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«Glauben Sie mir, einen Krieg wollte ich nicht»

Der Iraker Rafed Aljanabi lebt in Deutschland von Hartz IV. Vor zehn Jahren lieferte er dem deutschen Geheimdienst die Informationen, mit denen die USA den Krieg gegen Saddam Hussein unter anderem rechtfertigten.

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Im Februar 2003 versuchten die USA, die Welt von der Notwendigkeit eines Kriegs gegen den Irak zu überzeugen. Der damalige US-Aussenminister Colin Powell nannte in seiner berühmten Rede vor dem Uno-Sicherheitsrat drei bereits damals höchst umstrittene Gründe für ein militärisches Eingreifen gegen den Irak: das angebliche Atomwaffenprogramm des Landes, Verbindungen zu al-Qaida und die Angaben aus Deutschland über mobile Biowaffenlabore. Die falschen Informationen über die rollenden Labore stammten von einem Iraker, der Ende der 90er Jahre nach Deutschland geflüchtet war. Dabei zog er die Aufmerksamkeit des deutschen Nachrichtendienstes BND auf sich, weil er im Irak als Chemieingenieur tätig gewesen war.

In einem grossen Interview mit der «Welt» erinnert sich Rafed Aljanabi, der heute mit seiner Familie von Hartz IV lebt, an seine Zeit als Informant des BND.

«Total geschockt» bei Rede von US-Aussenminister Powell

«Wir schauten uns die Übertragung im arabischen Fernsehsender al-Jazeera an. Ich hatte keine Ahnung, dass Powell meine Angaben verwenden würde», sagt Aljanabi. «Ich war total geschockt, zumal er als Quelle einen irakischen Chemieingenieur im Ausland nannte.» Er sei einer der wenigen Chemieingenieure gewesen, die den Irak verlassen hatten. Damit sei er relativ rasch erkannt worden, erzählt der 44-Jährige mit dem Decknamen «Curveball» über seine damalige Angst.

Mit seinen Lügen, die der BND der CIA weiterleitete, lieferte Rafed Aljanabi der amerikanischen Regierung einen Grund für den Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein. Acht Jahre danach betont er, dass man sich über den Krieg nicht freuen könne, weil es sehr viele Opfer gegeben habe. «Man hätte besser die Leute unterstützen sollen, die gegen Saddam waren», sagt Aljanabi weiter. «Trotzdem finde ich, dass George W. Bush viel Gutes bewirkt und mein Land befreit hat.»

Bei seiner Ankunft in Deutschland war der Iraker von einem Mann kontaktiert worden, der sich Dr. Paul nannte, sich aber nicht direkt als Mitarbeiter des Geheimdienstes zu erkennen gab. «Wir waren uns einig, dass das Regime von Saddam Hussein weg musste», sagt Aljanabi im «Welt»-Interview. «Dr. Paul stellte mir auch Fragen zu angeblich vorhandenen mobilen Biowaffenlaboren. Er hätte Kenntnis davon. Ich habe ihm das dann bestätigt, obwohl ich überhaupt nichts davon wusste.»

«Ich wollte den Druck auf Saddam Hussein erhöhen»

Warum hat Aljanabi gelogen? «Ehrlich gesagt, habe ich die falsche Geschichte mit den mobilen Biowaffenlaboren erzählt, weil ich den Druck auf Saddam Hussein erhöhen wollte», sagt Aljanabi. «Erst habe ich gesagt, dass es solche Labore geben könnte, später, dass es sie tatsächlich gebe. Das war ja noch zu einem Zeitpunkt, als ich dachte, ich hätte es mit einem Uno-Waffeninspektor zu tun, nicht mit einem Geheimdienstmitarbeiter.»

Ehemalige hochrangige BND-Mitarbeiter sagten der «Welt», die CIA sei mehrmals auf mehreren Kanälen davor gewarnt worden, die Angaben von «Curveball» als gesichert darzustellen. Dennoch habe die damalige US-Regierung die Aussagen des BND-Informanten öffentlich für die Kriegsvorbereitung genutzt. Im Irak-Krieg wurden mehr als 100'000 Zivilisten getötet.

Ende der Zusammenarbeit vor dem Arbeitsgericht

Diese Entwicklung will Aljanabi nicht gewollt haben: «Ich wusste doch zuerst überhaupt nicht, dass ich mich mit dem Geheimdienst eingelassen hatte», sagt der 44-Jährige. «Glauben Sie mir, einen Krieg wollte ich nicht. Mir ging es nur darum, Saddam Hussein zu stürzen.»

Rafed Aljanabi stand bis 2008 auf der Lohnliste des BND. Danach benötigte der deutsche Nachrichtendienst den Iraker nicht mehr. «Als Grund wurde mir gesagt, ich hätte die Gesichtsoperation und den Wechsel der Identität abgelehnt», sagt Aljanabi im «Welt»-Interview. Er habe dann den BND verklagt, auch weil sein Name nach Amerika gelangt war. Es sei sogar zu einem Verfahren vor dem Arbeitsgericht gekommen. «Am Ende gab es einen Vergleich», sagt Aljanabi. «Ich erhielt 5000 Euro.» Heute wohnt er unauffällig mit Frau und zwei Kindern in einer Dachgeschosswohnung.

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