Ermittler sollen «sichere Beweise» für Tötung Khashoggis haben

Neun Stunden lang durchsuchten türkische Ermittler das saudische Konsulat in Istanbul. Sie setzten dabei auch Spürhunde ein und nahmen Bodenproben.

«Wir meistern die Herausforderungen gemeinsam»: US-Aussenminister Pompeo trifft Kronprinz Muhammad bin Salman in Riad. (16. Oktober 2018) Video: SDA/AP

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Die Polizei hat gemäss einem hochrangigen türkischen Beamten bei ihrer Durchsuchung des saudischen Konsulats in Istanbul «sichere Beweise» gefunden, dass der Journalist Jamal Khashoggi dort getötet worden sei. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP. Der Beamte gab AP keine weiteren Details zu den Beweisen, die während des rund neunstündigen Einsatz im Konsulat gefunden worden seien. Ein weiterer Beamter bekräftigte zudem gegenüber dem US-Sender «CNN» erneut, dass Khashoggis Leiche zerteilt und weggeschafft worden sei.

Nach Angaben von US-Präsident Donald Trump hat der saudiarabische Kronprinz Muhammad bin Salman eine «vollständige» Untersuchung zum Verschwinden von Khashoggi zugesagt. Bin Salman habe ihm in einem Telefonat gesagt, dass die Untersuchung des Falles bereits begonnen habe und rasch ausgeweitet werden solle, schrieb Trump am Dienstag im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Eine «vollständige Untersuchung» sei nach Aussagen des Kronprinzen geplant, berichtete der US-Präsident. Antworten zu dem Fall werde die saudiarabische Führung bereits «in Kürze» liefern. Der Kronprinz habe jede Kenntnis von den Vorgängen im Konsulat in Istanbul «absolut bestritten».

Zwei Wochen nach dem Verschwinden des Journalisten hatten türkische Ermittler am Montagabend erstmals das saudische Konsulat durchsucht, wo Khashoggi vor zwei Wochen zuletzt gesehen worden war. Die Ermittler nahmen dabei mehrere Proben mit – unter anderem von der Erde des Konsulatsgartens, wie ein Behördenvertreter vor Ort sagte. Der Einsatz dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Die Ermittler stellten Bodenproben und eine Metalltür zur weiteren Untersuchungen sicher. Auch ein Spürhund der Polizei war im Einsatz.

Saudischer Konsul verlässt die Türkei

Die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Dienstag, dass der saudische Konsul in Istanbul das Land kurze Zeit nachdem die türkischen Behörden den Einsatz angekündigt hatten, das Land verlassen habe. Der Konsul, Mohammed al-Otaibi, habe am frühen Montagnachmittag um 14 Uhr einen Flieger bestiegen.

Die Polizei in Istanbul weitete am Dienstag ihre Ermittlungen aus und kündigte nach dem saudiarabischen Konsulat auch eine Durchsuchung der Residenz des Konsuls an. Medienberichten zufolge sollte das Konsulat im Laufe des Tages erneut durchsucht werden.

Nach Angaben von Präsident Recep Tayyip Erdogan prüften die Ermittler unter anderem, ob in dem Fall Gift eine Rolle gespielt haben könnte. Erdogan sagte vor Journalisten, die Ermittler gingen «vielen Dingen nach, wie etwa toxischen Materialien und solchen Materialien, die entfernt wurden, indem sie übermalt wurden».

Türkische Regierungsvertreter haben gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters am Montag bekräftigt, die Behörden verfügten über eine Tonaufnahme, die nahelege, dass Khashoggi in dem Konsulat getötet worden sei. Die USA und Saudiarabien seien über die Aufnahme in Kenntnis versetzt worden.

Saudiarabien gerät in der Affäre Khashoggi zunehmend unter Druck. US-Präsident Donald Trump hat seinen Aussenminister Mike Pompeo nach Saudiarabien entsandt. Pompeo sprach am Dienstag in Riad während rund 20 Minuten mit König Salman. Danach traf Pompeo auch Saudiarabiens Aussenminister Adel al-Dschubeir. Dieser sagte ihm laut Pompeos Sprecherin eine «vertiefte und transparente Untersuchung» zu.

