Eine Revolution, der weitere folgen müssen

Frauen in Saudiarabien dürfen jetzt einen Pass beantragen und reisen. Doch das System der männlichen Vorherrschaft ist noch längst nicht Geschichte.

Laut offiziellem Regierungsbeschluss dürfen Saudiaraberinnen noch in diesem August selbst einen Pass beantragen und mit diesem auch ausreisen. (Foto: Reuters)

Laut offiziellem Regierungsbeschluss dürfen Saudiaraberinnen noch in diesem August selbst einen Pass beantragen und mit diesem auch ausreisen. (Foto: Reuters)

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Auf diese Nachricht mussten die Frauen im saudischen Königreich jahrzehntelang warten: Laut offiziellem Regierungsbeschluss dürfen Saudiaraberinnen noch in diesem August selbst einen Pass beantragen und mit diesem auch ausreisen – zwar erst ab 21 Jahren, aber besser als nie, sagen die meisten. Der Beschluss ist für sie eine Revolution – und für viele Männer ein immenser Machtverlust. Bislang mussten Frauen eine Erlaubnis ihres männlichen Vormunds einholen. Das kam einer Entwürdigung gleich und manifestierte eine gesellschaftliche Rangordnung, in der immer der Mann das letzte Wort hat.

Das saudische Vormundschaftssystem ist ein äusserst sensibles Konstrukt, das in der islamischen Welt in dieser Form sonst nirgendwo existiert. Frauen sind Bürgerinnen zweiter Klasse, benötigten die Zustimmung eines männlichen Verwandten, um zu reisen, zu studieren oder zu arbeiten. Tatsächlich ist die Lockerung der Reisevorschriften erwartet worden, seitdem im vergangenen Jahr das Verbot, Autos zu fahren, aufgehoben worden war. Allerdings setzen die Herrschenden in Riad lieber auf eine schrittweise Abschaffung des Vormundschaftsprinzips als auf ein abruptes Ende. Sie wollen die Ultrakonservativen im Land wohl nicht komplett vergraulen.

Viele Einschränkungen bleiben

Aber, bei aller Euphorie: Das Vormundschaftssystem besteht weiter. Jede saudische Frau hat einen männlichen Vormund, der im Personenverzeichnis registriert ist – und den sie nicht selbst bestimmen kann. Für Heranwachsende ist es der Vater, für Verheiratete der Ehemann. Das System trägt bisweilen absurde Züge. Wenn zum Beispiel eine Frau sich scheiden lässt und ihr Vater bereits verstorben ist, kann ihr volljähriger Sohn zum Vormund bestimmt werden. Er entschied bislang, ob die eigene Mutter ausreisen darf. Das ist frauenverachtend – und nun, Gott sei Dank, Geschichte.

Doch viele Einschränkungen bleiben. So dürfen weibliche Gefangene, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben, nicht allein entlassen werden; ein männlicher Verwandter muss sie abholen und die Entlassungsurkunde unterschreiben. Weiterhin dürfen Frauen nicht heiraten, wen sie wollen. Der Vormund muss sein Einverständnis für eine Eheschliessung geben. Das patriarchale Stammesdenken in der saudischen Gesellschaft ist noch längst nicht Geschichte.

In den sozialen Netzwerken, die Millionen Saudis ausschweifend nutzen, fordern Frauen nun weitere Rechte. Ihre Hoffnungen setzen sie vor allem auf den Kronprinzen Muhammad bin Salman, der gerade mit überschwänglichem Lob bedacht wird. Er gilt als Gesicht der Moderne, der den Frauen – nach Jahren der Rechtlosigkeit – Freiheit und Gleichberechtigung schenkt. Seit der Ermordung des regimekritischen Publizisten Jamal Khashoggi im vergangenen Herbst ist er im Ausland höchst umstritten, er geriet sogar ins Visier der internationalen Ermittlungsbehörden. Umso wichtiger scheint dem Kronprinzen die innenpolitische Stimmung zu sein. Anerkennung ist ihm für die Lockerung der Reisevorschriften gewiss, zumindest bei der Hälfte der Bevölkerung.

Erstellt: 02.08.2019, 15:48 Uhr

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