Endstation für Jihadisten

Tausende Kämpfer und Unterstützer des IS werden von Kurden gefangen gehalten. Fotojournalist Alex Kühni erhielt Zugang zum grössten Gefängnis im nordsyrischen Hasaka.

Terroristenzelle: IS-Männer im kurdischen Gefängnis in Hasaka. Foto: Alex Kühni

Terroristenzelle: IS-Männer im kurdischen Gefängnis in Hasaka. Foto: Alex Kühni

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Diese Männer hatten einst von einem Leben im Kalifat des Islamischen Staates (IS) geträumt. Sie zogen in den Krieg und verübten schlimmste Verbrechen. Inzwischen sind sie nur noch ein Häufchen Elend, von den Kämpfen gezeichnet und zusammengepfercht in einem Gefängnis an einem geheimen Ort in Hasaka, einer nordsyrischen Stadt 80 Kilometer südlich der türkischen Grenze. Die Kurden, die Hasaka kontrollieren, halten hier rund 5000 Kämpfer und Unterstützer des IS gefangen. Die meisten Insassen hatten in der letzten IS-Bastion im syrischen Baghuz noch Widerstand geleistet. Vergeblich. Seit dem letzten März sind sie Gefangene der Syrischen Demokratischen Kräfte SDF. Sie leben total isoliert von der Aussenwelt. So wissen sie nicht, dass ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi inzwischen tot ist.

Die Wärter tragen Sturmhauben, um nicht erkannt zu werden: Ein kurdischer Gefängnisaufseher. Foto: Alex Kühni

Der Schweizer Fotojournalist Alex Kühni hatte im November die Gelegenheit, das Gefängnis in Hasaka zu besuchen. Dafür brauchte er allerdings eine Bewilligung des kurdischen Geheimdienstes Asayish. Aussenaufnahmen des Gefängnisses waren strengstens verboten. Drinnen durfte Kühni fast alles fotografieren. Dabei sah er viele Verletzte unter den Gefangenen, Männer mit amputierten Beinen und Armen, Männer ohne Augen und mit fehlenden Ohren. Die medizinische Versorgung ist minimal, und die sanitären Einrichtungen sind rudimentär. «Die Zellen sind überbelegt, und die Gefangenen liegen teilweise aufeinander», berichtet der 37-jährige Fotograf, der kürzlich heimgekehrt ist.

Zahlreiche Gefangene sind ausgemergelt, haben fahle Gesichter und leere Blicke. Und sie tragen orangefarbene Overalls – so wie die Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo oder auch die IS-Geiseln bei ihrer Hinrichtung. Die Insassen im weltgrössten Gefängnis für Männer des IS stammen aus 28 Nationen. Minderjährige sind nicht zu sehen, oder sie sind in einem nicht zugänglichen Trakt untergebracht. Tausende Frauen und Kinder des IS strandeten in einem Flüchtlingslager 40 Kilometer östlich von Hasaka.

Was mit den IS-Leuten passiert, ist ungewiss. Die Ausländer unter ihnen möchten nach Hause, doch ihre Heimatländer wollen sie nicht. Foto: Alex Kühni

Bei seinem Gefängnisbesuch konnte der Schweizer auch mit Häftlingen sprechen. So zum Beispiel mit einem Deutsch-Türken, der sich Kadir nannte. Der 26-jährige Hamburger war ein Kleinkrimineller und Drogenkonsument. Dann soll ihm ein radikaler Prediger den Weg zu Allah aufgezeigt haben. Schliesslich überzeugten ihn Freunde aus der Moschee, in den Jihad zu ziehen. Kadir reiste 2014 nach Syrien, um dem IS im Kampf gegen das Assad-Regime «zu helfen». Kadir wurde in der Schlacht von Baghuz verwundet und gefangen genommen. Er fühlt sich unschuldig, weil er – wie er behauptet – niemanden getötet habe. Dass ihn in Deutschland eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren drohen würde, findet er übertrieben.

Auch Lirim, ein US-Bürger mit kosovarischen Wurzeln, hat angeblich keine Menschen umgebracht. Der 43-Jährige aus einem Vorort von Chicago war 2015 mit seiner Familie nach Syrien gekommen, um im IS-Kalifat unter der Scharia leben zu können. Trotz einer Kampfausbildung im irakischen Mosul will er nie gekämpft haben. Er möchte weiterhin in einem islamischen Staat leben – aber nicht in einem Staatsgebilde nach IS-Vorbild. Laut Lirim hat der IS den Islam verraten. Er weiss, dass er nicht zurück in die USA kann oder nach Kosovo, den er 1999 wegen des Kriegs verlassen hatte. Lirim tröstet sich mit dem Glauben: «Wenn man zu Allah gefunden hat, bedeutet diese Welt hier nicht besonders viel. Mein einziges Ziel ist, in den Himmel zu kommen.»

