Er kennt nur den Kampf

Yahya Sinwar ist der neue Chef der Hamas im Gazastreifen – und ein Extremist.

Avancierte im Gefängnis bald zum Führer der Hamas-Häftlingsfraktion: Yahya Sinwar.

Avancierte im Gefängnis bald zum Führer der Hamas-Häftlingsfraktion: Yahya Sinwar. Bild: Mohammed Salem/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer in den Reihen der Hamas ganz nach oben will, der braucht wohl ein paar Kernkompetenzen. Im Falle von Yahya Sinwar, der nun zum neuen Anführer der Islamistentruppe im Gazastreifen bestimmt wurde, zählt dazu seine Kampftauglichkeit als Mitglied der Qassam-Brigaden. Zudem kann er auf eine ausgeprägte Gefängniserfahrung verweisen, schliesslich sass er insgesamt 23 Jahre in israelischer Haft. Obendrein wird ihm neben der Entführung und Ermordung eines israelischen Soldaten noch nachgesagt, dass er einst palästinensische Kollaborateure mit eigenen Händen getötet haben soll. Solcherart gerüstet, kann er nun also ans Regieren gehen.

Im grossen Stühlerücken bei der Hamas übernimmt der 55-Jährige den Posten von Ismail Haniya, der wohl bald von Gaza nach Katar umziehen wird. Dort soll er das stets im Exil angesiedelte Politbüro der Hamas übernehmen. Dies alles sind jedoch nicht nur Personal-, sondern vor allem Richtungsentscheidungen. Die Bestallung Sinwars sendet das klare Signal aus, dass nun die Extremisten am Drücker sind im Gazastreifen. Der militärische Flügel übernimmt das Kommando, die moderateren politischen Kräfte werden in den Hintergrund gedrängt.

Die Bestallung Sinwars sendet das klare Signal aus, dass nun die Extremisten am Drücker sind im Gazastreifen.

Das sind keine guten Nachrichten – nicht für Israel und auch nicht für die zwei Millionen Bewohner des seit zehn Jahren von der Hamas beherrschten Gazastreifens. Denn unter Sinwars Führung dürfte es weniger um die dringend nötige Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung gehen. Er wird wohl dem Kampf gegen Israel alles andere unterordnen. Das heisst: Waffen statt Wiederaufbau – und woher die Waffen kommen, dürfte ihm im Zweifel egal sein. Erwartet wird nun auch eine neue Annäherung der Hamas an den Iran.

Etwas anderes als den Kampf hat Sinwar nicht gelernt. Geboren wurde er im Flüchtlingslager von Khan Younis im Süden des Küstenstreifens. Die Familie stammt ursprünglich aus der israelischen Hafenstadt Ashkelon. 1989 wurde er in Israel zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis avancierte er bald zum Führer der Hamas-Häftlingsfraktion. Als er schliesslich 2011 zusammen mit mehr als tausend anderen Gefangenen im Austausch für den israelischen Soldaten Gilad Shalit freikam, nutzte er gleich die Willkommensparty in Gaza zur wütenden Kampfansage an Israel.

Ein Volkstribun wie sein Vorgänger Haniya ist Sinwar gewiss nicht. Vielmehr macht er sich rar in der Öffentlichkeit. Bekannt ist nur, dass er 2012 eine späte Ehe schloss. Mehr soll niemand wissen über die Familie, schon gar nicht, wo sie wohnt. Schliesslich sind in der Vergangenheit bereits mehrmals Führer der Hamas gezielten israelischen Angriffen zum Opfer gefallen. Sinwar zieht es vor, nach jedem Auftritt schnell wieder abzutauchen. Der mächtigste Mann in Gaza regiert aus dem Untergrund.

Erstellt: 16.02.2017, 19:35 Uhr

Artikel zum Thema

Zufluchtsort für Radikale

Führungsfiguren der Muslimbrüder und der Hamas sind seit Jahren in der Türkei willkommen. Doch sie sind nicht die einzigen aktiven Islamisten. Mehr...

Leben mit dem Terror

In Israel sind Anschläge allgegenwärtig. Aber das Leben geht weiter, nach jeder Attacke. Und dennoch: Die Gewalt hat die Gesellschaft verändert. Mehr...

«In Einkaufszentren wird man dreimal kontrolliert»

Interview In Frankreich und Deutschland häufen sich Anschläge in einer Frequenz, wie man sie in Israel schon lange kennt. Wie hat man dort reagiert? Israel-Korrespondentin Susanne Knaul über Methoden und Mentalitäten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...