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Er will das ganze Bild Afrikas zeigen

Wie die meisten afrikanischen Länder erfasst Google Street View Zimbabwe nicht. Das ärgerte Tawanda Kanhema. Im Alleingang brachte er bislang 3200 Kilometer auf die digitale Weltkarte.

Tawanda Kanhema mit der Google-Street-View-Kamera am Rücken an den Victoriafällen. Foto: Casey Curry
Tawanda Kanhema mit der Google-Street-View-Kamera am Rücken an den Victoriafällen. Foto: Casey Curry

Nachdem Tawanda Kanhema vor zehn Jahren aus Zimbabwe nach Kalifornien gekommen war, fragten ihn die Leute, ob es in Afrika auch Autos gebe. Sie hatten wie viele Menschen nur ein Bild von Afrika. Das Image des Kontinents wird seit Jahrzehnten zu einem nicht geringen Teil von Hilfsorganisationen und Medien geprägt, die viel über Kriege und Krankheiten berichten, aber wenig über Erfolgsgeschichten und den ganz normalen Alltag. Als Tawanda Kanhema auf Google Street View nach den Orten seiner Kindheit in Zimbabwe suchte, nach Alltag und Normalität, fand er nichts, was er den Amerikanern zeigen konnte. In diesen digitalen Zeiten wirkt das so, als existiere Zimbabwe gar nicht.

Also setzte sich Tawanda Kanhema, 38 Jahre alt, ins Flugzeug Richtung Zimbabwe, mietete in Harare ein Auto und fuhr viele Tage lang durch die Hauptstadt, durch eine der schönsten Metropolen Afrikas, eine grosszügig angelegte Gartenstadt, mit Alleen voller Bougainvillea-Sträuchern und grell blühender Jacaranda-Bäume. Er fotografierte die Hochhäuser der Innenstadt und die grossen Villen der noblen Vororte. Und schliesslich fuhr er viele Hundert Kilometer weit in die alte Ruinenstadt «The Great Zimbabwe», filmte dort die Überreste einer grossen Kultur aus dem 11. Jahrhundert und setzte sich in einen Helikopter, der ihn über die Victoriafälle brachte.

Ein blinder Fleck

Insgesamt 3200 Strassenkilometer seiner Heimat hat Kanhema mittlerweile auf Google Street View eingestellt, um den Menschen in der Welt ein realistischeres Bild von Afrika und Zimbabwe zu präsentieren. «Viele Leute sind überrascht, weil sie nicht dachten, dass die Leute in Afrika so leben. Viele glauben, es gebe die Erste Welt und die Dritte. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt Orte in der sogenannten Dritten Welt, die wie die Erste aussehen, und umgekehrt», sagt Tawanda Kanhema. Nur bekämen das viele eben nicht mit, weil Afrika oft ein blinder Fleck auf der Landkarte sei.

Nach Angaben von Google hat der Konzern in 87 von fast 200 Ländern eine grossflächige Abdeckung der virtuellen Strassenkarten. Vor allem in Zentralasien und Afrika gibt es aber grosse Lücken. Wer sich ein Bild der Millionenmetropolen Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo oder Kigali in Ruanda machen will, der kommt nicht weit. Nur in Südafrika, Ghana, Botswana, Kenia, Nigeria und Senegal hat der Konzern Firmen beauftragt, die viele der Metropolen abgefahren sind. Der Rest muss sich selbst helfen. Google verleiht zwar die teuren 360-Grad-Kameras, die für die Aufnahmen notwendig sind, aber auch an die muss man erst einmal herankommen.

Freiwillige ausbilden

Tawanda Kanhema arbeitet im Silicon Valley als Produktentwickler, in direkter Nachbarschaft zu Google, und konnte mehrere Tausend Dollar für sein Projekt ausgeben. Andere haben es da nicht so leicht. Google sei keine öffentliche Dienstleistung und werde nur aktiv, wo es seinen Geschäftsinteressen entspreche, sagt Kanhema beim Gespräch am Telefon. In Afrika erwartet Google offenbar nicht so viele Geschäfte. Damit liegt der Konzern aber nicht unbedingt richtig. In Harare sind durch die Aufnahmen von Kanhema mehrere Hundert Geschäfte und Unternehmen auf den Karten von Google gelandet, was deren Umsätze ankurbelt. Auch der Tourismus könnte profitieren.

Kanhema will in Zukunft Freiwillige ausbilden, die sein Projekt in Zimbabwe und anderen afrikanischen Staaten fortsetzen, was nicht immer ganz leicht ist, weil die Behörden für das Fotografieren des öffentlichen Raumes oft komplizierte Vorschriften erstellt haben. Er selbst hat mittlerweile auch Teile Namibias auf die Landkarte gesetzt und ist in den Norden Kanadas gereist, von Afrika aus gesehen ans andere Ende der Welt, und ist dort Hunderte Kilometer weit über Eispisten gefahren – zu Ureinwohnern, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, weil sie auf den neuen, digitalen Weltbildern nicht vorkommen.

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