Erdogans Powerplay mit den Saudis

Der türkische Präsident versprach nicht nur die ganze Wahrheit im Fall Khashoggi. Vielmehr setzte er Riad noch mehr unter Druck.

«Wir haben starke Beweise in der Hand»: Recep Tayyip Erdogan, Staatschef der Türkei.

«Wir haben starke Beweise in der Hand»: Recep Tayyip Erdogan, Staatschef der Türkei. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie viel weiss die Türkei wirklich über den Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi? Diese Frage bleibt auch nach dem heutigen Parlamentsauftritt von Recep Tayyip Erdogan offen. Der türkische Präsident präsentierte weitere Details rund um den «geplanten politischen Mord», aber keine neuen brisanten Erkenntnisse. An der Rede Erdogans zum Fall Khashoggi sei das Nicht-Gesagte mindestens so bedeutend gewesen, stellte CNN fest.

Erdogan sagte nicht, dass die türkischen Ermittler Audioaufnahmen und eventuell auch Videoaufnahmen des Mordes im saudischen Konsulat in Istanbul besitzen. Er machte keine Angaben zur Frage, wie der Regimekritiker zu Tode gekommen ist. Schliesslich vermied es Erdogan, den mutmasslichen Auftraggeber des Mordes, Kronprinz Muhammad bin Salman, namentlich zu erwähnen. Erdogan fordert Aufklärung von Saudiarabien. Dabei zweifle er nicht an der Aufrichtigkeit von König Salman.

Erdogan meidet direkte Angriffe auf das Königshaus. In einer Art Arbeitsteilung sind es die regierungstreuen türkischen Medien, die die grausigen Details und spektakulärsten Informationen veröffentlichen. Offensichtlich mit dem Ziel, Riad unter Druck zu setzen.

Es geht um Macht und Einfluss im Nahen Osten

Schon vor dem Fall Khashoggi waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Saudiarabien angespannt. Beide Regionalmächte ringen um Interessenssphären im Nahen und Mittleren Osten. Die Türkei unterstützt etwa Katar, das in einem Konflikt mit Saudiarabien steht. Erdogan gehe es um Macht und Einfluss in der sunnitischen Welt und nicht um Gerechtigkeit im Fall Khashoggi, kommentierte die NZZ.

«Wir können Muhammad bin Salman einen Ausweg aus der Affäre bieten», sagte ein türkischer Regierungsbeamter der Printausgabe des «Spiegel». «Oder wir können ihn durch Enthüllungen noch weiter unter Druck setzen.» Beobachtern zufolge möchte Erdogan den Fall Khashoggi nutzen, um von Saudiarabien politische oder wirtschaftliche Zugeständnisse zu erzwingen. Der Mordfall liefert Ankara auch einen Hebel, um auf die Beziehungen zwischen den USA und Saudiarabien Einfluss nehmen zu können. Die regierungsnahe türkische Zeitung «Sabah» hat bereits geschlussfolgert, dass sich Saudiarabien künftig nicht mehr alles herausnehmen kann.

«Jamal Khashoggi wurde grausam getötet»: Recep Tayyip Erdogan heute im türkischen Parlament. Video: Reuters

Die Türkei habe bisher gut gepokert im Fall Khashoggi, kommentierte die französische Zeitung «Le Figaro»: «Während der vergangenen drei Wochen hat die türkische Regierung die saudische Monarchie ganz allmählich hingerichtet. Ohne die Monarchie offiziell anzuprangern, hat sie unter dem Deckmantel der türkischen Presse immer mehr Details durchsickern lassen.» Türkische Ermittler gehen nach Medienberichten davon aus, dass Khashoggi von einem aus Saudiarabien angereisten 15-köpfigen Kommando im Konsulat gefoltert, ermordet und zerstückelt wurde.

«Bringt mir den Kopf dieses Hundes»

Wie die Nachrichtenagentur Reuters vor dem heutigen Erdogan-Auftritt unter Berufung auf türkische Quellen berichtete, hat ein enger Vertrauter des Kronprinzen die Ermordung des Journalisten angeblich befehligt. Saud al-Qahtani, so dessen Name, soll per Videochat noch mit Khashoggi gesprochen haben, ehe er seine Agenten anwies, Khashoggi zu ermorden: «Bringt mir den Kopf dieses Hundes.» Das saudische Königshaus, oft der Lüge überführt, befindet sich in permanenter Erklärungsnot.

Die Türkei erwartet nun von Saudiarabien, dass alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. «So einen Fall einigen Sicherheits- und Geheimdienstmitgliedern anzulasten, würde weder uns noch die internationale Gemeinschaft zufriedenstellen», sagte Erdogan heute im türkischen Parlament. Und er fordert, dass die direkt Verantwortlichen für den Tod Khashoggis in der Türkei vor Gericht gestellt werden.

Der internationale Druck auf Riad steigt laufend. Schaden genommen hat bereits das Prestigeprojekt einer Investorenkonferenz in Riad, eine Art «WEF in der Wüste». Viele Regierungsvertreter, Investoren und Unternehmer sagten ihre Teilnahme ab. Die EU berät über mögliche Auswirkungen auf die Beziehungen zu Saudiarabien. Laut «Washington Post» macht sich die US-Regierung Sorgen, dass türkische Enthüllungen den saudischen Kronprinzen als engen Verbündeten der Trump-Regierung schwer belasten könnten. Die Chefin der CIA, Gina Haspel, hält sich heute in der Türkei auf.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP.

Erstellt: 23.10.2018, 16:50 Uhr

Artikel zum Thema

«Wer hat den Befehl für das Verbrechen gegeben?»

Video «Die ganze Wahrheit» wollte er enthüllen. Nun hat Präsident Erdogan gesprochen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Bern legt Finanzdialog mit Saudiarabien auf Eis

Fall Khashoggi: Der Bund will reagieren – nur wie? Neben Waffen-Exporten sollen nun auch Gespräche über erleichterte Finanzmarkt-Zugänge gestoppt werden. Mehr...

Sein Tod ist ein Lehrstück über Machtpolitik und Fake News

Analyse Die Ermordung von Jamal Khashoggi entlarvt viel Heuchelei. Er ist zum Spiel von Supermächten geworden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Mamablog Eine warme Mahlzeit als Zeichen der Anteilnahme
Sweet Home Willkommen im «Nouveau Boudoir»
Geldblog Fürstliche Anlagen mit Potenzial

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...