Er musste seine Ermordung in einem Video rechtfertigen

Ein Kampfpilot fällt vom Himmel und wird von IS-Kämpfern öffentlich verbrannt. Seitdem versuchen die Eltern, Antworten zu bekommen.

Nach dem Tod ihres Sohnes kippte die Stimmung im Land: Issaf al-Kassasbah, fotografiert im Jahr 2015. Foto: Muhammad Hamed (Reuters)

Nach dem Tod ihres Sohnes kippte die Stimmung im Land: Issaf al-Kassasbah, fotografiert im Jahr 2015. Foto: Muhammad Hamed (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jawad al-Kassasbah bleibt im Wagen sitzen, er will es lieber nicht sehen, die Pappbecher, den Plastikmüll, das Geröll auf der Baustelle. Seit zwei Jahren sollte hier in Karak eine Moschee stehen zu Ehren seines jüngeren Bruders Moath al-Kassasbah. Aber noch steht da nur ein Rohbau, das Ganze sieht eher aus wie ein Parkhaus, das Minarett wie ein halb fertiger Schornstein.

Sein Bruder ist der jordanische Kampfpilot, der von der Terrormiliz Islamischer Staat vor laufender Kamera verbrannt wurde. Die ganze Welt konnte zusehen, minutenlang. Als sein Flugzeug an Heiligabend 2014 über dem nordsyrischen Raqqa abstürzte, nahmen ihn IS-Terroristen als Geisel. Sie zogen ihn aus dem Euphrat, ein IS-Kämpfer im Tarnanzug legte grinsend den Arm um ihn.

Der 26-Jährige kämpfte an der Seite der Anti-IS-Koalition. Das war vor vier Jahren. Seitdem wartet Jawad al-Kassasbah. Auf die Moschee, auf die Menschen, die für die Seele seines Bruders beten. Wenn er an der Baustelle vorbeifährt, nur wenige Minuten vom Elternhaus entfernt, schaut er meist nicht hin. Weil es wehtut. Moath habe nicht verdient, vergessen zu werden. «Er war ein guter Mensch, ein gläubiger Muslim, ein Nationalheld, er ist für dieses Land gestorben. Aber sein Blut ist nichts wert», sagt Jawad al-Kassasbah, und es klingt nicht so, als würde er daran glauben, dass sich daran was ändern wird. Und auch das sagt er: dass sich in Ländern wie seinem die Mächtigen austoben, dass sie hier ihre Waffen testen, die sie zu Hause produzieren. Er ist 38 Jahre alt, aber spricht wie ein alter Mann. Nur als er sein Elternhaus betritt, sagt er erst mal nichts.

Der Vater des ermordeten Piloten hegte Sympathien für den IS, das taten viele Jordanier.

Das neue Haus der Familie Kassasbah ist umgeben von hohen Mauern, die Jalousien sind auch tagsüber geschlossen. In ihrem alten Zuhause stand die Tür immer offen.

Der Vater, Safi al-Kassasbah, sitzt auf einem wuchtigen Samtsofa im Wohnzimmer, umgeben von goldbestickten Kissen, funkelnden Vasen. Der ehemalige Schuldirektor gehört dem Beduinenstamm Bararscheh an. Es ist ein mächtiger, einflussreicher Stamm. 72 Jahre ist der Vater alt, er beginnt erst zu reden, nachdem alle einen Schluck Kaffee getrunken haben. Rituale sind ihm wichtig. Jawad al-Kassasbah rollt einen Heizstrahler ins Zimmer.

Auf der Kommode steht ein Bild des toten Bruders, es zeigt ihn in Uniform, den Helm unter den Arm geklemmt, im Hintergrund ein F-16-Kampfflugzeug.

Vor zwei Monaten ist die Familie von Aiy nach Karak gezogen, 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Amman. Touristen kommen, um die Kreuzfahrerburg zu sehen, die der arabische Feldherr Salah ad-Din im 12. Jahrhundert eroberte.

Beileid aus Eigennutz

Als Moath al-Kassasbah starb, kamen viele Menschen, um ihr Beileid auszudrücken. Sie standen vor der Tür, von überall her angereist, die Strassen waren zugeparkt. Sie weinten, wollten Rache, immer wütender wurden die Sprechchöre. Der jordanische König Abdullah II. brach damals seinen Besuch bei US-Präsident Barack Obama ab, um die Familie in Aiy zu besuchen. Dann rief er eine dreitägige Staatstrauer aus.

