Gift, Lügen und die Schuld

Die internationale Empörung ist gross über den Giftgaseinsatz, der in Syrien Dutzende Zivilisten getötet hat. Doch wer ist dafür verantwortlich?

Noch ist unklar, wie hier welches Gift freigesetzt wurde: Khan Sheikhoun am Tag nach dem Luftangriff. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Noch ist unklar, wie hier welches Gift freigesetzt wurde: Khan Sheikhoun am Tag nach dem Luftangriff. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tag nach dem Chemiewaffenangriff, dem schlimmsten in Syrien seit 2013, war der Tag der Schuldzuweisungen. Die USA, Frankreich, Grossbritannien, die EU – alle machen das Regime von Präsident Bashar al-Assad verantwortlich. Russland dagegen sieht die Schuld wenig überraschend bei den Rebellen und bei Gruppen, die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbunden sind. Sie kontrollieren Khan Sheikhoun, die Stadt in der nordsyrischen Provinz Idlib, in der sich der Angriff zugetragen hat. Die syrische Armee bestritt routinemässig, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Doch dass Dutzende Menschen offenbar an einem Nervengift gestorben sind, zieht niemand ernsthaft in Zweifel.

Kritik an Russland: US-Botschafterin Nikki Haley im UN-Sicherheitsrat am 5. April 2017. Video: Tamedia/AFP

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte mit, die Opfer zeigten Symptome, die «übereinstimmen mit der Reaktion auf Nervenkampfstoffe und Organophosphat-Verbindungen». Darunter fallen Chemiewaffen wie Sarin, Tabun, Soman oder VX, aber auch Gifte, die in Insektenvernichtungsmitteln verwendet werden. Typisch sind Lähmungserscheinungen am Körper. Es beginnt mit der Einengung der Pupillen, Krämpfe und Atemnot folgen, dann in den tödlichen Fällen der Atem- oder Herzstillstand. Die Giftstoffe blockieren die Nervenleitung; ihre Abbauprodukte sind im Blut nachweisbar.

Einige Verletzte wurden in die Türkei gebracht. So dürfte bald klar sein, mit welcher Substanz sie vergiftet wurden.

Eigentlich wäre Waffenruhe

Wie das Gift freigesetzt wurde, bleibt umstritten. Bewohner von Khan Shei-khoun berichten von Luftangriffen am Dienstag gegen 6.30 Uhr. Wenig später seien die ersten Menschen mit Vergiftungssymptomen in Kliniken gebracht worden. Eines dieser Spitäler sei am Nachmittag bombardiert worden. Die ersten Berichte internationaler Nachrichtenagenturen folgten schon gegen zehn Uhr syrischer Ortszeit.

Über dem umkämpften Norden Syriens fliegen Assads Luftwaffe und russische Kampfjets, vereinzelt und mit Russland koordiniert auch Flugzeuge der von den USA angeführten internationalen Militärkoalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Provinz Idlib ist das letzte grosse Gebiet, das Regierungsgegner kontrollieren. Immer wieder werden Rebellen aus anderen Gegenden im Zuge lokaler Waffenstillstände dorthin umgesiedelt. Das Regime hat seine Offensive gegen die Rebellen ausgeweitet, obwohl offiziell noch eine landesweite Waffenruhe gilt.

Die USA, Grossbritannien und Frankreich beschuldigen wie die Rebellen das syrische Regime. Es ist nicht klar, ob sie sich dabei auf Erkenntnisse ihrer Geheimdienste stützen. Einheiten der syrischen Armee hatten im August 2013 bei Angriffen auf Vorstädte von Damaskus mit Sarin mehr als 1400 Menschen getötet. Das Regime war darauf auf Vermittlung Russlands der Chemiewaffenkonvention beigetreten und hatte die Vernichtung seines Arsenals zugesagt, um Angriffe der USA auf syrische Militäreinrichtungen abzuwenden. Interne Dokumente der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW) lassen allerdings Zweifel aufkommen, ob Assad sein Arsenal vollständig vernichtet hat. Westliche Geheimdienste glauben das auch nicht.

Russland wartete am Mittwoch mit einer anderen Erklärung auf: Zwischen 11.30 und 12.30 Uhr hätten Kampfjets der Regierung am Dienstag ein «Munitionslager der Terroristen und eine Anhäufung militärischer Ausrüstung» bei Khan Sheikhoun bombardiert, sagte Generalmajor Igor Konoschenkow, Vizesprecher des Verteidigungsministeriums. Dort hätten sich Werkstätten für chemische Munition befunden, die an Terroristen im Irak geliefert werden sollten.

Völlig auszuschliessen ist das nicht, doch gibt es grosse Unstimmigkeiten. So wurde der Stoff nach allen Berichten Stunden vor dem Angriff freigesetzt, von dem Konoschenkow sprach. Zudem sind Kampfstoffe wie Sarin Flüssigkeiten, die durch die Explosion einer eigens konstruierten Zündladung oder durch Sprühmechanismen als feine Tröpfchen in der Luft verteilt werden. Bei einem konventionellen Angriff auf ein Lager würde kaum ein solches Aerosol entstehen. Die Zahl der Opfer erscheint dafür zu hoch.

Unabhängige Untersuchung nötig

Syriens Regierung hat stets die mit al-Qaida verbundene Nusra-Front beschuldigt, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Westliche Geheimdienste bestätigen das nicht – was nicht ausschliesst, dass es ihr gelungen sein könnte, kleinere Mengen in ihren Besitz zu bringen. Der IS hat Chemiewaffen verschossen, allerdings Senfgas, das Blasen auf der Haut verursacht. Auch gibt es keine Anzeichen dafür, dass mit al-Qaida verbundene Gruppen Chemiewaffen in den Irak liefern, wo der konkurrierende IS kämpft.

Aufklärung könnte eine unabhängige Untersuchung bringen, wie sie die USA, Grossbritannien und Frankreich in ihrem Entwurf für eine UNO-Resolution fordern. «Da kann ja eigentlich niemand etwas dagegen haben, wenn sich Moskau seiner Sache sicher ist», sagte ein westlicher Diplomat. Der Entwurf verlangt von der syrischen Regierung, alle Flug- und Operationspläne für den letzten Dienstag zur Verfügung zu stellen, die Kommandanten aller Helikopter-staffeln zu nennen und Zugang zu Stützpunkten zu gewähren, von denen der Angriff ausgegangen sein könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2017, 23:07 Uhr

Artikel zum Thema

Die Mitschuld der US-Präsidenten

Kommentar Über Assad sollten die Syrer selbst entscheiden, hiess es aus Washington. Der Diktator half der Entscheidungsfindung mit chemischen Kampfstoffen nach. Mehr...

Schaum vor dem Mund, verengte Pupillen

Ein mutmasslicher Giftgasangriff im syrischen Bürgerkrieg löst weltweit Schock und Entsetzen aus. Das Weisse Haus macht das Assad-Regime dafür verantwortlich. Mehr...

Mörderische Realpolitik

Kommentar Der Westen darf gegenüber Syrien kein menschenverachtendes Verhalten an den Tag legen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Paid Post

«Erotik und nichts anderes»

Aus Umfragen ergibt sich einstimmig: Immer mehr Frauen wollen eine spontane, erotische Erfahrung mit einem Fremden erleben.

Die Welt in Bildern

Die Ruhe weg: EIn Blauschaf betrachtet den Betrachter im Uoo von Moskau, Russland. (17. August 2017)
(Bild: Yuri Kochetkov/EPA) Mehr...