Er beherrschte das Herrschen

Kaum einer war so besessen von der Macht wie er. Robert Mugabe hat sein Land zuerst befreit und dann jahrzehntelang unterdrückt. Zum Tod eines Unbelehrbaren.

Robert Mugabe bei einer Wahlveranstaltung 2017. Er war ein wortgewandter Redner und tat bis zuletzt so, als sei er der grosse Retter Afrikas. Foto: AFP

Robert Mugabe bei einer Wahlveranstaltung 2017. Er war ein wortgewandter Redner und tat bis zuletzt so, als sei er der grosse Retter Afrikas. Foto: AFP

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In seiner Muttersprache Shona gibt es kein Wort für Ruhestand. Robert Mugabe regierte Zimbabwe nach der Unabhängigkeit 37 Jahre lang – er wollte noch mit über 100 Jahren im Amt sein, er schien schon immer da zu sein. «Nicht die Briten, nicht die Opposition, nur Gott kann mich zurückrufen», hat Mugabe einmal gesagt. Nun hat ihn Gott gerufen, vielleicht war es aber auch einfach nur die Prostata. Am Freitag ist er im Alter von 95 Jahren in einem Spital in Singapur gestorben. «Man darf nicht schlecht über Tote sprechen, ausser, wenn sie so viele Leute umgebracht haben wie Robert Mugabe. Er ist ein Monster», sagt George Walden, der 1979 mit Mugabe die Unabhängigkeit Zimbabwes verhandelt hatte. Mugabe wirtschaftete das einst reichste Land des Kontinents zu einem Bettelstaat herunter, in dem die Inflation schon mal bei 230 Millionen Prozent liegen kann.

Unter den alternden Führern Afrikas verkörperte Mugabe den Anti-Mandela. Während der Südafrikaner Nelson Mandela nach dem Ende der Apartheid hart daran arbeitete, die Menschen in seinem Land zu versöhnen, tat sein Nachbar Mugabe in Zimbabwe das Gegenteil. Er nährte den Hass auf die Weissen und verteufelte sie alle als Agenten des Neoimperialismus.

Der Gegner muss zu Boden

Das war das ideologische Werkzeug, mit dem er den Erhalt seiner Macht erzwang. Alles, was sich in der afrikanischen Seele an Wut, an Demütigungen und Verletzungen angesammelt hatte, lockte Mugabe als gewandter Rhetoriker hervor und machte es sich zunutze. Mugabe nährte mit seinen Reden das Gefühl, dass man auch als geknechteter Afrikaner zu den Siegern der Geschichte gehören konnte – man durfte eben nur nie aufhören zu kämpfen. Dafür stand die geballte Faust, die Mugabe bei Parteiversammlungen in die Höhe reckte, sie war im Alter nur noch sehr schwach, als sie den Präsidenten vor jedem Auftritt mit Medikamenten aufputschen mussten. Aber als Symbol taugte seine Faust sehr lange.

Wer es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen, wurde gnadenlos attackiert. Manchmal frontal, aber viel öfter aus dem Hinterhalt. Politik sei wie ein Boxkampf, bei dem der Gegner k.o. zu Boden gehen müsse, sagte er. Sein letzter Kampf allerdings, der seiner Frau auf den Thron verhelfen sollte, ging verloren. Sein alter Weggefährte Emmerson Mnangagwa putschte mit dem Militär und machte sich selbst zum Präsidenten. In den Strassen von Harare jubelten Hunderttausende Menschen und rissen die Strassenschilder der «Robert Mugabe Road» herunter.

In der Sprache der Shona gibt es das Wort «Chimurenga», es bezeichnet den Kampf. Chimurenga, so hiess schon der erste Widerstand gegen die weissen Siedler im späten 19. Jahrhundert. Und später auch der zähe Guerillakrieg gegen das rassistische Regime Rhodesiens. Es stürzte 1980. Ein wichtiger Stratege der schwarzen Rebellion war Mugabe. Ian Smith, der Führer des rhodesischen Regimes, nannte den Mann einen «Apostel des Satans». Dabei war Mugabe im Schoss der katholischen Kirche gross geworden, wie so viele andere Freiheitskämpfer des Kontinents. «Ich wurde von den Jesuiten erzogen und dafür bin ich äusserst dankbar», sage Mugabe. Er studierte so fleissig das Wort Gottes, dass Mugabes fromme Mutter hoffte, der Sohn werde vielleicht mal Priester.

Video: Das Ende einer Ära

Die Regierungspartei setzt Mugabe als Parteichef ab.

