Eine Festung ohne Mauer

Die Stadt Gwoza in Nigeria war das Hauptquartier von Boko Haram. Nach ihrer Befreiung ist sie Anlaufpunkt für Tausende Flüchtlinge.

Anstehen für zwei kleine Portionen Reis und Suppe pro Tag: Mittlerweile sind in der Region Borno fast zwei Millionen Menschen auf Nahrungshilfe angewiesen. Foto: Laif

Anstehen für zwei kleine Portionen Reis und Suppe pro Tag: Mittlerweile sind in der Region Borno fast zwei Millionen Menschen auf Nahrungshilfe angewiesen. Foto: Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sehen heisst verstehen, sagt der Volksmund, aber in diesem Fall ist aufschlussreicher, was man nicht zu Gesicht bekommt. Auf der Strasse, die sich wie ein schwarzes Band durch die braun gebrannte Landschaft zieht, ist kein einziges Fahrzeug und auf den Feldern kein Mensch auszumachen. Genauso wenig sind aus der Luft die in diesen Breitengraden sonst üblichen Rinder zu sehen. Oder Dächer aus glänzendem Wellblech, die Häuser bedecken.

Erst als sich unser Helikopter der ­nigerianischen Provinzstadt Gwoza ­nähert, wird auch das Sichtbare wieder bedeutend. Die zahllosen weissen Zelte zwischen den Häuserruinen; die Menschen, die zwischen Militärfahrzeugen auf den Strassen wuseln; und die Kanone, die neben dem Landeplatz steht. «Welcome in Gwoza», sagt ein nigerianischer Offizier zur Begrüssung: «Hoffentlich habt ihr auch schon euren Rückflug gebucht.»

Haut und Knochen

Gwoza ist eine Festung ohne Mauern im Reich des unsichtbaren Feindes. Gleich hinter den letzten Häusern der einst 40'000 Einwohner zählenden Stadt ­beginnt das Territorium der Extremisten, die regelmässig – zuletzt vor vier Tagen – Selbstmordattentäterinnen in die Flüchtlingshochburg schicken oder – wie gestern – Mädchen entführen. Bis vor ihrer Befreiung vor zwei Jahren diente die am Rand des Sambisa-Waldes, eines ehemaligen Nationalparks, ge­legene Stadt der islamistischen Boko-Haram-Sekte als Hauptquartier: Heute ist Gwoza eine Garnisonsstadt, in der über 60'000 Menschen von drei Ba­taillonen des nigerianischen Militärs ­bewacht und von einer Armee an internationalen Hilfskräften unterstützt ­werden.

«Wenn sie hier ankommen», sagt Leutnant Peter Ama, «sind sie nur Haut und Knochen.» Der Sanitäter meint die Flüchtlinge, die früher in grosser Zahl, heute nur noch vereinzelt aus dem Umland kommen: Bis vor wenigen Wochen seien in Gwoza noch täglich Menschen verhungert. Inzwischen haben die Hilfsorganisationen die Lage einigermassen in den Griff bekommen. Doch was auf dem aus Gründen der Sicherheit unzugänglichen Land passiere, sei eine andere Sache, sagt Geoffrey Ijumba von Unicef. Weite Teile der nordostnigerianischen Borno-Provinz seien für die Helfer unzugänglich, fügt der Regionalchef des Kinderhilfswerks hinzu: Genau genommen können nur die Städte erreicht werden, in Hubschraubern oder mit von Soldaten geschützten Konvois.

Neun Monate lang schlug sich die von der Aussenwelt abgeschnittene Gruppe im Busch durch und ernährte sich von Blättern und Wurzeln.

Hadisa Abubakar sitzt im Kreis mehrerer Dutzend Frauen am Rand eines gut hundert Zelte zählenden Flüchtlingslagers. Sie hält ihr sieben Monate altes Kind im Arm, das auf der Flucht geboren wurde. Dass während der Geburt alles glattging, ist wohl vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass die kleine Falmata bereits ihr achtes Kind ist. Gemeinsam mit 50 Männern, Frauen und Kindern floh die 30-jährige Mutter vor eineinhalb Jahren aus ihrem Dorf, als dieses von Boko-Haram-Kämpfern an­gegriffen wurde.

Neun Monate lang schlug sich die von der Aussenwelt abgeschnittene Gruppe im Busch durch und ernährte sich von Blättern und Wurzeln. Erst nach Falmatas Geburt erreichten sie schliesslich Gwoza, wo ihnen vier Zelte zugewiesen wurden. Dort leben sie nun von Hirse, die sie von Hilfsorganisationen bekommen, und von einem Mus aus Baobab-Blättern, die sie von den Bäumen zupfen. Ihre Ration reicht gerade mal für zwei kleine Mahlzeiten pro Tag. Mutter Hadisa stillt ihre Tochter noch, doch ihr dürrer Körper stellt zu wenig Milch her: Jetzt muss Falmata in der Klinik wegen Unterernährung behandelt werden. Im Gegensatz zu Syrien, wo arabische Regierungen zumindest für den nötigen Mittelzufluss sorgten, seien die Hilfswerke hier mit chronischer Geldnot konfrontiert, sagt Unicef-Mann Ijumba, der bis vor kurzem noch in Homs stationiert war. Der Staatenbund bat die traditionellen Geberländer um mehr als 1 Milliarde Dollar, um in Borno noch Schlimmeres abwenden zu können. Nicht einmal ein Fünftel davon wurde zugesagt.

