Halb Syrien ist auf der Flucht

Was bedeutet das für Europa? Fast 12 Millionen Syrer sind Flüchtlinge und Vertriebene. Zahlen und Fakten zur Flüchtlingskrise.

Klicken Sie auf die farbigen Flächen, um die Anzahl der syrischen Flüchtlinge in den jeweiligen Ländern anzuzeigen. (Quelle: UNHCR)


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Syrien ist derzeit das Land mit den meisten Flüchtlingen. Wegen des Bürgerkriegs, der im fünften Jahr steht, sind bisher rund 4,1 Millionen Menschen ins Ausland geflohen, insbesondere in die Nachbarländer Türkei, Libanon, Jordanien und Irak sowie nach Ägypten, aber zunehmend auch nach Europa. Allein in der Türkei halten sich 1,9 Millionen Syrer auf. Zudem sind mindestens 7,6 Millionen Menschen innerhalb Syriens auf der Flucht. Vor dem Ausbruch des Kriegs im Frühjahr 2011 lebten circa 22 Millionen Menschen in Syrien. Rund die Hälfte der syrischen Bevölkerung sind also Flüchtlinge und Vertriebene, alles Menschen, die ihre Heimat verloren haben.

Nach Angaben des UNO-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) wird die Zahl der registrierten Flüchtlinge in den Nachbarregionen Syriens bis Ende 2015 auf 4,27 Millionen steigen. Etwa 10 Prozent dieser Menschen müssten aufgrund ihrer besonderen Schutzwürdigkeit in einen Drittstaat umgesiedelt werden. Momentan stehen aber nur etwa 100'000 Resettlementplätze weltweit zur Verfügung. Für 2016 gibt es laut UNHCR noch keine Prognosen zu den Flüchtlingszahlen.

Gemäss UNHCR sind seit Kriegsbeginn bis zum letzten Juli über 348'000 Asylgesuche von Flüchtlingen aus Syrien in europäischen Staaten gestellt worden. 49 Prozent der Gesuche wurden in Deutschland und Schweden gestellt. Weniger als 5 Prozent der Syrien-Flüchtlinge in Europa stellten ihren Antrag in der Schweiz. Ende Juni 2015 befanden sich knapp 10'000 Flüchtlinge aus Syrien in der Schweiz, wie aus Berichten des Staatssekretariats für Migration hervorgeht. Nicht berücksichtigt in dieser Zahl sind die Flüchtlinge, die von den Kantonen vorläufig aufgenommen wurden.

Die Zahl der Syrien-Flüchtlinge, die nach Europa wollen, hat in den letzten Monaten dramatisch zugenommen. Und ein Ende ist nicht absehbar, ganz im Gegenteil. Prognosen über die künftigen Flüchtlingsströme zu erstellen, ist allerdings sehr schwierig. Dies zeigt etwa der Umstand, dass das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) seine Zahlen für das laufende Jahr bereits zweimal nach oben korrigieren musste. Das Bamf nennt drei Hauptfaktoren, die einen weiteren Zustrom von Flüchtlingen erwarten lassen: erstens die zunehmend desolate Lage in den Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten Syriens, die auch von Versorgungsengpässen bis hin zu Lebensmitteln geprägt ist, zweitens die verlorene Hoffnung der Flüchtlinge auf Rückkehr nach Syrien und drittens die Möglichkeit der Nutzung einer – im Vergleich zur zentralmediterranen Route von Libyen nach Sizilien – weniger gefahrvollen Route über die Ägäis und die Balkanstaaten, um nach Europa zu gelangen. Zehntausende Syrer sind derzeit auf der Balkanroute unterwegs: in Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn.