Auf einmal war man wieder ein Volk, vereint im Kampf gegen den Terror. Als sich Jordanien im September 2014 der Anti-IS-Koalition anschloss und Luftangriffe auf das Nachbarland Syrien flog, waren viele Menschen nicht einverstanden. Man könne keine Muslime in Syrien töten, hiess es. Die Regierung argumentierte, der IS sei eine akute Gefahr – mit dem Irak teilt sich das Königreich eine 180 Kilometer lange Grenze, im Juni 2014 übernahm die Miliz den einzigen Grenzübergang. Doch der IS genoss bei einem Teil der Jordanier grosse Sympathien.

Es war der Tod von Moath al-Kassasbah, der die öffentliche Meinung drehte. Auch Monate später standen fast täglich fremde Menschen vor der Haustür, sagt der Vater Safi al-Kassasbah. Doch sie kamen vor allem aus Eigennutz: Er sollte Rechnungen begleichen, Todesurteile aufheben, häufig blieben die Leute über Nacht. Safi al-Kassasbah zeigt ein Bitt-SMS, das er kürzlich bekommen hat, von einem Unbekannten.

Die Ursache kennt die Familie bis heute nicht

Viele denken, die Familie hat 60 Millionen Dinar von der Regierung bekommen und seitdem einen direkten Draht zum Geheimdienst. Safi al-Kassasbah sagt, er habe selbst Fragen an die Regierung, auch an den König. «Aber man behandelt meinen Sohn wie einen Soldaten, der bei einem Autounfall umgekommen ist.» Vor einigen Monaten hat er König Abdullah II. einen Brief geschrieben. Darin verlangt er eine Untersuchung des Absturzes, die Ursache kennt die Familie bis heute nicht. Sie erfuhren vom Schicksal ihres Sohns wie alle anderen aus dem Fernsehen.

Der IS behauptete damals, er hätte das Kampfflugzeug mit einer wärmesuchenden Rakete zum Absturz gebracht, das US-Zentralkommando Centcom, das die Lufteinsätze koordinierte, schliesst das allerdings aus. Die USA und Jordanien gehen von einem technischen Defekt aus. Bis heute sind die Aufnahmen der Blackbox unter Verschluss. «Wir wollen hören, was unser Sohn als Letztes gesagt hat. Aber sie ignorieren uns seit Jahren», sagt Safi al-Kassasbah. «Sie denken, wir hören irgendwann auf, Fragen zu stellen.»

Trümmer auf der verkohlten Leiche

Kurz vor Weihnachten verkündete US-Präsident Donald Trump überraschend den baldigen Abzug der US-Truppen aus Syrien. Die Terrormiliz sei weitgehend besiegt worden, twitterte er. Jetzt hofft Safi al-Kassasbah, dass es endlich Ermittlungen zum Tod seines Sohnes geben kann. Raqqa sei ausserdem von den Islamisten befreit, Jordanien könne doch Spezialisten hinschicken, sagt der Vater. Sie hätten ihren Sohn noch nicht einmal beerdigt, seine Überreste müssten doch irgendwo sein.

Safi al-Kassasbah hat das 22-minütige IS-Video mit dem Titel «Healing the Believers’ Chest» («Die Brust der Gläubigen heilen») nie gesehen. Keiner aus der Familie hat das. Sie haben nicht gesehen, wie ein Bulldozer Trümmer über die verkohlte Leiche ihres Sohnes schüttet. Der IS behauptete damals, es sei Geröll von Orten, die der Kampfpilot zuvor bombardiert hatte. Sie haben auch nicht gesehen, wie ihr Sohn mit Schürfwunden im Gesicht erzählen musste, wie er Soldat der jordanischen Luftwaffe wurde, wie er um Worte rang, wie seine Hände auf dem Tisch bebten. Seine Peiniger musste er Mujahedin nennen, Gotteskämpfer.

«Er ist an den IS-Kämpfern vorbeistolziert, als wäre er der Offizier und sie die Soldaten.»Safi al-Kassasbah

Er sprach Hocharabisch, betonte jedes Wort, es klang wie auswendig gelernt. Sie zwangen ihn, Details über die Lufteinsätze der Anti-IS-Koalition preiszugeben, über die Art der Flugzeuge, die Nationen, die an der Mission teilnahmen. Er erzählte von den Waffen, die sie benutzten, etwa lasergelenkte Bomben, woraufhin der IS Bilder von verkohlten Kinderleichen zeigte, Menschen unter Trümmern, Feuerbälle. Fast zehn Minuten sprach Moath al-Kassasbah, um das Verbrechen an ihm zu legitimieren. Ihre Botschaft: Feuer gegen Feuer.

Freunde und Bekannte haben den Kassasbahs von den letzten Sekunden im Leben ihres Sohnes erzählt. «Er ist an den IS-Kämpfern vorbeistolziert, als wäre er der Offizier und sie die Soldaten», sagt Safi al-Kassasbah, Vater von einst acht Kindern. Erst nach mehreren Sekunden hätten die Flammen seinen Sohn in die Knie gezwungen.

