Eines Tages standen Männer vor ihrem Haus und schossen

Déborah Mugisha musste aus Burundi flüchten. Jetzt lebt sie in einem Flüchtlingslager in Ruanda – zusammen mit 35'000 anderen Kindern.

Sie vermisst ihre Freundinnen: Déborah Mugisha würde gerne nach Burundi zurückkehren. Foto: Reto Albertalli

Sie vermisst ihre Freundinnen: Déborah Mugisha würde gerne nach Burundi zurückkehren. Foto: Reto Albertalli

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Manchmal schreckt Déborah Mugisha mitten in der Nacht auf und weiss für Minuten nicht, wo sie sich befindet. In ihren Träumen hört sie die Schüsse, die in ihrer Strasse fielen, sieht die Männer, die ihren Vater verfolgten und töten wollten. «Ich brauche dann jeweils einen Moment, bis ich realisiere: Meine Familie und ich – wir sind in Sicherheit.»

Déborah ist 14 und lebt seit vier Jahren im Flüchtlingslager Mahama in Ruanda in Ostafrika. Ihr Schicksal teilen rund 35'000 Kinder aus dem angrenzenden Binnenstaat Burundi. Sie mussten ihre Heimat wegen blutiger Kämpfe verlassen, die durch einen Putschversuch gegen den bis heute amtierenden Präsidenten ausgelöst worden waren.

Hilfsorganisationen sprechen von einer vergessenen Katastrophe.

Déborahs Familie hat sich in Burundi nicht politisch engagiert. «Aber wer nicht für den Präsidenten ist, ist gegen ihn. Wir gelten in unserem Land als Oppositionelle», sagt Déborahs Mutter. Eines Tages stand ein bewaffneter Trupp von Regierungsanhängern vor ihrem Haus. Die Männer schossen. Der Familie blieb keine Zeit, ihre Koffer zu packen. Sie rannten weg, die Kugeln verfehlten ihr Ziel. Die Mutter blickt nach oben, die rechte Hand auf der Brust, und sagt: «Ich lobe Gott dafür, dass er uns beschützt hat.»

Auch Déborah dankt Gott jeden Morgen für den neuen Tag. «Ich bin froh, hier zu sein», sagt sie. Mit ihrem Vater, der Mutter, drei Geschwistern sowie ihrer Tante und deren Baby teilt sie im Flüchtlingslager die vier Zimmer einer Lehmziegelhütte. «Zum Glück sind wir alle vereint. Aber hätte ich eine Wahl, würde ich gerne zurück nach Bujumbura in Burundi. Ich vermisse mein früheres Leben.» Déborah schmerzt, dass sie ihre Freundinnen zurücklassen musste. Die Ungewissheit darüber, wie es ihnen ergangen ist, quält sie. Die Lage in ihrer Heimat ist nach wie vor instabil.

Neue Flüchtlingswelle erwartet

Bereits zwischen 1993 und 2005 herrschte in Burundi ein Bürgerkrieg, in dem rund 300'000 Menschen starben. Die Kämpfe endeten mit einem Friedensabkommen, Pierre Nkurunziza wurde Präsident. Trotz heftigen Widerstands seiner Gegner gewann er fünf Jahre später die Wahl erneut. 2015 erklärte er, sich für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stellen zu wollen, was die Verfassung allerdings nicht erlaubte. Es kam zu Protesten, die Situation wurde zunehmend angespannt, bis sie im Mai 2015 eskalierte. Die Regierungspartei Burundis erhöhte 2018 dennoch die Legislaturperiode von fünf auf sieben Jahre und erlaubte Nkurunziza, 2020 wieder bei den Wahlen anzutreten.

Pierre Nkurunziza will wieder antreten: Der Präsident auf dem Weg zur Wahlstation im Jahr 2015. Foto: Keystone

Die junge Bevölkerung sieht keine Zukunft mehr und verlässt das Land, weshalb sich das Nachbarland Ruanda auf eine weitere Flüchtlingswelle vorbereitet. Experten rechnen mit bis zu 20'000 Menschen. Über 70'000 haben in den letzten Jahren in Ruanda bereits Schutz gefunden, die meisten von ihnen im Flüchtlingslager Mahama.