In Deutschland und Schweden wurde über ein Drittel der syrischen Asylgesuche gestellt. Klicken Sie auf die Grafik, um zu der interaktiven Grafik des UNHCR zu gelangen. (Quelle: UNHCR)

Je düsterer die Lebensperspektiven der syrischen Flüchtlinge sind, desto mehr steigt deren Bereitschaft, die illegale Reise nach Europa zu wagen. Dies zeigt beispielhaft eine aktuelle UNHCR-Studie zur Lage der syrischen Flüchtlinge in Jordanien. Gemäss einer Umfrage erwägt jeder zweite Flüchtling eine Weiterreise nach Europa, wie «Spiegel online» berichtete. Einerseits hat sich die Lebenssituation der Syrer in Jordanien spürbar verschlechtert, andererseits hat sich die neue Aufnahmebereitschaft Deutschlands schnell herumgesprochen. Das UNHCR rechnet jedenfalls mit einem starken Anstieg der Ausreise syrischer Flüchtlinge in Jordanien. Dasselbe gilt auch für die Situation in anderen Ländern, allen voran in der Türkei und im Libanon.

Das UNO-Flüchtlingskommissariat hat längst auf die humanitäre Katastrophe im Nahen Osten hingewiesen: «Die Bedingungen für Millionen von Flüchtlingen in den Nachbarländern und Binnenvertriebenen in Syrien haben sich auf alarmierende Weise verschlechtert. Ohne verstärkte internationale Unterstützung droht ihnen eine noch düsterere Zukunft.» Im Dezember 2014 veröffentlichte die UNO den grössten humanitären Hilfsappell in ihrer Geschichte. Für das laufende Jahr würden UNHCR und Partner rund 5,5 Milliarden Dollar brauchen – bis heute konnte allerdings nur ein Drittel des finanziellen Bedarfs durch staatliche und andere Geldgeber gedeckt werden.

Flüchtlingszahlen könnten drastisch zunehmen

Die Zahl der aus Syrien fliehenden Menschen könnte nach Einschätzung des UNO-Sondergesandten Staffan de Mistura noch einmal drastisch zunehmen. Sollte sich der Bürgerkrieg auf das Gebiet der bislang weitgehend vom Konflikt verschont gebliebenen Küstenstadt Latakia ausweiten, sei mit bis zu einer Million zusätzlichen Flüchtlingen zu rechnen. Die meisten Flüchtlinge würden wohl versuchen, nach Europa zu kommen. Zudem könne auch ein weiterer Vormarsch der Terrormiliz IS die Fluchtbewegungen verstärken. «Die Tendenz ist besorgniserregend», sagt de Mistura.

Über 47 Prozent der syrischen Flüchtlinge haben in Deutschland oder in Schweden einen Asylantrag gestellt. (Quelle: UNHCR)

Und Yves Pascouau, Migrationsexperte der Brüsseler Denkfabrik European Policy Centre, warnt vor möglichen Krisen in Ländern, in denen derzeit die meisten syrischen Flüchtlinge leben, also im Libanon, in Jordanien, Ägypten und in der Türkei. «Die Situation im Libanon ist derzeit extrem angespannt, denn syrische Flüchtlinge machen inzwischen fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus», sagte Pascouau dem deutschen Mediendienst Integration. «Sollte die Situation im Land kippen, ist zu erwarten, dass eine Million Menschen auf einmal den Weg nach Europa einschlagen.» Allerdings, so Experten, sollte man bei allen Prognosen Vorsicht walten lassen. Denn es wäre unverantwortlich, mit unsoliden Prognosen Ängste vor «unkontrollierten Flüchtlingswellen» zu schüren. In den zunehmend aufgeheizten innenpolitischen Debatten brauche es realistische Zahlen.

