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Eine Mauer tief im Boden

Zum Schutz vor palästinensischen Tunneln errichtet Israel eine gewaltige unterirdische Barrikade. Der Bau ist weltweit einzigartig.

Gekappte Verbindung: Stillgelegter Tunnel im Gazastreifen. Foto: Ofira Koopmans (AFP)
Gekappte Verbindung: Stillgelegter Tunnel im Gazastreifen. Foto: Ofira Koopmans (AFP)

Es riecht modrig, die Luft ist schlecht. Selbst grössere Menschen können aufrecht stehen in dem Tunnel, der Rundbögen an der Decke hat und an den Wänden mit Beton präzise ausgegossen ist. Da und dort hängen noch Eisenverstrebungen herunter, dazwischen befinden sich Bruchstücke von Füllmaterial.

Zu besichtigen sind die Reste eines Tunnels unter der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel. Er führte bis zu 6 Meter tief unter die Erde und war nur noch einen Kilometer entfernt vom Kibbuz Kissufim, als ihn die israelische Armee Ende Oktober zerstörte.

Von «Terrortunneln» sprechen Vertreter der israelischen Armee, dazu gedacht, Schmuggelgut und Menschen in den Gazastreifen zu schleusen oder Zugang zu israelischem Territorium zu ermöglichen. Israel hat vor mehr als zehn Jahren eine Blockade verhängt, die inzwischen auch von Ägypten mitgetragen wird. Weitaus grössere Tunnel, über die sogar Fahrzeuge in den Küstenstreifen geschleust wurden, hat Israel im Gazakrieg 2014 aufgespürt.

Tote bei Bombardierung

Bei der Bombardierung Ende Oktober kamen im Tunnel etwa ein Dutzend Anhänger des Islamischen Jihad und der Hamas um. Nur das letzte, nach Israel führende Stück des Baus blieb erhalten. Nach Einschätzung der Armee war es ein Tunnel des Islamischen Jihad. Zwei weitere Tunnel, die der Hamas zugerechnet werden, wurden in den vergangenen zwei Monaten von den Israelis entdeckt und zerstört.

Nun will das Land den Tunnelbau vollständig unterbinden und baut deshalb die weltweit erste unterirdische Mauer dieser Art – zusätzlich zu einem höheren Zaun. Die Barrikade soll sich entlang des 65 Kilometer langen Gazastreifens gleich hinter der eigentlichen Grenze erstrecken. Im kommenden Jahr, spätestens in zwei Jahren, soll der Bau fertig werden. 570 Millionen Euro wurden im Verteidigungshaushalt für das Projekt reserviert.

Bei der Besichtigung der Tunnelreste erklärt Armeesprecher Jonathan Conricus rund zwei Dutzend ausländischen Journalisten, dass Israel vor der Zer­störung «einen guten Überblick hatte, in welchem Baustadium sie waren». Nach Einschätzung der Armee schaffen die Tunnelbauer 10 Meter pro Tag, wenn sie im Dreischichtsystem arbeiten. Dank neuer Sensoren und Geheimdienstarbeit, sagt Conricus, wisse man über entsprechende Aktivitäten Bescheid; man rechne mit weiteren Ent­deckungen in den nächsten Monaten. Es sei denn, die Hamas reagiere auf die verbesserten Fähigkeiten Israels, Tunnel aufzuspüren.

«Es ist furchtbar»

Warum man erstmals den Tunnel und den Mauerbau internationalen Medien präsentiere? Weil man zeigen wolle, welche neuen Methoden Israel entwickle, um dem Terror zu begegnen, der inzwischen auch andere Staaten bedrohe, sagt der Sprecher. Auf die Versorgungslage der zwei Millionen Menschen im Gazastreifen angesprochen, räumt er ein: «Die humanitäre Situation ist definitiv schwierig, das sehen wir auch. Von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen ist das furchtbar.»

Nach Angaben der Armee haben sich die LKW-Ladungen Richtung Gaza in den vergangenen Monaten halbiert. Conricus verweist aber darauf, dass selbst Hilfslieferungen missbräuchlich verwendet würden; so werde etwa Zement nicht für den Schulhaus-, sondern für den Tunnelbau verarbeitet. «Manches wird von europäischen oder amerikanischen Steuerzahlern bezahlt.»

Wenige Kilometer vom Tunnel bei Kissufim entfernt Richtung Grenzübergang Eres graben Bagger die Sandhügel um. Spezialmaschinen rammen Löcher tief ins Erdreich, sodass Hohlräume entstehen. Kräne manövrieren Metallgitter hinein, die 25 Meter hoch und mit Sensoren ausgestattet sind. Mithilfe von Rohren wird noch Beton eingefüllt, alle 6 Meter ein Stützpfeiler gesetzt. Wie tief die Barriere reicht, will die israelische Armee nicht bekannt geben. Der neue Zaun über der unterirdischen Mauer ist 8 Meter hoch – mehr als das Doppelte der bisherigen Barrikade.

Insgesamt vier Kilometer sind schon fertiggestellt, es wird an mehreren Stellen gleichzeitig gebaut, mehr als hundert Arbeiter sind an sechs Wochentagen rund um die Uhr im Einsatz. Der Grenzzaun ist nur wenige Meter entfernt. In Sichtweite sitzen auf Hügeln alle paar Hundert Meter Posten der Hamas. Einen Zwischenfall, der Arbeiter gefährdet hätte, gab es bisher nicht.

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