Dass die Flüchtlinge bald ausserhalb des Lagers leben oder gar in ihre Heimat zurückkehren können, ist unwahrscheinlich. Viele bleiben in Ruanda, wo sie zwar arbeiten dürften, ihre Möglichkeiten aber begrenzt sind. Hilfsorganisationen sprechen von einer vergessenen Katastrophe.

Sowohl Ruanda als auch Burundi haben eine bewegte Vergangenheit, was Flucht und Aufnahme betrifft. Beides sind Flüchtlingsgesellschaften, da die Menschen über Generationen hinweg auf der jeweils anderen Seite der Grenzen auf Sicherheit und neue Perspektiven hofften. Gemäss der UNO lebten Ende 2018 eine Viertelmillion Ruander als Flüchtlinge in anderen Ländern. Gleichzeitig lebten in Ruanda selber rund 145'000 Flüchtlinge – sie stammen vor allem aus Burundi und der Demokratischen Republik Kongo.

Um die Flüchtlingskrise zu bewältigen sind viele afrikanische Staaten auf die Hilfe von internationalen Organisationen wie dem UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR angewiesen. Zwar öffnen viele afrikanische Staaten ihre Grenzen, doch finanziell sind vor allem die Vereinten Nationen dafür verantwortlich, dass die Menschen versorgt und untergebracht werden. In Ruanda fehlen dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef bis Ende Jahr allerdings fast zwei Millionen Franken, um die burundischen Kinder mit dem Nötigsten zu versorgen. Allein für das Lager Mahama fehlen rund 85'000 Franken.

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Ruanda ist gegenüber Flüchtlingen offen. Präsident Paul Kagame, der seit 2000 im Amt ist, fordert gar, dass in Afrika Herkunft und Ethnien keine Rolle spielen sollen. Das hat mit der eigenen Geschichte zu tun: 1994 ermordeten radikale Anhänger der Hutu-Mehrheit während des Genozids bis zu eine Million Tutsi und gemässigte Hutu. Heute werden die Volksgruppen nicht mehr unterschieden, die Bezeichnungen sind verboten. Die neuen Generationen sollen ohne Vorurteile aufwachsen. Kinder sollen Kinder sein dürfen – gleichgültig, welcher Ethnie ihre Vorfahren angehörten. Und gleichgültig, ob sie ursprünglich aus Ruanda stammen oder Flüchtlinge sind.

Singen, tanzen, basteln

Im Flüchtlingslager Mahama kümmert sich Bernisse Nshimirimana um die Kinder. Scharen sich die Buben und Mädchen im Zentrum für Frühentwicklung um die Erzieherin, vergisst die 39-Jährige ihre Alltagssorgen. Einige Kinder spielen mit Handpuppen oder Holzklötzen, basteln Papierblumen. Andere singen «Frère Jacques» mit solcher Inbrunst, dass sich ihre Stimmen beinahe überschlagen. Manche Buben stehen um Trommeln und schlagen mit Stöcken wild darauf ein, während ihre Freunde rhythmisch mit den Füssen stampfen und die Hüften kreisen lassen. Geschrei und Lachen erfüllen den Platz. Bernisse sagt: «Ich liebe Kinder. Sie zu unterrichten, ist meine Leidenschaft.»

In der Gemeinde Busoni in Burundi war Bernisse einst Lehrerin. Wegen der politischen Unruhen floh sie mit ihrem Mann und den Kindern. «Wir sahen Menschen mit Macheten und dachten bloss noch daran, uns und unsere Söhne in Sicherheit zu bringen», erzählt Bernisse.

