Zum Hauptinhalt springen

Essen für Sex mit UNO-Soldaten

Mehrere Knaben schildern, was französische Soldaten ihnen während einer Blauhelm-Mission in Zentralafrika antaten. Jetzt gerät auch die UNO selbst in die Kritik.

Sollten in der Zentralafrikanischen Republik Vertriebene schützen: Französische Blauhelm-Soldaten in Bangui. (Archivbild)
Sollten in der Zentralafrikanischen Republik Vertriebene schützen: Französische Blauhelm-Soldaten in Bangui. (Archivbild)
Keystone

Die Jungen suchten Kontakt zu den französischen Soldaten, weil sie hungrig waren, auf Essen hofften. Manche waren so jung, dass sie die Akte nicht verstanden, die ihnen die Uniformierten als Gegenleistung abverlangten. Ein Junge, acht oder neun Jahre alt, schilderte, dass er mehrere Male denselben Soldaten «bediente». Ein anderer Neunjähriger sagte, er habe gedacht, dass die Franzosen urinierten.

UNO-Ermittler haben diese und ähnliche Berichte über Kindesmissbrauch im Mai und Juni 2014 von mehreren Jungen in der Zentralafrikanischen Republik gehört. Französische Soldaten waren im Rahmen eines UNO-Blauhelm-Einsatzes damit beauftragt, in der von schwerer Gewalt zerrissenen Hauptstadt Bangui ein Lager für Vertriebene zu schützen.

UNO ging Anschuldigungen nicht nach

Jetzt, ein Jahr später, erschüttern Enthüllungen darüber, wie die UNO mit den Schilderungen der Jungen umging, Menschen in und ausserhalb der Weltorganisation. Als «streng vertraulich» markierte Mitteilungen zeigen auf, dass ranghohe UNO-Beauftragte für Menschenrechte den Anschuldigungen, die ihre eigene Behörde gesammelt hatte, über Monate hinweg nicht nachgingen.

Am Samstag gab der zuständige Hochkommissar Zeid Raad al-Hussein bekannt, dass er ein Team in die Zentralafrikanische Republik entsenden werde. Es solle mögliche weitere Massnahmen prüfen, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen, darunter sexuelle Gewalt, richteten, hiess es in einer entsprechenden Mitteilung. Das Hochkommissariat will demnach auch «betroffene Staaten» danach fragen, was sie unternommen haben, um die Vorwürfe zu untersuchen und Schuldige zur Rechenschaft zu ziehen. Bisher gibt es keine Meldungen über irgendwelche Festnahmen, und es ist auch nicht bekannt, wo sich die beschuldigten Franzosen jetzt aufhalten.

Ermittler nicht unterstützt

Am Freitag hat die von zwei früheren UNO-Mitarbeitern geführte Nichtregierungsorganisation Aids-Free World weitere Dokumente publik gemacht. Aus den Unterlagen geht hervor, dass UNO-Vertreter sich nicht allzu sehr anstrengten, französische Ermittlungen zu unterstützen. Dafür wandten sie anscheinend umso mehr Kräfte auf, um jene UNO-Menschenrechtler unter die Lupe zu nehmen, die als erste französische Behörden über die Missbrauchsvorwürfe informiert hatten.

Ein der Nachrichtenagentur AP vorliegender Bericht zu den Anschuldigungen der Kinder zeigt, dass ein Mitarbeiter des UNP-Hochkommissariats für Menschenrechte und ein Unicef-Vertreter den ersten Vorwurf am 19. Mai 2014 hörten. Es folgten dann bis zum 24. Juni verschiedene Gespräche mit den Kindern, und französischen Behörden wurde im Juli ein Bericht darüber zugeleitet.

Die Schilderungen der Jungen sind einfach - und drastisch. Ein Elfjähriger erzählte, er sei auf der Suche nach etwas zum Spielen gewesen, als ein Soldat ihn zu sich gerufen habe. Etwas später habe der Franzose ihm dann Essen und etwas Geld gegeben - im Gegenzug für oralen Sex. Ein Neunjähriger wurde «wurde von seiner Mutter schwer verprügelt, als er ihr erzählte, was geschehen war».

UNO-Richtlinien fehlen

Als sich die französischen Stellen in Bangui an Unicef wandten, verwies das UN-Kinderhilfswerk sie an die UN-Rechtsbehörde in New York. Unicef informierte seiner Sprecherin Najawa Mekki zufolge am 16. Juli auch den UN-Sonderbeauftragten für Kinder und bewaffnete Konflikte. «Im Lichte dieses Falles prüfen wir unsere Praktiken, Prozeduren und Richtlinien» für Mitarbeiter und Berichterstattung, hiess es in einer E-Mail der Sprecherin weiter.

Bisher fehlt es an einer Richtschnur für den Umgang mit Vorwürfen des Kindesmissbrauchs. Sogar als französische Gendarmen bei den UN-Blauhelmen in Bangui auftauchten, um den Vorwürfen nachzugehen, wurde ihnen gesagt, sie müssten durch die angemessenen UN-Kanäle und sich an die Menschenrechtsbehörde in Genf wenden.

Spitzenvertreter im New Yorker UN-Hauptquartier erfuhren monatelang nichts von den Anschuldigungen. Der für Blauhelm-Missionen zuständige Herve Ladsous hörte nach eigenen Angaben erstmals im Frühjahr 2014 davon. Von Journalisten danach gefragt, warum die Mission in der Zentralafrikanischen Republik seine Behörde in New York nicht sofort informierte, antwortete er: «Einige Berichterstattungsstränge haben vielleicht nicht funktioniert.»

Berichte «echt» oder «unecht»

Die Nichtregierungsorganisation Aids-Free World rief unterdessen zu einer unabhängigen Untersuchung des UNO-Umganges mit den Vorwürfen auf. Es sei eine traurige Realität, «dass diejenigen, die mit dem internen UN-System vertraut sind, wahrscheinlich nicht überrascht sind», hiess es in einer Erklärung.

Die Sprecherin des UN-Generalsekretariats, Stephane Dujarric, sagte vor Journalisten, dass die von Aids-Free World veröffentlichten Dokumente «vielleicht echt oder aber auch unecht sind». Zu den am Freitag veröffentlichten Unterlagen zählt die Mitteilung einer UN-Mitarbeiterin, die mit den Kindern gesprochen hatte. Das Papier bezieht sich auf die UN-Untersuchung darüber, wer die französischen Behörden zuerst über die Vorwürfe informierte. Von einer «undichten Stelle» war die Rede. Von einer Reaktion auf die Anschuldigungen an sich hörte die Mitarbeiterin nach eigenen Angaben erst nach langer Zeit - fünf Monaten.

AP/chk

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch