Eine Wölfin gegen Erdogan

Der türkische Autokrat hat die Opposition fast mundtot gemacht. Die letzten Hoffnungen ruhen auf Meral Aksener. Wer ist diese Frau?

Will 2019 gegen Erdogan antreten: Meral Aksener von der Iyi Parti (Gute Partei).

Will 2019 gegen Erdogan antreten: Meral Aksener von der Iyi Parti (Gute Partei). Bild: Tumay Berkin/Keystone

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Recep Tayyip Erdogan ist von Feinden umzingelt. Diesen Eindruck will der türkische Staatspräsident täglich vermitteln. Er schnappt sich das Mikrofon, tritt breitbeinig vor Anhängern auf und attackiert gnadenlos seine vermeintlichen Gegner. Wer ihm zu gefährlich wird, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Der kurdische Politiker Selahattin Demirtas – er war Erdogans wichtigster politischer Gegenspieler – sitzt seit anderthalb Jahren hinter Gittern.

Nun hat Erdogan den Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu auf Schmerzensgeld verklagt. Kilicdaroglu hatte dem Staatschef vorgeworfen, der politische Arm der Gülen-Bewegung zu sein, die Ankara für den Putschversuch vom Juli 2016 beschuldigt. Seither hat die türkische Regierung 160’000 Menschen festgenommen, Tausende aus dem öffentlichen Dienst entfernt, gegen 50’000 Inhaftierte wurde Anklage erhoben. Der türkische Autokrat hat die Opposition fast mundtot gemacht.

Rechte Hardlinerin

Die letzten Hoffnungen ruhen auf Meral Aksener, die bei der Präsidentenwahl 2019 gegen Erdogan antreten will. Angst vor dem Autokraten hat diese Frau nicht. Sie ist eine rechte Hardlinerin, die angeblich fünfmal am Tag betet, aber die weitere Islamisierung der Türkei ablehnt, kein Kopftuch trägt und sich lautstark für eine prowestliche Türkei einsetzt. Aksener hat im vergangenen Herbst ihre eigene Partei gegründet: Die Iyi Parti (Gute Partei) soll eine Alternative zu Erdogans AKP darstellen. Weniger fromm als die AKP, dafür nationalistisch und laizistisch.

«Vor uns gebärdet sich unser Freund als starker Mann, erhebt sich in lyrische Höhen, aber gegenüber den USA ist er wie eine Katze, der man Milch gibt.»Meral Aksener über Erdogan

Seither tingelt Aksener durchs Land, um für ihre Partei zu werben – trotz Strassensperren und Gerüchten der regierungstreuen Presse, sie habe ihren Mann betrogen. Bei einem Auftritt in der Stadt Antakya im Süden des Landes verhöhnte sie Erdogan unter dem Beifall ihrer Unterstützer: «Vor uns gebärdet sich unser Freund als starker Mann, erhebt sich in lyrische Höhen, aber gegenüber den USA ist er wie eine Katze, der man Milch gibt.» Aksener ist lieber eine Wölfin. Sie wird Asena genannt: So heisst in der türkischen Mythologie eine Wölfin, die nach einem Massaker den letzten Überlebenden eines Stammes, einen Buben, aufnimmt, ihn säugt und grosszieht – und damit das türkische Volk rettet.

Die 61-jährige Aksener war in den 90er-Jahren kurz Innenministerin – die erste und bislang einzige Frau auf diesem Posten. Damals politisierte sie in der rechtskonservativen Partei des Rechten Weges. Als das Militär 1997 den ersten islamistischen Premier der Türkei, Necmettin Erbakan, mit einem «sanften Putsch» aus dem Amt drängte, ging Aksener auf die Barrikaden. Ein General drohte ihr mit einer grausamen Todesstrafe: Man werde sie auf einem «öligen Pfahl» vor dem Ministerium pfählen.

Steigende Umfragewerte

Doch auch nach dieser Niederlage blieb sie ein Dickschädel. Eine politische Heimat fand Aksener bei den Ultranationalisten der MHP. Vor dem Verfassungsreferendum in der Türkei im April 2017 verliess sie jedoch die Partei im Streit, weil MHP-Chef Devlet Bahceli Erdogans Pläne für ein autokratisches Präsidialsystem unterstützte. Für Bahceli sind die Kurden eine Plage, die PKK eine Terrorbande. Auch Aksener hat lange eine ähnliche Position vertreten, nun gibt sie sich moderater. Gleichzeitig versucht die Historikerin, enttäuschte Wähler der AKP für sich zu gewinnen. Die Repressionswelle des Regimes irritiert vor allem gut ausgebildete, politisch emanzipierte AKP-Unterstützer, die Erdogan zwar immer noch als Heilsbringer betrachten, aber Mühe haben mit der Demontage der türkischen Demokratie.

Meral Akseners Umfragewerte steigen. Bei einer eventuellen Stichwahl gegen Erdogan könnten weite Teile der Opposition die türkische Marine Le Pen unterstützen. Diese Möglichkeit hat die sozialdemokratische CHP bereits angekündigt, was keine grosse Überraschung ist, weil ihr Vorsitzender Kemal Kilicdaroglu bisher achtmal gegen Erdogan verloren hat.

«Niemand glaubte, dass es uns gelingen würde, eine Partei zu gründen, aber wir haben es getan. Nichts ist unmöglich.»Meral Aksener

Aksener wurde 1956 in der Stadt Izmit östlich von Istanbul geboren. Sie entstammt einer Familie der Rumeli Türkleri, wie die Balkantürken genannt werden, die 1923 in die Türkei umgesiedelt wurden. Aksener bleibt vorläufig die gefährlichste Herausforderin Erdogans. «Niemand glaubte, dass es uns gelingen würde, eine Partei zu gründen, aber wir haben es getan. Nichts ist unmöglich. Jetzt sagt man, wir würden keinen Erfolg haben. Aber ich sage euch: Wir werden uns durchsetzen», sagte sie beim Auftritt in Antakya. Als erste Präsidentin der Türkei werde sie sofort das Präsidialsystem Erdogans ausser Kraft setzen und die Rückkehr zur Parlamentsdemokratie einleiten. Bereits wird spekuliert, dass Erdogan die Präsidentenwahl vorziehen könnte – auf den 15. Juli 2018, genau zwei Jahre nach dem Putschversuch.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2018, 10:42 Uhr

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