Wer stinkt, dem droht Gefängnis

Saudiarabien erwägt, üble Gerüche in Gotteshäusern unter Strafe zu stellen. Das trifft vor allem arme Gläubige.

Gläubige Muslime zelebrieren vor dem Gebet in der Grossen Moschee in Mekka die rituelle Waschung. Foto: Anadolu, Getty Images

Gläubige Muslime zelebrieren vor dem Gebet in der Grossen Moschee in Mekka die rituelle Waschung. Foto: Anadolu, Getty Images

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Eigentlich müssten Gottes Worte ja ausreichen, um einen religionsbezogenen Sachverhalt zweifelsfrei zu regeln. Und der Koran, den die Muslime als direkt vom Schöpfer herabgesandt betrachten, ist in jener Sache weder blumig, noch lädt er zu Interpretationen ein: «O ihr, die ihr glaubt, wenn ihr hintretet zum Gebet», heisst es in Sure 5, Vers 6, ganz unzweideutig, «so waschet euer Gesicht und eure Hände bis zum Ellbogen und wischet eure Häupter und eure Füsse bis zu den Knöcheln ab.» Die Wudu genannte rituelle Waschung vor dem Gebet ist damit genau beschrieben, von müffelnden Achseln, die gereinigt werden sollten, steht dort nichts. Ebenso wenig wie von Arbeitsschweiss, der abgewaschen werden müsste.

Kritiker fühlen sich bestätigt

Dennoch sollten Gläubige in Saudiarabien vor der Zwiesprache mit ihrem Schöpfer künftig besser duschen und sich zur Sicherheit vielleicht noch parfümieren – zumindest wenn sie das Gebet in einer Moschee verrichten wollen. Eine Initiative des Schura-Rates, kein gewähltes Parlament, sondern ein 150 Mitglieder zählendes Gremium, das den absolut regierenden König berät, hat eine Gesetzesvorlage erarbeitet, die das Ausdünsten übler Gerüche in Gotteshäusern unter Strafe stellen soll. Mit bis zu 800 Dollar Bussgeld oder fünf Monaten Gefängnis soll künftig belegt werden können, wer anderen Gläubigen kräftig stinkt – wenn König Salman bin Abdul al-Aziz, der seinem Land nicht nur als Chef der Exekutive, sondern auch als einziges und massgebliches Mitglied der Legislative dient, die Vorlage annimmt.

Die spezielle Verordnung zur Körperhygiene ist jedoch nur einer von 45 Punkten, mit denen das von dem Geistlichen Fayez al-Shahri eingebrachte «Gesetz für Anstand in der Öffentlichkeit» den «Missbrauch persönlicher Freiheiten» verhindern soll. Exhibitionismus, das Abspielen von lauter Musik in der Nähe von Moscheen, sensationslüsternes Aufnehmen von Handyfotos bei Autounfällen, das Zurschaustellen von Unterwäsche durch nachlässige Kleidung – al-Shahris Initiative will vielerlei vermeintliches und echtes antisoziales Verhalten sanktionieren.

Kritiker der konservativen Golf­monarchie dürften sich durch die Kontrollwut des Klerikers in ihren Klischees bestätigt fühlen. Die Initiative verrät jedoch Vielschichtigeres über den Zwiespalt zwischen Tradition und Modernisierung, in dem sich das Land befindet. Dass Teile des Schura-Rates, in dem die Geistlichen eine grosse Fraktion stellen, ein solches Gesetz für nötig erachten, zeigt, wie stark die Konservativen in Saudiarabien in die Defensive geraten sind: Viele der in der Vorlage aufgezählten Punkte wurden früher von der auf den Strassen patrouillierenden Religionspolizei auch ohne gesetzliche Grundlage kontrolliert.

Frauen dürfen nun die Fahrprüfung machen und Stadien besuchen, Popsternchen treten ohne Kopftuch auf.

Die Willkür der Tugendwächter wurde in den vergangenen Jahren jedoch immer mehr eingeschränkt, die neusten Reformprojekte von Kronprinz Muhammad bin Salman, der sich gerne als Mann der Zukunft präsentiert und erheblichen Einfluss auf die Politik seines Vaters hat, dürften den Anhängern der alten Ordnung ohnehin ein Graus sein: Frauen dürfen nun die Fahrprüfung machen und Fussballstadien besuchen, Popsternchen geben Konzerte, und das teilweise sogar ohne Kopftuch. Nach 35 Jahren Bann sollen noch in diesem Monat die ersten Kinos eröffnen, das vorher abgeschottete Königreich will sich zudem dem Tourismus öffnen, in ausgewiesenen Zonen könnten deshalb eventuell sogar Alkohol und Bikinis gestattet werden.

Die Reaktionen der Bevölkerung im Netz – mehr als 40 Prozent der Saudis sind jünger als 25 Jahre und nutzen die sozialen Medien intensiv – passen ohnehin nicht zum Bild eines rückständigen Gottesstaates: Die Spassfraktion jammert kalauernd herum, dass der Bann von öffentlich sichtbarer Unterwäsche auch die Sirwal treffen könnte, die weisse Pluderhose aus leichtem Stoff, in Sachen Tragekomfort, Ästethik und auch Beliebtheit in etwa das Äquivalent zur ausgeleierten Jogginghose.

Nur Ausländer schuften

Für ernst gemeinte Empörung sorgt aber vor allem der Punkt, mit dem der Kleriker al-Shahri seine feine Nase schützen wollte. Das Mitglied des Schura-Rates ist nicht der Einzige, der in der Moschee nicht neben verschwitzten und verdreckten Glaubensbrüdern knien will, das Thema wurde zuletzt in religiösen TV-Shows diskutiert. Nun aber einen Waschzwang einführen zu wollen, sei rassistisch, meinten viele: «Wie können wir das von den sich quälenden Arbeitern verlangen, die Stunden in der Sonne schuften?», fragt etwa ein Mann namens Akram Hadheri auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und verweist darauf, dass schweisstreibende körperliche Arbeit in Saudiarabien vor allem Gastarbeiter aus Asien verrichten.

Wenn diese Billiglöhner, ohne die im Königreich nur wenig funktionieren würde, ihren religiösen Pflichten nachkommen wollen, bleibt ihnen angesichts der langen Arbeitszeiten oft nur der direkte Weg von der Arbeit zum Gebet – die von al-Shahri vorgeschlagenen hohen Strafen würden sie praktisch aus den Moscheen verbannen. Es sei denn, einer von ihnen würde genau auf der Grundlage des «Gesetzes für Anstand in der Öffentlichkeit» klagen: Es soll nicht nur das Stinken in Moscheen verbieten, ein anderer Punkt untersagt auch «rassistisches Verhalten».

Erstellt: 07.03.2018, 19:40 Uhr

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