Die US-Generäle stellen ihre Entschlossenheit unter Beweis

Der Osten Syriens ist Schauplatz eines vorgezogenen Endspiels. Wie weit sind die USA und Russland bereit, sich für ihre jeweiligen Klienten einspannen zu lassen?

Krieg in Syrien: Spannungen nach Abschuss eines syrisches Kampfflugzeugs durch einen US-Kampfjet. (Video: Reuters )

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Syriens Osten wurde im Bürgerkrieg lange Zeit nicht beachtet: Präsident Bashar al-Assad konzentrierte sich darauf, Kerngebiete des Regimes in Damaskus und am Mittelmeer zu verteidigen. Nachdem Russland in den Krieg eingegriffen hatte, galt die Priorität den Bevölkerungszentren in der Mitte und im Norden des Landes. Aleppo wurde erobert, gemässigte Rebellen sollten aufgerieben werden. Die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) war nie eine Gefahr für den Machterhalt des Regimes. Die Jihadisten konnten sich daher weitgehend unbehelligt breitmachen.

Auch die USA, die von ihnen geführte internationale Koalition gegen den IS und deren lokale Verbündete genossen relativ grosse Bewegungsfreiheit, de facto geduldet vom Regime und auch von den Russen. Das hat sich in den vergangenen Monaten radikal geändert: Der Osten Syriens ist Schauplatz eines vorgezogenen Endspiels geworden, in dem nicht nur über die künftige Ordnung im Land, sondern auch über das regionale Kräfteverhältnis entschieden werden könnte.

Zeichen dafür sind die sich häufenden Angriffe regimenaher Einheiten auf die mit den USA verbündeten Rebellen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), also kurdische, arabische und christliche Milizen, die in Raqqa gegen den IS kämpfen. Jetzt haben diese Kämpfe einen Höhepunkt erreicht: Ein syrischer Jagdbomber wurde durch einen US-Kampfjet abgeschossen. Gleichzeitig haben die Revolutionsgarden aus dem Iran IS-Stellungen angegriffen – angeblich eine Vergeltung für die Anschläge in Teheran.

Generäle haben das Sagen

Im Gebiet prallen Interessen der syrischen und der regionalen Kriegsparteien aufeinander. Der Iran und die Hizbollah wollen die Grenze zum Irak unter ihre Kontrolle bringen, dann wäre eine Landbrücke von der Levante bis zum Iran gebaut und die Versorgung der Schiitenmiliz im Libanon gesichert. Der Grundstein wäre gelegt für die Dominanz der Revolutionsgarden und ihrer Verbündeten im Irak, in Syrien und Libanon. Assad kann damit leben, solange er seinem Ziel näherkommt, das ganze Syrien zurückzuerobern. Für die arabischen SDF-Kämpfer geht es darum, dem IS Land abzunehmen und eine neue Basis für ihren Kampf gegen Assad zu schaffen, wenn der IS verjagt ist.

Entscheidend für den Ausgang dieses geopolitischen Wettlaufs wird sein, wie weit die USA und Russland bereit sind, sich für ihre jeweiligen Klienten einspannen zu lassen. Die Amerikaner können kaum die SDF ans Messer liefern, wenn diese die Schlacht gegen den IS geschlagen haben. Die Angriffe des Regimes dienen als Test, ob die Amerikaner trotz der Anwesenheit der russischen Schutzmacht bereit sind, ihre Verbündeten zu verteidigen. Allerdings ist es die erklärte Politik von Präsident Donald Trump, dem Einfluss Irans Grenzen zu setzen. Eine Schutzzone im Osten Syriens würde auch als Riegel wirken, der nebenbei den Sicherheitsinteressen Israels diente.

Die Russen könnten die Situation nutzen, um Assad zu einer politischen Lösung des Konflikts zu nötigen und ihrem angeblichen Ziel des Syrien-Einsatzes Priorität zu geben: der Bekämpfung des IS. Oder sie lassen es ihrerseits eskalieren, nachdem Trump ihre Erwartungen nicht erfüllt und ihnen keinen Deal nach ihrem Geschmack erlaubt. So stehen gefährliche Tage bevor. Barack Obama wollte diese Eskalation vermeiden. Unter Trump aber haben Generäle das Sagen, die sehen wollen, ob Moskau für Assads Interessen eine Eskalation riskieren will oder nur blufft. Ihre Entschlossenheit haben sie mit dem Abschuss unter Beweis gestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2017, 11:06 Uhr

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