Doch es sollte anders kommen. Mugabe machte ein Lehrerdiplom, erhielt ein Stipendium in Südafrika und zog später nach Ghana, das Ende der Fünfzigerjahre gerade die Unabhängigkeit errungen hatte – als einer der ersten Staaten des Kontinents. Mugabe genoss die Atmosphäre des Aufbruchs und die Euphorie der Intellektuellen. Nach Rhodesien zurückgekehrt, schloss er sich dort dem Freiheitskampf an. Dafür bezahlte er bald einen hohen Preis. Mehr als ein Jahrzehnt verbrachte er in den Kerkern des Minderheiten-Regimes. Vermutlich war dies auch die Zeit, in der sich der Hass auf die Weissen tief eingegraben hat.

In den Siebzigerjahren kam Mugabe aus dem Gefängnis frei. Als die Guerilla-Truppen 1980 triumphierten, war Mugabe 56 Jahre alt. Er wurde Regierungschef und später Präsident. Sein Erzfeind Ian Smith war gerade erst geschlagen, da wandte sich der Rebell auch schon dem nächsten Feind zu: Joshua Nkomo, der eigentlichen Vaterfigur des Widerstandes. Er konnte sich ins Ausland retten, doch Mugabe hetzte seine Schlächter auf dessen Anhänger. Tausende Menschen kamen bei den Massakern in Matabeleland ums Leben, als dort die berüchtigte Fünfte Brigade aufmarschierte, ausgebildet in Nordkorea.

Die Welt schenkte den Massakern damals wenig Aufmerksamkeit, zu beeindruckt waren viele von dem wortgewandten afrikanischen Führer, der so intelligent erschien und häufig versöhnliche Töne anschlug. Für jeden im Land sollte auf einmal Platz sein, ob schwarz oder weiss. Alle mögen sich in Freundschaft die Hände reichen, forderte Mugabe. Das kam gut an in den Hauptstädten der Welt. Über die Grausamkeiten in Matabeleland sah man schnell hinweg.

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Politisch schien er vieles richtig zu machen, zumindest sahen das die damaligen Kommentatoren so. Zimbabwe blühte ökonomisch auf, das Land produzierte Getreideüberschüsse und war der Lieblingsschüler des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank.

In den Neunzigerjahren waren die sonnigen Zeiten dann vorbei. Mugabes Frau Sally starb, der wichtigste emotionale Anker in seinem Leben; sie war sein einziges Korrektiv. An Sallys Stelle trat die junge, verschwenderische Grace, seine einstige Sekretärin. Auch das politische Umfeld Mugabes begann sich zu verändern: Eine neue Opposition baute sich auf, die Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC). Sie verzeichnete bald Wahlerfolge und führte Mugabe vor Augen, dass seine Macht vielleicht doch endlich sein könnte. Und auf einmal war der alte Kämpfer wieder hellwach und lancierte den nächsten Kampf.

Mugabe warf die weissen Farmer aus dem Land, es war weniger ein rassistischer Exzess als ein kühl kalkulierter Angriff, der den antikolonialen Kampf wiederaufleben liess. Die Opposition, die sich gegen diese Politik wehrte, geisselte der Präsident als Marionetten der Europäer und als Verräter der stolzen Nation. Mit den Farmenteignungen zerschlug Mugabe das wirtschaftliche Rückgrat des Landes.

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Freunde hatte das kleine Reich Mugabes zuletzt nur noch wenige, aber seine Minister und Generäle sicherten sich den Zugriff auf die reichen Diamantenfelder im Osten des Landes, um wirtschaftliche Engpässe auszugleichen und um sich an den geschmuggelten Edelsteinen zu bereichern. Wie viel Geld die Präsidentenfamilie selbst abzweigte, ist noch nicht ans Licht gekommen. Dennoch tat Mugabe bis zuletzt so, als sei er der grosse Retter Afrikas, der Hüter des Kontinents, der sich gegen die finsteren neokolonialen Mächte zu wehren wusste. Das war seine grosse Lebenslüge.

Weil sein Nachfolger Emmerson Mnangagwa nun noch brutaler herrscht, noch willkürlicher Gegner umbringen lässt, weil die Wirtschaft am Boden liegt und aus dem einst so schönen Land ein Staat der Schlangen geworden ist, in dem man für ein paar Tropfen Benzin, Wasser und Brot den ganzen Tag anstehen muss. Weil also alles noch schlimmer wurde, setzte in den letzten Monaten eine Art Verklärung ein bei manchen Zimbabwern, ein Nachdenken, ob man ihn nicht doch lieber hätte behalten sollen. Nun ist Robert Mugabe tot. Und Zimbabwe wird lange brauchen, um sich von ihm zu erholen.

Erstellt: 06.09.2019, 22:47 Uhr

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