«Gleichgültig gegenüber dem Leben von Zivilisten»

Hunderttausende auf der Flucht, Versorgungsprobleme: Der Krieg der Türkei gegen die Kurden hat in Nordsyrien eine humanitäre Katastrophe ausgelöst.

In den Irak geflüchtet: Frauen und Kinder aus Syrien in einem Flüchtlingslager nördlich von Mosul.

In den Irak geflüchtet: Frauen und Kinder aus Syrien in einem Flüchtlingslager nördlich von Mosul. Bild: Keystone

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Lazgin Ahmed und seine Familie lebten letzte Woche noch in Darbasiyah (Dirbêsiyê auf Kurdisch) an der syrisch-türkischen Grenze. Seit die Türkei ihren Krieg gegen die Kurden begonnen hat, hält sich die Familie in Hasaka (Hesîçe) auf und versucht zu überleben. «Die Situation ist sehr schlimm», erzählt der Vater einer sechs Monate alten Tochter in einem Medienbericht. Er könne keine Milch kaufen, weil die Läden geschlossen seien. Brot sei sehr schwierig zu finden und zudem sehr teuer.

«Wasser gibt es nicht», sagt der Flüchtling weiter. In Hasaka, das etwa 70 Kilometer südlich der Grenze liegt, ist die Wasserversorgung zusammengebrochen. Die zentrale Wasseranlage von Hasaka soll von der türkischen Armee bombardiert worden sein. Wie der Familie von Lazgin Ahmed geht es vielen der etwa 100'000 Vertriebenen, die in den letzten Tagen in die Region von Hasaka gekommen sind.

160'000 bis 300'000 Vertriebene

Gemäss dem UNO-Flüchtlingswerk UNHCR sind seit dem Beginn der türkische Angriffe am 9. Oktober schätzungsweise 166'000 Menschen im Nordosten Syriens auf der Flucht. Darunter sind etwa 70'000 Kinder. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte schätzt die Zahl der Vertriebenen auf über 300'000 Personen. Mindestens 1600 Menschen sollen in den Irak geflohen sein. Ein Aufnahmelager befindet sich nördlich von Mosul. Tausende sind auf dem Weg an die irakische Grenze.

Das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) hält Nahrungsmittelpakete für jeweils fünf Tage für 450'000 Menschen in der Region bereit. Bisher hat das WFP Nahrungsmittel an rund 170'000 Menschen verteilt. Sein Angebot will das WFP gemäss eigenen Angaben im Laufe des Monats vergrössern, sodass es für 580'000 Menschen reicht. Das UNHCR bereitet sich auf Schutz und Hilfe für 500'000 Personen vor. In den Vertriebenenlagern werden derzeit Kleider für die kälteren Monate verteilt.

Türkischer Krieg gegen die Kurden: Flucht aus der Grenzstadt Ras al-Ain (Sari Kani). Foto: Keystone

Hilfsorganisationen berichten von katastrophalen Lebensbedingungen für die Vertriebenen. In den umkämpften Gebieten mussten viele Spitäler geschlossen werden. Und die noch offenen Spitäler sind total überlastet. Strom gibt es vielerorts nicht mehr. Auch die Wasserversorgung ist in mehreren Gegenden eingeschränkt. Vertriebene hausen in ehemaligen Schulen, Hütten oder schlafen unter freiem Himmel. Wer Glück hatte, konnte bei Verwandten und Bekannten oder fremden Familien unterkommen.

«Die Schwächsten werden am härtesten getroffen», schreibt das UNHCR in seinem Lagebericht. Medien berichten über Tragödien der letzten Tage, etwa über spielende Kinder, die von Mörsergranaten getötet wurden. Der Krieg wird offensichtlich ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geführt. Ein kurdischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes erzählte gemäss Medienberichten, er habe nach einem türkischen Luftangriff am 12. Oktober in der Nähe einer Schule verkohlte Leichen aus einer Ruine getragen.

Amnesty International wirft der Türkei Kriegsverbrechen in Nordsyrien vor. Die türkischen Streitkräfte und ihre syrischen Verbündeten hätten bei ihrer Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG «Kriegsverbrechen, Massentötungen und unrechtmässige Angriffe» verübt. Amnesty erklärt, über «erdrückende Beweise für willkürliche Angriffe in Wohngebieten» zu verfügen. Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo spricht von einer «vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben von Zivilisten».

Gemäss dem Amnesty-Bericht griffen die von Ankara kontrollierten Streitkräfte unter anderem ein Wohnhaus, eine Bäckerei und eine Schule an. Amnesty beruft sich auf Videoaufnahmen sowie Aussagen von 17 Zeugen, unter ihnen Rettungskräfte, medizinisches Personal, humanitäre Helfer, Vertriebene und Journalisten.

Kämpfe trotz Waffenruhe

Trotz der am Donnerstag zwischen den USA und der Türkei ausgehandelten Waffenruhe waren am Freitagvormittag weiterhin Kämpfe in Gang. In der Grenzstadt Ras al-Ain (Sari Kani auf Kurdisch) gab es «vereinzelte» Gefechte, wie Nachrichtenagenturen berichten. Bei türkischen Luftangriffen auf ein Dorf östlich von Ras al-Ain sollen mindestens fünf Zivilisten getötet worden sein.

Nach dem Abzug von US-Truppen aus Nordsyrien hatte die Türkei vergangene Woche ihre Militäroffensive in dem von den Kurden kontrollierten Gebiet begonnen. Gemäss Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sollen bislang fast 500 Menschen getötet worden sein, darunter Dutzende Zivilisten.

Erstellt: 18.10.2019, 15:59 Uhr

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