Die Syrer sind derzeit die grösste Flüchtlingsgruppe, allerdings nur ein Teil der Flüchtlingskrise, die weite Teile der Welt erfasst hat. Die Flüchtlinge, die sich ein besseres Leben in der EU erhoffen, kommen auch aus dem Irak, Afghanistan und Eritrea, aber auch aus Ländern des Westbalkans, etwa Kosovo und Albanien. Im ersten Halbjahr 2015 sind gemäss UNHCR rund 137'000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet, mehr als 2000 Menschen kamen dabei ums Leben. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, innerhalb oder ausserhalb ihres Landes: Das sind so viele Flüchtlinge wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Türkei

In der Türkei sind derzeit 1'938'999 Flüchtlinge aus Syrien registriert. Etwa 10 Prozent der Flüchtlinge werden in gut ausgerüsteten staatlichen Camps betreut. Für ihren Umgang mit Flüchtlingen hat die Türkei internationales Lob erhalten. Die Mehrheit der Syrer muss allerdings ohne staatliche Unterstützung auskommen. Bis Ende Jahr werden weitere Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien erwartet. Ankara hat kürzlich die EU auf eine mögliche Verschärfung der Krise aufmerksam gemacht. Für viele Syrien-Flüchtlinge ist die Türkei das Ausgangsland für die Reise nach Europa.

Jordanien

629'266 syrische Flüchtlinge sind in Jordanien – und dies bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6 Millionen Menschen. Laut UNHCR wird die Zahl der Flüchtlinge bis Ende 2015 auf 700'000 ansteigen, die jordanische Regierung geht sogar von insgesamt 1,4 Millionen aus. 85 Prozent der Syrer leben ausserhalb von Flüchtlingslagern, die sich hauptsächlich an der Grenze zum Bürgerkriegsland befinden. Jordaniens grösstes Flüchtlingslager befindet sich in Zatari, dort leben knapp 100'000 Flüchtlinge.

Libanon

Vor dem Syrien-Krieg lebten im Libanon rund 4,3 Millionen Menschen, inzwischen sind 1'113'941 Flüchtlinge hinzugekommen. Seit letztem Mai verweigert der Libanon den Flüchtlingen die Registrierung, dennoch kommen Syrer weiterhin ins Land. Im Libanon gibt es keine offiziell vom UNHCR errichtete Flüchtlingslager. Wer Verwandte im Libanon hat, hats besser als die ärmsten Flüchtlinge, die in provisorischen Zelten hausen. Inzwischen häufen sich Kriminalität und Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Davon könnten militante politische Gruppierungen profitieren.

Irak

Im Irak, der selber ein Kriegsschauplatz ist, leben 249'463 vom UNHCR registrierte Flüchtlinge aus Syrien. Sie halten sich vorwiegend in der autonomen Region Kurdistan auf. Im Irak gibt es ausserdem mindestens 1,2 Millionen Vertriebene, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflüchtet sind. Wie zahlreiche Syrien-Flüchtlinge versucht auch ein Teil der irakischen Binnenflüchtlinge, nach Europa zu gelangen.

Ägypten

Die Zahl der registrierten Syrien-Flüchtlinge in Ägypten liegt bei 132'375. Ägypten ist das einzige Aufnahmeland mit sinkenden Zahlen syrischer Flüchtlinge, was auf eine Verschlechterung der wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Lage zurückzuführen ist. Den UNHCR-Registrierungen zufolge halten sich weitere 24'055 Flüchtlinge aus Syrien in anderen nordafrikanischen Ländern wie Libyen und Tunesien auf.

Europa

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sind rund 350'000 Flüchtlinge nach Europa gekommen. Bevorzugte Zielländer sind Deutschland und Schweden. Asylbewerber aus Syrien werden fast immer anerkannt – in der EU im letzten Jahr zu 95 Prozent. Obwohl die Flüchtlingszahlen in Europa dramatisch zunehmen, sind es die Nachbarländer Syriens, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben und die Hauptlasten der Flüchtlingskrise schultern müssen. In der Türkei, in Jordanien, im Libanon, im Irak und in Ägypten leben über vier Millionen Syrien-Flüchtlinge. Tendenz steigend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2015, 11:38 Uhr

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