Jetzt ist sie eine Märtyrer-Mutter

Dann kommt seine Frau ins Wohnzimmer, Issaf al-Kassasbah. Sie geht wie eine sehr alte Frau, schleppend, dabei ist sie erst 61 Jahre alt. Sie trägt ein olivfarbenes Gebetskleid. Sie setzt sich neben ihren Mann, verschränkt die Arme. Sie fastet heute. Erst sitzt sie nur da, dann bricht es aus ihr heraus: «Niemand spricht mit uns.» Bis heute wisse sie nicht, wann ihr Sohn wirklich gestorben sei. Der IS veröffentlichte das Video am 3. Februar, er soll bereits einen Monat vorher getötet worden sein. Sie steht auf, sucht nach der Todesurkunde.

Sie liegt in der Spiegelkommode am Eingang. Links oben ein Foto von ihrem Sohn in Uniform, im Hintergrund das Emblem der jordanischen Streitkräfte, dazu die Worte: Der Märtyrer Moath al-Kassasbah starb bei Erfüllung der heiligen Pflicht. Ihre Tochter hat die Todesurkunde vor ihr versteckt, sie macht sich Sorgen um ihre Mutter, wochenlang war sie im Krankenhaus, Nervenzusammenbruch. Sie geht nur noch ungern aus dem Haus. Alle hätten immer diesen Blick: die Mutter des Märtyrers.

Vater rief IS auf, seinen Sohn wie einen Gast zu behandeln

Dann redet sie, hört gar nicht mehr auf. Davon, wie ihr Sohn nach dem Dienst nach Hause kam und sie ihm als Erstes die Uniform abnahm. Bevor sie sie in die Waschmaschine steckte, griff sie in die rechte Schultertasche und nahm den Koran heraus. Einmal hatte er ihn zu Hause vergessen, er kehrte um. Sie fand das übertrieben, er sagte: «Das ist das Buch Gottes, ich habe mir geschworen, es immer bei mir zu tragen, denn es beschützt mich.» Was hätte sie darauf sagen sollen? Ihr Sohn Jawad steht jetzt auf und zeigt ein Bild auf dem Handy, das die IS-Schergen von Moaths Habseligkeiten gemacht haben: die Uniform, den Armeeausweis, den Koran.

Als der Vater von der Geiselnahme erfuhr, rief er den IS auf, seinen Sohn wie einen Gast zu behandeln. Er glaubte, dass sie ihm nichts tun würden, hegte Sympathien für ein Kalifat. «Gibt es ein arabisches Land, in dem jemand zufrieden ist?», fragt er heute. Die Menschen hätten genug von korrupten Alleinherrschern, von der Perspektivlosigkeit, der Armut, der Ungerechtigkeit, der Abhängigkeit vom Westen, die nur eine kleine Elite befriedige. Eine Herrschaft, die sich an den Geboten des Islam orientiere, war für ihn nichts Abschreckendes. Erst nach dem Tod seines Sohnes verstand er, dass das keine Muslime sein können.

Im Namen des gleichen Gottes

Ihr Sohn habe das gewusst, sagt die Mutter. Für ihn waren IS-Kämpfer Feinde des Islam. «Er wollte die Seele des Islam vor ihnen schützen», sagt sie, dann legt sie die Todesurkunde auf den Tisch. «Bismillah ar-rahman ar-rahirn». Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes, steht da.

Es sind dieselben Worte, mit denen die Terrormiliz ihr Video beginnt.

Erstellt: 05.01.2019, 17:54 Uhr

Artikel zum Thema

Abgestürzter Kampfjetpilot – Jordaniens Optionen

Ein Befreiungskommando losschicken? Verhandeln? Noch härter zuschlagen? Die Geisel in den Händen der IS-Kämpfer bringt Jordanien in ein Dilemma. Mehr...

Jordanien will Piloten befreien

Die jordanische Regierung ist entschlossen, den von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefangen genommenen Piloten wieder nach Hause zu bringen. Mehr...

Israel schiesst syrischen Kampfjet ab

Israel hat einen syrischen Kampfjet mit Patriot-Raketen abgeschossen. Er sei in den israelischen Luftraum eingedrungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Nachhaltige Anlagen bringen einen doppelten Gewinn

Nachhaltige Anlagen rentieren doppelt: für Umwelt und Gesellschaft wie auch für Sie als Anlegerin und Anleger. Die nachhaltigen Migros-Bank-Fonds ermöglichen Ihnen sichere Investments mit gutem Gewissen

Kommentare

Blogs

History Reloaded Wie Sisis Mörder den Kopf verlor

Mamablog Der Frust mit dem Körper

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung