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Ein Flüchtlingslager der Grösse Zürichs umsiedeln

Kenias Regierung will in Kürze mit der Räumung des grössten Flüchtlingscamps der Welt beginnen. Ein Experte nennt gute Gründe, die «Stadt der Verlorenen» zu retten.

«Stadt der Verlorenen»: Das Lager Dadaab beherbergt mittlerweile mehr als eine halbe Million Menschen.
«Stadt der Verlorenen»: Das Lager Dadaab beherbergt mittlerweile mehr als eine halbe Million Menschen.
Reuters

Nachdem die staatliche Flüchtlingsbehörde Kenias bereits aufgelöst wurde, will die Regierung des Landes jetzt schnellstmöglich auch die Flüchtlingslager Dadaab und Kakuma schliessen. Die Camps bestehen seit fast 25 Jahren und bieten mehr als einer halben Million Menschen aus den benachbarten Ländern Somalia und Südsudan Obdach. In beiden toben brutale Bürgerkriege.

Dass die Menschen angesichts dieser Situation nicht einfach in ihre Heimatländer zurückkehren können, lassen die Behörden bisher unkommentiert. «Die Gastfreundschaft ist zu Ende», verkündete Kenias Regierungssprecher nur und kündigte an, mit der Räumung in wenigen Tagen zu beginnen. Ein drastischer Schritt, den die Regierung des Landes offiziell mit der Terrorbekämpfung begründet.

Brutstätte des Terrors?

Im Lager Dadaab unweit der somalischen Grenze vermuten die kenianischen Behörden ein wichtiges Versteck und ein Rekrutierungs-Camp von Kämpfern der islamistischen Terrormiliz al-Shabaab.

Rund drei Jahre ist es her, dass Anhänger dieser Gruppe einen Anschlag auf das exklusive Westgate-Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi verübten und dabei ein Blutbad anrichteten. Damals starben nach offiziellen Angaben 67 Menschen.

Im Gespräch mit dem SRF äussert der britische Menschenrechtsaktivist und Buchautor Ben Rawlence jedoch starke Zweifel an der Terror-Theorie.

Druckmittel zur Erlangung von Geldern

«Es gibt keinen Beweis für terroristische Aktivitäten in diesen Flüchtlingslagern. Die Aussagen sind politisch motiviert», so Rawlence. Und weiter: «Klar suchen auch die Terroristen nach neuen Kämpfern. Sie tun das aber in Somalia – genau davor flüchten ja viele Menschen erst.»

Als eigentliches Motiv für die angekündigte Schliessung nennt Lawrence gegenüber SRF finanzielle Beweggründe. Die kenianische Regierung nutze die Lager als Druckmittel, um an Gelder für einen Militäreinsatz in Somalia zu kommen. Dort wolle die internationale Gemeinschaft nicht selber intervenieren.

Ein wenig Normalität im Ausnahmezustand

Über seine Erfahrungen als Menschenrechtsbeobachter vor Ort hat Ben Rawlence jetzt das Buch «Stadt der Verlorenen» veröffentlicht, in dem er neben dem Elend auch die anderen Seiten des Alltags im Flüchtlings-Camp thematisiert: «Klar gibt es viele arme Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Aber es gibt auch so etwas wie eine Mittelklasse; es gibt Schulen, eine funktionierende Wirtschaft und Spitäler.»

Die geplante Schliessung des Lagers kritisiert er nicht nur scharf im Hinblick auf eine Verletzung der Menschenrechte, sondern hält sie auch für logistisch unmöglich. «Das würde bedeuten», so Rawlence im Gespräch mit dem SRF, «eine Stadt von der Grösse von Zürich 100 Kilometer über die Grenze eines anderen Landes zu verlegen.»

Statt die Lager zu schliessen, solle Kenias Regierung die wirtschaftlichen Chancen nutzen, die diese zu Genüge böten. Zahlenmässig handle es sich um die drittgrösste Stadt Kenias. In der Hoffnung auf einen guten Job liessen sich mittlerweile sogar Kenianer selbst in Dadaab nieder.

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