Pompeo traf zudem mit Kronprinz Muhammad bin Salman zusammen, der als Saudiarabiens starker Mann gilt. Der Kronprinz bezeichnete die USA zum Auftakt des Treffens als «alten und starken Verbündeten.» Er fügte hinzu: «Wir meistern die Herausforderungen gemeinsam».

«Ausser Kontrolle geratenes Verhör»

Der US-Sender CNN berichtete am Montagabend, die saudische Monarchie erwäge, einen gewaltsamen Tod des Regierungskritikers einzuräumen. Saudiarabien bereite einen Bericht vor, demzufolge Khashoggi während eines «ausser Kontrolle geratenen Verhörs» gestorben sei.

Berichten von US-Medien zufolge arbeitet Saudiarabien an einer Darstellung der Ereignisse, welche die Führung in Riad von der Schuld an Khashoggis Tod entlaste. Für den Tod des Journalisten sollten stattdessen offenbar Agenten verantwortlich gemacht werden, die auf eigene Faust handelten und dabei völlig überzogen.

Laut CNN könnte Saudiarabien erklären, Khashoggi sei bei einem Verhör während eines Entführungsversuchs gestorben. Das Königreich wolle dabei besonders hervorheben, dass der gegen Khashoggi gerichtete Einsatz ohne Genehmigung von oben abgelaufen sei - und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden.

Die US-Zeitung «Wall Street Journal» berichtete, dass das Königreich den Fall so darstellen wolle, dass Khashoggi ungewollt während eines Verhörs durch ausser Kontrolle geratene Agenten getötet worden sei. Damit wolle das Königshaus eine direkte Verantwortung von sich weisen.

Von Khashoggi fehlt jede Spur, seit er am 2. Oktober das saudiarabische Konsulat in Istanbul besuchte. Türkische Ermittler gehen davon aus, dass der im US-Exil lebende Journalist und Regierungskritiker in dem Gebäude von Agenten seines Heimatlandes ermordet wurde. Saudiarabien bestritt dies bislang.

Aufhebung der diplomatischen Immunität gefordert

UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet forderte die sofortige Aufhebung der diplomatischen Immunität jener Vertreter Saudiarabiens, die mit dem Verschwinden Khashoggis in Zusammenhang stehen. Ein solcher Schritt sei «angesichts des Ernsts der Lage» nötig, erklärte Bachelet am Dienstag in Genf. Die Immunität müsse für alle «relevanten Räumlichkeiten und Amtspersonen» aufgehoben werden.

Bachelet betonte, dass diplomatische Immunität nicht als Vorwand benutzt werden dürfe, «um Ermittlungen zu Geschehnissen und Verantwortlichen zu behindern». Das Verschwindenlassen und Töten eines Menschen sei ein «sehr ernstes Verbrechen». Die völkerrechtlich vereinbarte diplomatische Immunität besagt, dass Diplomaten und diplomatische Vertretungen im Gastland dem Zugriff der dortigen Behörden entzogen sind. Saudiarabien müsste aber einer Aufhebung der diplomatischen Immunität zustimmen.

Schweiz zitiert stellvertretenden Saudi-Botschafter

Der Fall Khashoggi sorgt weltweit für Schlagzeilen – und hat die Führung in Riad in Erklärungsnöte gebracht. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat den stellvertretenden Botschafter Saudiarabiens zitiert. «In einem Gespräch mit dem saudischen Chargé d’affaires ad interim in Bern hat das EDA seine Besorgnis ausgedrückt und Aufklärung über das Schicksal des Journalisten gefordert.» Dies sagte die Sprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), Antje Bärtschi, in einem gemeinsamen Statement mit dem EDA auf Anfrage dieser Zeitung am Sonntag.

Auch der deutsche Bundesaussenminister Heiko Maas (SPD) und sein französischer Kollege Jean-Yves Le Drian forderten eine lückenlose Aufklärung. «Wenn wir wissen, was geschehen ist, werden wir daraus unsere Schlüsse ziehen», sagte Maas auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Le Drian in Paris.

(mch/fal/sda/afp)

Erstellt: 16.10.2018, 22:34 Uhr

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