«Genug ist genug»

Ban Ki-moon reagiert auf die Vielzahl sexueller Vergehen der Blauhelme und feuert seinen höchsten UNO-Vertreter Babacar Gaye.

Ein starkes Exempel: Der UNO-Sonderbeauftragte, General Babacar Gaye, musste seinen Posten räumen.

Ein starkes Exempel: Der UNO-Sonderbeauftragte, General Babacar Gaye, musste seinen Posten räumen. Bild: Issouf Sanogo /AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einem für die Vereinten Nationen bisher beispiellosen Schritt hat Generalsekretär Ban Ki-moon am Mittwoch seinen Sonderbeauftragten für die Zentralafrikanische Republik, den senegalesischen General Babacar Gaye, gefeuert. Der Offizier habe jahrelang «ehrenhaft» für den Staatenbund gearbeitet, sagte Ban: Doch eine Vielzahl von sexuellen Vergehen und anderen Übergriffen der in der Zentralafrikanischen Republik stationierten Blauhelme habe ein «starkes Exempel» erforderlich gemacht.

Wenige Stunden vor dem erzwungenen Rücktritt Gayes hatte Amnesty International (AI) von zwei Vorfällen in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, berichtet, in denen Blauhelme Anfang August einen 16-jährigen Jungen und seinen Vater erschossen sowie in einem gesonderten Fall ein 12-jähriges Mädchen vergewaltigt hatten. Die Übergriffe der nicht näher identifizierten Blauhelme ereigneten sich, als die Friedenssoldaten den muslimischen Stadtteil «Kilometer 5» auf der Suche nach einem Führer der Seleka-Rebellen kontrollierten. Dabei sei es von einem Blauhelmsoldaten aus dem Haus gezerrt und hart geschlagen worden, berichtete das Mädchen der Menschenrechtsorganisation. Anschliessend habe er es hinter einem Laster im Hinterhof des Hauses vergewaltigt.

Zahlreiche Übergriffe und Regelverstösse

Bereits zuvor waren zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs seitens der Minusca genannten Blauhelmtruppe an die Öffentlichkeit geraten. Derzeit werde 11 Fällen sexueller Übergriffe sowie 57 anderen Regelverstössen der Friedenssoldaten nachgegangen, hiess es in Bangui. Die rund zehntausendköpfige Truppe befindet sich seit April des vergangenen Jahres im Land, ihr gehören vor allem Soldaten aus Ruanda, Burundi, dem Kongo, Kamerun und Senegal an. General Gaye wurde im Juli des vergangenen Jahres zum Sonderbeauftragten des UNO-Generalsekretärs ernannt – die Absetzung eines derart hochrangigen Vertreters des Staatenbundes sei bislang «ohne Beispiel», sagte UNO-Sprecher Stephane Dujarric.

Bereits vor der Entsendung der Blauhelmtruppe soll es in der Zentralafrikanischen Republik zu sexuellen Übergriffen seitens der Soldaten einer französischen Eingreiftruppe gekommen sein. Insgesamt 14 uniformierte Mitglieder der Sangaris genannten Mission hätten mehrere zentralafrikanische Teenager sexuell misshandelt, hiess es. Berichte über diese Vorfälle hatte der schwedische UNO-Diplomat Anders Kompass im April dieses Jahres an die Öffentlichkeit gespielt, woraufhin sich der Diplomat einer internen Untersuchung wegen irregulären Verhaltens ausgesetzt sah. Kompass droht noch immer die Entlassung aus dem Staatenbund.

«Genug ist genug»

Seitdem tobt hinter den Kulissen der UNO ein erbitterter Konflikt, wie mit sexuellen Übergriffen von Blauhelmen umgegangen werden soll. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon scheint nun Partei für eine schonungslose Offenlegung derartiger Vergehen ergriffen zu haben. «Ich kann nicht in Worte fassen, wie mich die seit Jahren wiederkehrenden Berichte über sexuellen Missbrauch und Ausbeutung seitens der UNO-Truppen plagen, schmerzen und beschämen», sagte Ban am Mittwoch in New York. «Die abscheulichen Taten einiger weniger beschmutzen die heroische Arbeit Zigtausender Blauhelme. Das muss aufhören. Genug ist genug.»

UNO-Kenner weisen allerdings darauf hin, dass sich der Staatenbund in einem Dilemma befindet. Da der Weltbund über keine Gerichtsbarkeit verfügt, ist er auf die Kooperation der truppenstellenden Nationen angewiesen, wenn es um die Bestrafung der Übeltäter geht. Bislang wurde allerdings noch kein Fall bekannt, in dem ein Blauhelm wegen Vergehen während seiner UNO-Verwendung in seiner Heimat verurteilt worden wäre. Auch in Frankreich befinden sich die 14 verdächtigen Soldaten noch immer auf freiem Fuss. UNO-Vertreter befürchten ausserdem, dass sich Staaten die Entsendung von Truppen künftig zweimal überlegen könnten, wenn sie zu befürchten haben, dass undisziplinierte Soldaten an den Pranger gestellt werden.

Viele Blauhelme nach Hause geschickt

In seinem Rücktrittsschreiben, zu dem er von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon aufgefordert wurde, schreibt General Gaye, bei den Vorkommnissen in Zentralafrika handle es sich «womöglich um ein systemisches Problem, das die Aufmerksamkeit der höchsten Ebene der Organisation» erfordere. Der Senegalese versicherte, er habe einen «sehr robusten Stand» gegen das Fehlverhalten der Minusca-Soldaten eingenommen und «viele» Blauhelme nach Hause geschickt. Sein Sprecher teilte mit, allein im vergangenen Monat seien sechs Soldaten nach Hause geschickt worden.

Erstellt: 14.08.2015, 08:34 Uhr

Artikel zum Thema

UN-Blauhelm aus Ruanda erschiesst vier Kameraden

Ein UNO-Soldat hat in Zentralafrika vier Kollegen getötet, bevor er selbst erschossen wurde. Das Tatmotiv ist unklar. Mehr...

Ban Ki-moon kritisiert Israels Siedlungspläne

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat den Bau von 300 neuen Wohneinheiten erlaubt. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon kritisiert den Entscheid. Mehr...

Ban lädt zerstrittene Jemeniten und Saudis nach Genf

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon schlichtet im Konflikt zwischen Jemen und Saudiarabien. Zuvor hatten jemenitische Huthi-Rebellen erstmals Raketen auf Saudiarabien abgefeuert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...