Zwei der Buben waren damals alt genug, um zu begreifen, was um sie herum geschah. Die Erlebnisse verfolgen sie bis heute. «Die beiden ziehen sich oft zurück und sprechen kaum. Dass sie hier zur Schule und auf Spielplätze können, hilft ihnen.» Derweil kümmert Bernisse sich als Kleinkinderzieherin um andere Buben und Mädchen. «Sie sind zu jung, um die Schrecken des Konflikts in Burundi mitbekommen zu haben», sagt sie. «Deshalb sind die meisten oft fröhlich. Und das wiederum macht mich für einige Stunden zu einem anderen Menschen, der nicht an seinen Kummer denkt.»

Wieder vereint im Flüchtlingslager

Im Flüchtlingslager Mahama gibt es insgesamt 17 Spiel- und Sportplätze, die Unicef kinderfreundliche Zonen nennt. Sie dienen den Organisationen, die mit dem Hilfswerk zusammenarbeiten, auch als Ort, wo sie die Befindlichkeiten der Kleinen überprüfen können. Auf einem dieser Plätze ertönt Jubel. Ein Fussballmatch ist im Gang. Unter den Spielern ist auch der 15-jährige Dieudonne Ndayishimiye. «Fussball spiele ich am liebsten», sagt er später. «Ich bin jeden Tag hier.» Oft begleitet ihn seine zwei Jahre jüngere Schwester. Mit ihr und seiner älteren Schwester wohnt er in einer Lehmhütte mit einem Zimmer, wo sich die drei eine Matratze teilen. Ein Haus weiter wohnen seine beiden erwachsenen Brüder. Dass die Geschwister heute zusammen sind, ist nicht selbstverständlich.

Die fünf sind einzeln von Bugabira in Burundi nach Ruanda geflüchtet. Der älteste Bruder ging im April 2015 als Erster. Er wurde als politischer Aktivist einer Oppositionspartei verfolgt. Er konnte nicht einmal mehr nach Hause, sondern musste direkt von der Universität aus aufbrechen. Ein Freund begleitete ihn, kam aber nie in Ruanda an. Die Eltern wollten in Burundi bleiben – und mit ihnen Dieudonne. Doch zwei Jahre später schickten sie auch ihn fort, in der Hoffnung, er möge seine Brüder und Schwestern finden, um mit ihnen in Sicherheit zu leben. «Jetzt sind wir zusammen», sagt er und blickt zu den anderen. «Aber ich vermisse Mama und Papa. Zum Glück kann ich sie einmal im Monat anrufen. Sie sagen, es gehe ihnen gut.»

Gegen Abend wird es ruhig auf den Spielplätzen. Auch Déborah Mugisha, die ihre Freundinnen in Burundi zurücklassen musste, hat den Tag in einer der kinderfreundlichen Zonen verbracht. «Zum Glück habe ich hier neue Freundinnen gefunden», sagt sie. «Wir haben gemeinsam gesungen und getanzt.» Nun macht sie sich allein auf den Heimweg, vorbei an den Häusern und Hütten. Zelte, wie es sie in der Aufbauphase des Flüchtlingslagers 2015 noch gab, stehen keine mehr in Mahama.

In der Luft liegt der Geruch von brennendem Holz und glühender Kohle. Für Déborah ist die Zeit gekommen, ihrer Mutter beim Kochen zu helfen und später ihre jüngeren Geschwister ins Bett zu bringen. Vielleicht suchen Déborah diese Nacht keine Albträume heim. Vielleicht kann sie durchschlafen.

Erstellt: 14.10.2019, 18:43 Uhr

Kinder sammeln für Kinder

Mit der Spendenaktion «Sternenwoche» sammeln Kinder in der Schweiz für burundische Flüchtlingskinder. Die «Sternenwoche» findet vom 18. bis zum 24. November 2019 statt und wird unterstützt durch die Zeitschrift «Schweizer Familie» und das Kinderhilfswerk Unicef. Mitmachen können Kinder und Jugendliche – einzeln, als Gruppe oder als Klasse. (red)

www.sternenwoche.ch

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