Er duldet keinen Widerspruch

Der geistliche Führer des Iran, Ali Khamenei, blockiert jeden Wandel.

Seit über 30 Jahren lenkt er den Iran: Ayatollah Ali Khamenei. Bild: AP

Seit über 30 Jahren lenkt er den Iran: Ayatollah Ali Khamenei. Bild: AP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Unruhen mögen blutiger werden, den Gottesstaat zu Fall bringen werden sie kaum. Erschüttern dürften die Proteste den Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern aber doch. Wie tief diese Erschütterung gehen wird, das entscheidet der Mann, der im Herrschaftssystem der Islamischen Republik ganz oben steht und dem die Wutparolen der Demonstranten auch persönlich gelten: der geistliche Führer, Ayatollah Ali Khamenei.

Das Image eines graugesichtigen Langweilers ist der schiitische Geistliche nie ganz losgeworden; er bleibt bis heute blass im Vergleich zum visionären, charismatischen Vater der Mullah-Revolution, Ayatollah Ruhollah Khomeini. Trotzdem hat der heute 78-jährige Khamenei entscheidend dazu beigetragen, dass der schiitische Gottesstaat seit über 30 Jahren unzählige Krisen überstanden hat.

Bei den Protesten im Iran gab es Tote und Verletzte. (Video: Tamedia/Storyful)

Der Geistliche aus der heiligen Stadt Mashhad hat sein Land durch die Islamische Revolution, den achtjährigen Krieg gegen Saddam Husseins Irak, durch internationale Isolation und Sanktionen, die Atomverhandlungen sowie durch kleinere und grössere Volksaufstände gesteuert. Er war seit den 60er-Jahren einer der Strippenzieher des Widerstands gegen den Schah, sein theologisch-politisches Vorbild Khomeini lebte damals noch im Exil. Khamenei bezahlte seinen Einsatz mit Folter und Gefängnis.

Später wurde er bei einem Attentat schwer verletzt, sein Überleben überzeugte ihn davon, «dass Gott mich für schwere Aufgaben aufgespart hat». Der «lebende Märtyrer» – so nannten ihn viele Gläubige fortan – kam immer weiter nach oben: Parlamentarier, Vizeverteidigungsminister, religiöses Oberhaupt von Teheran, Staatspräsident. 1989, nach Khomeinis Tod und auf dessen Wunsch, kürte man ihn zum Revolutionsführer.

Khamenei, Vater von sechs Kindern, entstammt einer Familie von Geistlichen. Die Religion studierte er im Irak, dem Mutterland des Schiitentums. Theologisch hat er es bis zum Ayatollah gebracht, doch da war weniger theologische Kenntnis als Patronage im Spiel; den hoch angesehenen Ehrentitel Marja, also Ober-Ayatollah, verweigerten ihm seine gebildeteren Kollegen sogar noch erfolgreich, als er politisch schon ganz oben angekommen war.

Khamenei, der an Prostatakrebs leiden soll, ist Hardliner, Anti-Westler und Verschwörungstheoretiker. Milde zeigen wird er den Aufständischen gegenüber kaum, er sieht sie als Marionetten der Amerikaner, Briten, Israelis und seiner muslimischen Todfeinde, der Saudis. Er ist aber auch ein Pragmatiker, der die widerstreitenden Machtzentren des Systems ausbalancieren muss.

Richtige Reformen hingegen sind unter ihm so gut wie ausgeschlossen. Das hat er 2009 gezeigt, als er die Hardliner schützte, welche die «grüne Bewegung» niederschlugen und der Reformbewegung den Hals brachen. Dieser Mann wird auch jetzt keinen Widerspruch dulden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2018, 23:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Aus diesen Unruhen wird keine politische Bewegung entstehen»

Interview Die Lage im Iran ist verwirrend: Wer demonstriert eigentlich, und wofür? Mit der «Grünen Bewegung» von 2009 sind die Proteste nicht zu vergleichen, sagt Iran-Experte Adnan Tabatabai. Mehr...

Was die Iraner auf die Strasse treibt

Analyse Die zumeist jungen Demonstranten leiden unter der desolaten wirtschaftlichen Lage. Das Regime sieht sich der grössten Herausforderung seit 2009 gegenüber. Mehr...

Proteste im Iran fordern weitere Opfer

Video In vielen Teilen Irans ist es zu teils heftigen Demonstrationen gegen die Regierung gekommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Das Missverständnis des Donald Trump

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Urmusik: Luftaufnahme eine Konzertes am 17. Alphorn-Festival in Nendaz. (22. Juli 2018)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...