«Fehlverhalten» bei UNO-Hilfswerk unter Schweizer Führung

Die Palästinenserhilfe UNRWA steht in der Kritik. Schlecht kommt auch deren Chef Pierre Krähenbühl weg – wegen einer Liebesbeziehung.

Er weist die Anschuldigungen zurück: Pierre Krähenbühl, Direktor des UNO-Hilfswerks UNRWA.

Er weist die Anschuldigungen zurück: Pierre Krähenbühl, Direktor des UNO-Hilfswerks UNRWA. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein interner Untersuchungsbericht enthält happige Vorwürfe gegen die Führung des UNO-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA). Die Rede ist von Missmanagement und Machtmissbrauch auf höchster Ebene – bis hinauf zu UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl. Der 53-jährige Schweizer steht seit 2014 an der Spitze des Hilfswerks. Die Vorwürfe umfassen «sexuelles Fehlverhalten, Vetternwirtschaft, Diskriminierung und anderen Machtmissbrauch zum eigenen Nutzen, zur Unterdrückung legitimer abweichender Meinungen und zur Erlangung anderweitiger persönlicher Ziele».

Der brisante Untersuchungsbericht der Ethikabteilung des UNRWA wurde dem TV-Sender al-Jazeera zugespielt. Auch die Nachrichtenagentur AFP ist im Besitz des Papiers und berichtete über die Probleme in der UNRWA-Führung. Das 1949 gegründete Hilfswerk unterstützt gemäss eigenen Angaben fünf Millionen Palästinenser in den palästinensischen Autonomiegebieten sowie in Syrien, Jordanien und im Libanon.

Krähenbühl soll Liebesgefährtin begünstigt haben

Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen eine kleine Anzahl ausländischer Führungskräfte des Hilfswerks – auch gegen Krähenbühl selbst. Gemäss der Nachrichtenagentur AFP soll der UNRWA-Chef eine Liebesbeziehung zu einer Kollegin gehabt haben, die nach einem «äusserst schnellen» Auswahlverfahren 2015 auf einen ihm zugeordneten neu geschaffenen Beraterposten kam. Auf diese Weise habe sie Krähenbühl bei Businessclass-Flügen rund um die Welt begleiten können.

Krähenbühl war für die Tamedia-Redaktion heute nicht erreichbar, die Medienstelle des UNRWA reagierte nicht auf telefonische und E-Mail-Anfragen. Gegenüber dem TV-Sender al-Jazeera und der AFP hatte der Schweizer UNO-Mann die Anschuldigungen gegen ihn sowie gegen das Hilfswerk zurückgewiesen. Falls die Untersuchungen zu Ergebnissen führen sollten, die Korrekturmassnahmen oder andere Managementmassnahmen erforderlich machten, so Krähenbühl, «werden wir nicht zögern, diese zu ergreifen». Weitere Stellungnahmen aus dem UNRWA gab es nicht.

Gemäss Medienberichten soll es bereits personelle Konsequenzen gegeben haben. Eine Stellvertreterin Krähenbühls habe das UNRWA am vergangenen Donnerstag aus «persönlichen Gründen» verlassen. Sie soll Mitarbeitende schikaniert und ihre Stellung ausgenutzt haben, um ihrem Ehemann einen gut dotierten Job zu verschaffen. Vorwürfe des Schikanierens von Mitarbeitenden wurden auch gegen eine andere Führungskraft erhoben, von der sich das UNRWA ebenfalls getrennt haben soll.

Schweiz stellt Zahlungen an UNRWA vorläufig ein

Die UNO-interne Aufsichtsbehörde OIOS führt derzeit eigene Ermittlungen durch. Angesichts der Vorwürfe hat die Schweiz die Zahlungen an das UNRWA vorläufig eingestellt, wie das Schweizer Radio berichtete. Der Schweizer Beitrag für das laufende Jahr wurde aber bereits geleistet. Dabei handelt es sich um 22,3 Millionen Franken.

Im vergangenen Frühling hatte Aussenminister Ignazio Cassis mit Äusserungen über das UNRWA für Aufsehen gesorgt. Er bezeichnete es als ein Hindernis für den Frieden in Nahost. Cassis warf die Frage auf, ob das Hilfswerk in der Frage der palästinensischen Flüchtlinge ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems sei. Wenige Tage später stellte der Gesamtbundesrat klar, dass er an der Unterstützung des Hilfswerks festhalte. Die Organisation leiste eine wichtige Arbeit für die palästinensischen Flüchtlinge.

Die Schweiz müsse UNRWA-Direktor Krähenbühl zur Rede stellen, sagte Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP/BL), Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates, in einem SRF-Interview. «Wichtig ist, dass man die nötigen Gespräche rasch führt und Druck gegenüber der UNRWA aufsetzt, damit endlich Massnahmen ergriffen werden.»

Hilfswerk in Schwierigkeiten

Die Vorwürfe aus dem internen Untersuchungsbericht treffen das UNRWA in einer ohnehin schwierigen Phase: Die Finanzlage ist stark angespannt und der politische Druck hoch. Die USA stellten 2018 ihre Zahlungen komplett ein, zuvor hatten sie ein Drittel der internationalen Finanzhilfen für das UNRWA zur Verfügung gestellt. Das Hilfswerk arbeitet mit einem Budget von 925 Millionen Dollar pro Jahr.

Das UNO-Hilfswerk betreibt insgesamt 685 Schulen und 137 Gesundheitszentren in den palästinensischen Autonomiegebieten sowie in Syrien, Jordanien und im Libanon. Ausserdem leistet es Unterstützung in Form von Nahrungsmitteln oder Bargeld sowie von Mikrofinanzdienstleistungen.

Erstellt: 30.07.2019, 12:58 Uhr

Artikel zum Thema

USA halten Millionen-Hilfe für Palästinenser zurück

Das Hilfswerk UNRWA bietet palästinensischen Flüchtlingen medizinische Versorgung, Bildung und Essen. Die USA halbieren eine Zahlung. Mehr...

USA stellen Zahlungen an UN-Palästinenserhilfswerk ein

Das amerikanische Aussenministerium spricht von einer «hoffnungslos fehlerbehafteten» Organisation. Mehr...

Schweizer kommt auf Top-Posten bei der Uno

Pierre Krähenbühl, bisher Kadermann beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, wird Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge UNRWA. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...