Für die IS-Häftlinge sind die Tage lang. Die meiste Zeit verbringen sie am Boden liegend, dicht gedrängt neben anderen Gefangenen. Foto: Alex Kühni

Nachdem er sich die Erzählungen der beiden IS-Männer angehört hat, sagt Kühni, dass er diese «stark bezweifelt». Da sie in Baghuz gefangen genommen worden seien, hätten sie sicherlich zu den loyalsten Leuten des IS gehört. «Dass sie nicht gekämpft und gemordet haben sollen, ist unwahrscheinlich.» In ihrer Lage in diesem schrecklichen Gefängnis in Hasaka, so Kühni weiter, «würde ich die IS-Karriere wahrscheinlich auch anpassen – in der Hoffnung, dort wegzukommen».

Ungewisse Zukunft: Einer von 5000 Gefangenen in Hasaka. Foto: Alex Kühni

Was aus den Gefangenen werden soll, weiss niemand. Die Kurden halten die Männer des IS fest, obwohl die meisten von ihnen Ausländer sind. Die Heimatländer weigern sich, diese Leute freiwillig zurückzuholen. In kurdischer Gefangenschaft befinden sich insgesamt über 10'000 IS-Männer, die an verschiedenen Orten inhaftiert sind. Gefängnisse wie jenes von Hasaka sind die Endstation für die Unterstützer des IS.

Viele befragte Insassen behaupten, dass sie nie gekämpft hätten. Die meisten Gefangenen sind Syrer und Iraker. Es hat aber auch viele Ausländer, etwa aus Deutschland und den USA. Foto: Alex Kühni

Die Zahl der Wächter geben die Kurden nicht bekannt, sie dürfte laut Kühni zwischen 20 und 30 liegen. Das Gefängnis ist eine ehemalige Berufsschule, die in einen Hochsicherheitstrakt umgebaut wurde. Trotzdem kam es immer wieder zu Ausbruchsversuchen, wie die Wächter berichten. Die Wärter tragen Sturmhauben, um nicht erkannt zu werden. Aus Sicherheitsgründen verwenden sie auch nicht ihre Familiennamen. Leute, die im oder für das Gefängnis arbeiten, riskieren, Opfer von IS-Anschlägen zu werden. Terror gehört zum Alltag. Im kurdischen Hasaka gibt es weiterhin Schläferzellen des IS. Verteidigen müssen sich die Kurden zudem gegen die Türkei und die mit ihr verbündeten islamistischen Milizen. Die Frontlinie befindet sich derzeit 30 Kilometer nordwestlich der Stadt Hasaka.

Alex Kühni hatte «auf die Genugtuung gehofft, die Monster des IS in ihren Zellen leiden zu sehen». Doch so einfach war das nicht.

Bis vor zwei Monaten war es ausländischen Journalisten nicht möglich, die Gefängnisse für IS-Männer im syrischen Kurdengebiet zu besuchen. Seit dem Einmarsch der Türkei in Nordsyrien öffnen die Kurden jedoch die Gefängnistore für Medienschaffende, «weil sie glauben, dass es ihrer Sache dient», wie Kühni meint. «Die Kurden wollen daran erinnern, was sie im Kampf gegen den IS geleistet haben und dass sie von den USA im Stich gelassen wurden.» Zudem möchten sie dem Westen zeigen, wie viele IS-Männer sie gefangen halten und was es bedeuten würde, wenn diese fliehen könnten.

Von Hamburg nach Syrien in den Jihad: Der deutsch-türkische IS-Mann Kadir im Gespräch mit Fotoreporter Alex Kühni. Foto: Philipp Schmidli

Vor seinem Besuch des Gefängnisses in Hasaka hatte Kühni «auf die Genugtuung gehofft, Monster des IS, dessen Grausamkeiten ich hautnah miterlebt hatte, in ihren Zellen leiden zu sehen». Der Berner Fotograf war in den letzten Jahren regelmässig in die Kriegsgebiete gereist und hatte als Journalist an der Front seine Reportagen gemacht. Kühni stellte sich vor, dass der Anblick von IS-Kämpfern hinter Gittern ihm einen inneren Frieden zurückgeben würde, den er während der Schlacht um Mosul mit all den getöteten Zivilisten verloren hatte.

Doch so einfach war das nicht. «Als ich mit den Gefangenen redete, habe ich mit Menschen gesprochen und sogar Empathie empfunden», sagt Kühni. Darum habe er sich vor Augen geführt, «was gewesen wäre, wenn ich selber in Gefangenschaft des IS geraten wäre und dessen Männer über mein Schicksal und vermutlich meine Ermordung entschieden hätten». Das habe ihm geholfen, das Mitgefühl zu unterdrücken. Empathie mit IS-Kämpfern hätte Kühni als Unrecht empfunden – «als Unrecht gegen die unschuldigen Menschen, die ich leiden und sterben gesehen habe».

Erstellt: 13.12.2019, 19:41 Uhr

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