Hilfsorganisationen berichten, dass Boka-Haram-Kämpfer Dörfer am liebsten nach der Verteilung von Hilfsgütern angreifen - sie haben es auf das Essen abgesehen.

Aisha Mohamadu kam mit ihrer 50-jährigen Mutter vor vier Wochen nach Gwoza, als das Militär ihr 15 Kilometer entferntes Dorf evakuierte. Boko-Haram-Kämpfer hatten regelmässig Galtan aufgesucht, um von den Dorfbewohnern Nahrungsmittel zu erpressen, berichtet Aisha: Weil er seine Ernte nicht hergeben wollte, sei ihr Bruder von den Sektenmitgliedern ermordet worden. Längst sind Nahrungsmittel in der seit acht Jahren umkämpften Borno-Provinz zu einer Waffe der Kriegsgegner geworden. Hilfsorganisationen berichten, dass Boka-Haram-Kämpfer Dörfer am liebsten nach der Verteilung von Hilfsgütern angreifen; auch ihre Konvois, die sie aus prinzipiellen Gründen nicht vom Militär beschützen lassen, seien ständigen Angriffen ausgesetzt. Nun ist die Regierung dazu übergegangen, die Landbevölkerung in die Städte zu schaffen, um die Extremisten von ihren Nahrungsmittelquellen abzuschneiden. Auf diese Weise drohen die Hilfsorganisationen zu Er­füllungsgehilfen der Staatsmacht zu werden: Sie halten die Bevölkerung am ­Leben, die das Militär zuvor aus ihren Dörfern geholt hat.

Brutale Methoden der Armee

Bei der Evakuierung wendeten die Soldaten zuweilen dieselben Methoden wie die Terroristen an, indem sie kurzerhand die Hütten anzündeten, klagt Mausi Segun von Human Rights Watch: Die Bevölkerung werde von der Armee praktisch «in Konzentrationslager» getrieben. UNO-Angaben zufolge sind in Borno inzwischen 1,9 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Produzierten vor dem Konflikt noch 90 Prozent der Provinzbewohner ihre eigenen Lebensmittel, sind es heute nicht einmal mehr 20 Prozent. Obwohl die in der Sahelzone gelegene Region unter brütender Hitze und chronischer Niederschlagsarmut leidet, waren hier Hungersnöte bislang fast unbekannt – die Bevölkerung wusste mit den widrigen klimatischen Umständen umzugehen. Doch gegen die Folgen des bereits fast 20'000 Menschenleben kostenden Bürgerkriegs war die Bevölkerung wehrlos: Mehr als zwei Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, fast 40 Prozent ihrer Häuser und Hütten sind nach Angaben der Weltbank zerstört.

Die Regierung in Abuja – von ihrem glücklosen Kampf gegen die Sekte weltweit blamiert – tat sich schwer damit, die sich abzeichnende humanitäre Katastrophe einzuräumen. Ausländischen Journalisten wird der Besuch der Provinz mit bürokratischen Mitteln so schwer wie möglich gemacht.

«Wir fürchten, dass Borno zu einem zweiten Darfur wird», sagt ein westlicher Gesandter in Abuja.

Die Zeche hat die Bevölkerung zu zahlen, die sich schon seit Jahrzehnten über die Vernachlässigung durch den Zentralstaat beklagt. Bornos Marginalisierung gilt als der wesentliche Grund für den ursprünglichen Zulauf zur Sekte: Boko Haram versprach den nordostnigerianischen Muslimen eine glorreiche Zukunft unter einem streng religiösen Kalifat. Wurde der Traum der Extremisten von den Streitkräften inzwischen zerschlagen, ist ein Ende der immer brutaler auftretenden Sekte nicht abzusehen. «Wir fürchten, dass Borno zu einem zweiten Darfur wird», sagt ein westlicher Gesandter in Abuja.

Gaaji Sanda sitzt neben einer Reihe mobiler Klohäuschen in einem der vier grossen Zeltlager von Gwoza und wischt sich Tränen aus den Augen. Die 75-Jährige hat in den Unruhen der vergangenen Jahre bereits zwanzig Mitglieder ihrer Familie verloren, zwei ihrer Enkelinnen wurden von Boko Haram entführt. Wann sie endlich in ihr zwanzig Kilometer entferntes Dorf Mudube heimkehren könne, weiss die Greisin nicht. «Ich bete jeden Tag darum.» Schon kündigt der erste Regen das Ende der Trockenzeit in Gwoza an. Doch bereits jetzt stehe fest, dass die Farmer auch in dieser Saison nichts anbauen könnten, sagt Unicef-Mann Ijumba. «Den Menschen hier steht das Schlimmste noch bevor.»

Erstellt: 03.05.2017, 22:06 Uhr

Artikel zum Thema

Geschwächt, aber nicht besiegt

Die tödlichste Terrormiliz der Welt ist in den Busch zurückgedrängt worden. Dennoch gelingt es Boko Haram noch immer, Kämpfer und Selbstmordattentäter zu rekrutieren. Mehr...

1,4 Millionen Kinder von Boko-Haram vertrieben

Der islamistische Terror in Nigeria hat eine gewaltige Migrationswelle ausgelöst. Die UNICEF und andere Hilfsorganisationen fühlen sich überfordert. Mehr...

Machtkampf bei Boko Haram

Kaum wurde der neue Chef der Terrormiliz bekannt gegeben, meldete sich der bisherige, totgeglaubte Führer zu Wort. Die Miliz ist gespalten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Wohin mit dem Freizügigkeitsgeld?

Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...