Die gefährlichen Kinder des IS-Kalifats

Der Anti-Terror-Koordinator der EU warnt vor einer «tickenden Zeitbombe»: Kinder von Jihadisten in Syrien und im Irak

Ungewisse Zukunft: Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, die in einem Lager in Syrien festgehalten werden.

Ungewisse Zukunft: Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, die in einem Lager in Syrien festgehalten werden. Bild: Reuters

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Das Kalifat des Islamischen Staats (IS) ist zwar Geschichte, es hinterlässt aber ein gefährliches Erbe: Ideologie und Terror, Ex-Kämpfer und Anhänger sowie ihre Familien, in denen künftige Jihadisten und Terroristen heranwachsen könnten. Diese Bedrohungen müssen nicht nur den Nahen Osten interessieren, sondern auch Europa und andere Teile der Welt wie Asien. Das zeigte sich beim Terroranschlag in Sri Lanka.

Mehr als 40'000 Auslandskämpfer aus 80 Nationen waren gemäss einem Bericht der «New York Times» mit ihren Familien nach Syrien und in den Irak gezogen. Darunter waren Tausende Kinder im Schulalter. Weitere Tausende Kinder wurden dort geboren. Dazu kommen Zehntausende einheimische Kinder, die unter IS-Regeln leben mussten.

Kinder als Spione, Bombenbauer und Kämpfer

Ein Teil dieser Kinder hat eine jahrelange IS-Indoktrination durchlaufen müssen und im Fall von älteren Minderjährigen auch Militärtrainings. Der IS missbrauchte seine Kinder als Spione und Bombenbauer, aber auch als Kämpfer und Selbstmordattentäter. Propagandavideos zeigten, wie IS-Kinder Gefangene erschiessen oder enthaupten. Die Kinder von IS-Familien sind Opfer der Situation, in die sie von Erwachsenen gebracht wurden. Das meint der Londoner Terrorexperte Peter Neumann. Und: «Das heisst aber nicht, dass sie nicht, zumindest in bestimmten Fällen, ein Risiko darstellen.»

Allein im Irak sind auf dem Gebiet des früheren Kalifats schätzungsweise 45'000 Kinder geboren. Weil diese Kinder nur über ein Geburtszertifikat des IS verfügen, werden sie von den Behörden nicht so behandelt wie andere irakische Kinder. Faktisch sind das staatenlose Kinder mit entsprechend weniger Rechten und schlechteren Lebenschancen – unabhängig davon, ob sie in einer IS-Familie geboren wurden oder nur auf IS-Gebiet. «Das ist eine tickende Zeitbombe», sagte Gilles de Kerchove kürzlich an einer Fachtagung in Rom. De Kerchove ist Anti-Terror-Koordinator der EU. Diesen Kindern werde der Zugang zum Schulsystem und zu Sozialleistungen verwehrt. Später könnten sie zu «leichter Beute» für radikale Hassprediger werden, sagt de Kerchove. Es bestehe die Gefahr, dass eine neue Generation von Selbstmordattentätern entstehe.

Staatsbürger zurückholen oder dem Schicksal überlassen

Nach dem Ende des Kalifats werden in Nordsyrien mindestens 13'000 ausländische IS-Anhänger in Lagern festgehalten, 12'000 von ihnen sind Frauen und Kinder. Dazu kommen etwa 31'000 Frauen und Kinder, die aus dem Irak stammen. Im Irak werden ebenfalls Tausende IS-Anhänger aus dem In- und Ausland festgehalten. Regierungen weltweit ringen mit der Frage, was sie mit ihren jihadistischen Staatsbürgern im Nahen Osten machen sollen: Zurückholen, ausbürgern oder dem Schicksal überlassen?

Aus der Schweiz befinden sich etwa 80 Jihadisten in Syrien, ein Drittel davon verfügt über das Schweizer Bürgerrecht. Bundesrätin Karin Keller-Sutter sprach sich im vergangenen Februar wegen Sicherheitsbedenken dagegen aus, Schweizer IS-Kämpfer zurückzuholen. Bei Kindern soll eine Rückführung zumindest geprüft werden.

Generell sind nur wenige Staaten bereit, eigene Jihadisten sowie Personen mit IS-Nähe zurückzuholen. Russland, Kasachstan und Kosovo führten die bisher grössten Rückholaktionen durch. Kosovo zum Beispiel liess letzten Monat 110 seiner Bürger von Syrien nach Hause zurückbringen. Darunter waren 32 Frauen und 74 Kinder.

Sorgerechtsentzug bei Rückkehr

Beim Versuch, die IS-Rückkehrer im Herkunftsland zu reintegrieren, setzen die Staaten auf unterschiedliche Lösungen. Besonders heikel ist das Vorgehen bei Minderjährigen. Ein Ansatz ist die Fremdplatzierung von Kindern bei Verwandten der radikalisierten Eltern oder bei Pflegefamilien oder in Kinderheimen. Ende April berichteten deutsche Medien, dass die Bundesregierung erste Kinder deutscher IS-Anhänger aus dem Irak zurückgeholt hat. Inzwischen prüfen deutsche Jugendämter, ob radikalisierten Eltern das Sorgerecht entzogen werden kann. Die Hürden für den Sorgerechtsentzug liegen allerdings hoch. Ausserdem warnen Experten vor Pauschallösungen.

Erstellt: 10.05.2019, 20:19 Uhr

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