aus Gabun schaffte die App Scientia (Latein für Wissen), um bessere schulische Leistung zu fördern.

Unterschiedliche Versionen

Scientia hat drei Teile, die zusammenwirken. Erstens gibt es eine Onlineplattform, die in einer mobilen Version aber auch mit SMS und in anderen Formaten die Möglichkeit bietet, die Aktivitäten eines Schülers in Echtzeit und täglich zu verfolgen. Je nachdem, ob es sich beim Nutzer um Eltern, den Schuldirektor, einen Lehrer oder einen Schulmitarbeiter handelt, bietet die App unterschiedliche Oberflächen und Einstellungen.

So hat ein Schuldirektor einen Überblick über das Unterrichtsprogramm aller Lehrer an seinem Institut, und er oder sie kann Studenten, Lehrer, Prüfungen und sogar Noten verfolgen und lenken. Der Direktor kann mit Lehrern und Mitarbeitern direkt kommunizieren.

Lehrer können Daten eingeben über die Klassen, die sie unterrichten, vor allem zu Prüfungen, Noten und Benehmen. SMS-Warnungen können verschickt werden an Eltern, um ihnen zu sagen, dass ihr Kind in der Klasse fehlt, dass eine Prüfung bevorsteht, Hausaufgaben gemacht werden müssen oder ein Kind getadelt wurde.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Die Daten der App geben Hinweise auf die Qualität der Unterrichts und auf Bereiche, die verbessert werden müssen. Zudem zeigen die Daten die Schwachstellen einzelner Schüler, indem deren Noten über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.

Zudem hilft die App auch den Schülern, motiviert zu bleiben und neue Lernmethoden und -konzepte zu entwickeln. Andere Programme zur Begleitung von Schülern haben keinen Bezug zur Entwicklung der Schüler. Scientia enthält Module zur Persönlichkeitsentwicklung, zu Führungsstil und Selbstvertrauen. Das Ziel des neu gegründeten Unternehmens, das hinter der App steht, ist es, dass jeder Schüler über sich und seine eigene Zukunft nachdenkt, dass er oder sie sich auf das erwachsene Leben vorbereitet. Der innovative Ansatz wurde besonders gelobt beim Afrikanischen Geschäftsforum, kurz vor dem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union im November in Abidjan in der Elfenbeinküste.

Um die persönlichen Daten zu schützen, wird Scientia auf einem sicheren Server betrieben; ein Sicherheitszertifikat wird bei jedem Log-in eines Benutzers angezeigt. Alle Konten sind mit einem Passwort geschützt und in jeder Sitzung werden die Daten eines Schülers besonders überwacht. Eine Nutzerin hat nur Zugang zu Informationen, für die sie eine Berechtigung hat.

Bezahlung über die Schulgebühren

Für Oussou war es besonders schwierig, bei der Entwicklung von Scientia darauf zu achten, dass die Anwendung für jeden nutzbar ist, aber trotzdem bezahlt wird. «Wir bitten die Partnerinstitutionen, die monatlichen Schulgebühren für jeden Schüler um 5 US-Dollar zu erhöhen», sagt er. «Diese Gebühr wird dann von der Institution und Scientia geteilt.»

Obwohl das Scientia-System schon von fünf Schulen in Libreville angewandt wird, darunter drei staatliche Schulen, ist die App unter Gabuns Lehrkräften noch nicht weit verbreitet. «Es ist neue Technologie, eine neue Herangehensweise», sagt Oussou. «Es dauert oft lange, sich auf Neues einzustellen.» Zudem wartet er noch auf die offizielle Genehmigung des Bildungsministeriums für den Einsatz des System an staatlichen Schulen.

Andererseits gibt es schon Interessenten für Scientia ausserhalb von Gabun, nämlich in der Elfenbeinküste, in Burkina Faso und in Guinea-Conakry. Allerdings wünscht sich Oussou, dass seine Erfindung vor allem dem einheimischem Schulsystem zugutekommt, das durch eine Serie von Streiks geschwächt wurde und mit dem grossen Ansturm von Schülern kaum zurechtkommt.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Pontallier Mabyalas Jeade/«Echos du Nord», Gabun)

Erstellt: 11.06.2018, 16:37 Uhr

Artikel zum Thema

Coole Taschen aus Sitzleder

Impact Journalism Die Sitzpolster von alten Autos bestehen oft aus hochwertigem Leder. Statt dieses zu zerstören, stellt eine Start-up-Firma in Südkorea daraus begehrte Taschen und Rucksäcke her. Mehr...

Die Periode muss keine Last sein

Impact Journalism Drei Schwestern aus Singapur stellen wiederverwendbare Menstruationstassen aus Silikon her. Damit wird der Alltag für Frauen, die kaum Zugang zu Toiletten, fliessendem Wasser oder teuren Hygieneprodukten haben, erheblich erleichtert. Mehr...

Hier finden Kinder Gehör

Impact Journalism Das schweizerische Rechtssystem soll bis 2020 kindgerecht sein. Noch hat es grosse Lücken – ein Fall für die Kinderanwaltschaft. Mehr...

Paid Post

Sea Happy – abtauchen und Marken sammeln

Füllen Sie beim täglichen Einkauf Ihre Sea Happy Sammelkarte und freuen Sie sich über Geschenke mit Unterwasser-Flair.

Kommentare

Hier finden Kinder Gehör

Impact Journalism Bis 2020 soll das schweizerische Rechtssystem kindgerecht sein. Noch hat es grosse Lücken – ein Fall für die Kinderanwaltschaft. Mehr...

Geschichten, die Mut machen

Impact Journalism Analyse Am Impact Journalism Day geht es um Innovationen, welche die Welt ein Stück verbessern. Mehr...

Frauen schreiben für ihre Rechte

Impact Journalism In Afghanistan finden immer mehr Frauen zu einem neuen Selbstbewusstsein – den Free Women Writers sei Dank. Mehr...