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Er duldet keinen Widerspruch

Der geistliche Führer des Iran, Ali Khamenei, blockiert jeden Wandel.

MeinungTomas Avenarius
Seit über 30 Jahren lenkt er den Iran: Ayatollah Ali Khamenei. Bild: AP
Seit über 30 Jahren lenkt er den Iran: Ayatollah Ali Khamenei. Bild: AP

Die Unruhen mögen blutiger werden, den Gottesstaat zu Fall bringen werden sie kaum. Erschüttern dürften die Proteste den Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern aber doch. Wie tief diese Erschütterung gehen wird, das entscheidet der Mann, der im Herrschaftssystem der Islamischen Republik ganz oben steht und dem die Wutparolen der Demonstranten auch persönlich gelten: der geistliche Führer, Ayatollah Ali Khamenei.

Das Image eines graugesichtigen Langweilers ist der schiitische Geistliche nie ganz losgeworden; er bleibt bis heute blass im Vergleich zum visionären, charismatischen Vater der Mullah-Revolution, Ayatollah Ruhollah Khomeini. Trotzdem hat der heute 78-jährige Khamenei entscheidend dazu beigetragen, dass der schiitische Gottesstaat seit über 30 Jahren unzählige Krisen überstanden hat.

Bei den Protesten im Iran gab es Tote und Verletzte. (Video: Tamedia/Storyful)

Der Geistliche aus der heiligen Stadt Mashhad hat sein Land durch die Islamische Revolution, den achtjährigen Krieg gegen Saddam Husseins Irak, durch internationale Isolation und Sanktionen, die Atomverhandlungen sowie durch kleinere und grössere Volksaufstände gesteuert. Er war seit den 60er-Jahren einer der Strippenzieher des Widerstands gegen den Schah, sein theologisch-politisches Vorbild Khomeini lebte damals noch im Exil. Khamenei bezahlte seinen Einsatz mit Folter und Gefängnis.

Später wurde er bei einem Attentat schwer verletzt, sein Überleben überzeugte ihn davon, «dass Gott mich für schwere Aufgaben aufgespart hat». Der «lebende Märtyrer» – so nannten ihn viele Gläubige fortan – kam immer weiter nach oben: Parlamentarier, Vizeverteidigungsminister, religiöses Oberhaupt von Teheran, Staatspräsident. 1989, nach Khomeinis Tod und auf dessen Wunsch, kürte man ihn zum Revolutionsführer.

«Die Feinde haben sich vereint und nutzen all ihre Mittel, ihr Geld, ihre Waffen, Politik und Sicherheitsdienste, um dem islamischen Regime Probleme zu bereiten»: Ayatollah Ali Chamenei bei seiner Ansprache vor einem Porträt des 1989 gestorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Chomeini. (2. Januar 2018)
«Die Feinde haben sich vereint und nutzen all ihre Mittel, ihr Geld, ihre Waffen, Politik und Sicherheitsdienste, um dem islamischen Regime Probleme zu bereiten»: Ayatollah Ali Chamenei bei seiner Ansprache vor einem Porträt des 1989 gestorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Chomeini. (2. Januar 2018)
Atta Kenare/Website des Ayatollah Khameini, AFP
Konservative Demonstraten in Teheran skandierten auch Israel-feindliche Parolen. (30. Dezember 2017)
Konservative Demonstraten in Teheran skandierten auch Israel-feindliche Parolen. (30. Dezember 2017)
Ebrahim Noroozi, Keystone
Iranische Studenten liefern sich ein Handgemenge mit der Polizei. (30. Dezember 2017)
Iranische Studenten liefern sich ein Handgemenge mit der Polizei. (30. Dezember 2017)
STR, AFP
Strassenbarrieren werden von Demonstranten aus dem Weg geräumt.
Strassenbarrieren werden von Demonstranten aus dem Weg geräumt.
AFP/HO/Mehr News, AFP
Der Präsident hat zur Ruhe aufgerufen.
Der Präsident hat zur Ruhe aufgerufen.
AFP/HO/Mehr News, AFP
Studenten protestieren vor der Universität in Teheran gegen die Regierung. (30. Dezember 2017)
Studenten protestieren vor der Universität in Teheran gegen die Regierung. (30. Dezember 2017)
AFP
Sind mit der iranischen Wirtschafts- und Aussenpolitik nicht zufrieden: Demonstranten in Teheran.
Sind mit der iranischen Wirtschafts- und Aussenpolitik nicht zufrieden: Demonstranten in Teheran.
Hamed Malekpour, Keystone
Laut Berichten soll es mindestens zwei Tote gegeben haben. (30. Dezember 2017)
Laut Berichten soll es mindestens zwei Tote gegeben haben. (30. Dezember 2017)
Keystone
In vielen Teilen Teherans gibt es überhaupt kein Internet mehr oder nur sehr langsame Verbindungen. Die Informationen aus dem Iran sind deshalb nur schwer zu verifizieren. (30. Dezember 2017)
In vielen Teilen Teherans gibt es überhaupt kein Internet mehr oder nur sehr langsame Verbindungen. Die Informationen aus dem Iran sind deshalb nur schwer zu verifizieren. (30. Dezember 2017)
Keystone
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Khamenei, Vater von sechs Kindern, entstammt einer Familie von Geistlichen. Die Religion studierte er im Irak, dem Mutterland des Schiitentums. Theologisch hat er es bis zum Ayatollah gebracht, doch da war weniger theologische Kenntnis als Patronage im Spiel; den hoch angesehenen Ehrentitel Marja, also Ober-Ayatollah, verweigerten ihm seine gebildeteren Kollegen sogar noch erfolgreich, als er politisch schon ganz oben angekommen war.

Khamenei, der an Prostatakrebs leiden soll, ist Hardliner, Anti-Westler und Verschwörungstheoretiker. Milde zeigen wird er den Aufständischen gegenüber kaum, er sieht sie als Marionetten der Amerikaner, Briten, Israelis und seiner muslimischen Todfeinde, der Saudis. Er ist aber auch ein Pragmatiker, der die widerstreitenden Machtzentren des Systems ausbalancieren muss.

Richtige Reformen hingegen sind unter ihm so gut wie ausgeschlossen. Das hat er 2009 gezeigt, als er die Hardliner schützte, welche die «grüne Bewegung» niederschlugen und der Reformbewegung den Hals brachen. Dieser Mann wird auch jetzt keinen Widerspruch dulden.

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