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«Ghadhafi gab uns Würde»

Ein verwundeter Loyalist erklärt der «New York Times», weshalb er noch immer an den untergetauchten Machthaber glaubt. Zugleich offenbart er die Macht von Ghadhafis Propagandamaschinerie.

jak
Noch nicht ganz verschwunden: Ein Ghadhafi-Bild wird aus dem Hotel Radisson in Tripolis entfernt. (23. August 2011)
Noch nicht ganz verschwunden: Ein Ghadhafi-Bild wird aus dem Hotel Radisson in Tripolis entfernt. (23. August 2011)
Keystone

Faraj Mohamed glaubt auch nach dem Fall von Tripolis an den gestürzten Machthaber. «Ich würde tausendmal für Ghadhafi sterben, selbst jetzt», erklärt er dem «New York Times»-Reporter David D. Kirkpatrick. Als die Rebellen in Tripolis einmarschierten, wurde der 20-jährige Ghadhafi-Soldat verwundet. Seither wird er mit anderen Loyalisten in einem Spital der Hauptstadt behandelt. Vor dem Zimmer wacht ein bewaffneter Rebell. Die Übergangsregierung in Benghazi betrachtet ihn als Kriegsgefangenen. Den Glauben an den früheren Machthaber hat er bis heute nicht verloren: «Ich liebe ihn, weil er uns Würde gab, und er ist ein Symbol für den Patriotismus unseres Landes.»

Er sorgt sich um Libyens Zukunft. «Libyen wird dasselbe wie Ägypten erleben», befürchtet Mohamed. «Ermordungen, Diebstähle und Chaos» würden ausbrechen. Für Mohamed und andere Loyalisten ist Ghadhafi alles andere als ein Despot. Ghadhafi sei es gewesen, der Libyen zu einer unabhängigen, urbanen Nation gemacht habe, sagen sie, Strassen, Schulen, Spitäler und Arbeitsplätze seien unter ihm geschaffen worden. Vor der Machtübernahme 1969 sei das Land unterentwickelt und die Ölreserven in ausländischen Händen gewesen. Die Korruption und Willkür des Ghadhafi-Regimes waren für sie ein notwendiges Übel.

Farj Mohamed gibt im Gespräch mit der «New York Times» einen Einblick in die Propagandamaschinerie der Ghadhafi-Leute. Er glaubte den staatlichen Fernsehnachrichten, welche die Rebellen als Ausländer, bärtige Islamisten und blutrünstige Monster hinstellten. «Ich wusste nicht, dass die Rebellen Libyer sind.» Zugang zu TV-Sendern wie al-Jazeera und al-Arabiya hätten die Soldaten nicht gehabt. Mohamed will sich trotzdem nicht beirren lassen. Er würde weiterkämpfen. Immerhin sei er wie Ghadhafi aus Sirte. Und diese Stadt hätten die Rebellen noch nicht eingenommen.

«Ghadhafi ist immer noch in Libyen»

Doch auch Sirte könnte bald fallen. Die Rebellen haben den verbliebenen Ghadhafi-Anhängern ein Ultimatum bis Samstag gesetzt, sich zu ergeben. Ihren Angaben zufolge laufen unter anderem Gespräche zu einer friedlichen Übergabe mit den Verantwortlichen in Ghadhafis Heimatort. Der ehemalige Machthaber soll sich derweil weiterhin in Libyen aufhalten. Es sei «zu 80 Prozent sicher, dass Ghadhafi immer noch in Libyen ist», sagte der Militärbeauftragte im Nationalen Übergangsrat, Omar Hariri, heute der Nachrichtenagentur AFP in Tripolis.

Laut Hariri vermuten die Rebellen den untergetauchten Ghadhafi in Bani Walid südöstlich von Tripolis oder in den Vororten der libyschen Hauptstadt. Zuvor hatte der Vizechef des Übergangsrats, Ali Tarhuni, vor Journalisten angedeutet, Ghadhafis Aufenthaltsort zu kennen. «Ghadhafi ist auf der Flucht. Wir haben eine ziemlich gute Vorstellung davon, wo er ist», sagte Tarhuni. Nicht nur für Ghadhafi, auch für seine Loyalisten wird die Lage immer unangenehmer. Selbst Faraj Mohamed hat sich trotz seinen Überzeugungen den neuen Realitäten angepasst. «Ich glaube, dass Libyen nun mehr vereint ist», sagt er, als ein Rebell das Spitalzimmer betritt.

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