Hier retten die Bürger den Staat

In Beirut lässt ein Millionär Häuser anmalen, Mafiosi verkaufen Strom, und Hipster sammeln Abfall. Wie sich eine Gesellschaft organisiert, der ihre Regierung abhandengekommen ist.

Beirut verändert sich: Internationale Künstler haben im Quartier Ouzai Wände und Häuser bemalt. Foto: Wael Hamzeh (EPA, Keystone)

Beirut verändert sich: Internationale Künstler haben im Quartier Ouzai Wände und Häuser bemalt. Foto: Wael Hamzeh (EPA, Keystone)

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Nur wenige Städte begrüssen ihre Gäste so spektakulär wie Beirut. Parallel zur Küstenlinie gehen die Maschinen tiefer, fliegen bald auf gleicher Höhe mit den Glitzertürmen von Downtown. Im dritthöchsten von ihnen sitzt der Millionär Ayad Nasser hinter einer meterhohen Glasfront, und wenn er Gäste hat, erklärt er gerne, warum er so etwas wie Jesus ist oder der Prophet Mohammed – doch solche Details kann ein Fluggast natürlich nicht erkennen. Dann gleiten die Maschinen über das Felsentor von Raouché, das die von der Uferpromenade geschossenen Selfies so stoisch erträgt wie die Wellen, die das Mittelmeer an seine Füsse klatscht.

Auf den letzten Metern, bevor die Räder der Maschine auf der Rollbahn quietschen, zeigt Libanons Hauptstadt zwei neuere Attraktionen. Welche man sieht, hängt davon ab, wo man im Flugzeug sitzt: Links, zur Stadt hin, taucht Ouzai auf. Ein chaotisches Viertel, das so bunt leuchtet, als hätte der Herr im Himmel einen Eimer Farbe ausgeleert. Es war aber nicht Gott, sondern sein selbst ernannter Stellvertreter auf Erden: Ayad Nasser, der Millionär.

Wer auf der anderen Seite sitzt, sieht ein Gebirge. Weisse Säcke türmen sich zwischen Flughafen und der Küste, in ihnen befindet sich ein Cuvée aus mehreren Jahrgängen Beiruter Müll. Die Regierung liess sie 2015 herbringen, als der Libanon kurz vor einer Revolution stand, weil die Bürger im Abfall erstickten. Eigentlich sollten sie hier nur vorübergehend liegen, doch kaum einer zweifelt daran, dass der Dreck für immer bleiben wird. Ausser das Meer verschluckt ihn. Wie im Januar, als eine Sturmflut durchbrach. Früher nannte man diesen Strandabschnitt südlich von Beirut «Libanons Côte d’Azur». Doch seit hier im Wasser statt Touristen nur Plastiktüten und Verpackungen schwimmen, hat die Gegend einen neuen Namen: Costa Brava, wilde Küste.

75 Regierungen in 75 Jahren

Der Libanon ist eine Art Miniatur des Nahen Ostens. Sunniten, Schiiten, Christen verschiedenster Arten leben hier zusammen, bis 1990 bekämpften sie sich 15 Jahre lang in einem Bürgerkrieg. Die fragile Balance, in der sich das Land seither befindet, nennen manche eine Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln. Seit zu den 4,5 Millionen Einheimischen und 50000 Palästinensern auch noch etwa zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien kamen, rechnen viele mit dem grossen Knall. Erschütterungen, die bald die Region beben lassen, spürt man im Libanon oft schon etwas früher.

Wenn man wissen will, wie es um die Republik bestellt ist, die in der vergangenen Woche ihren 75. Unabhängigkeitstag feierte, könnte man einen Blick in die Regierungsgebäude werfen. Dort sind sechs Monate nach der Wahl noch keine neuen Minister eingezogen, weil sich die Parteien auf keine Kabinettsliste einigen konnten. Die neue Regierung wäre die 75. im 75. Jahr.

Oder man fühlt dem Land im bunten Ouzai und an der Costa Brava den Puls. In den Armenvierteln und an den Müllbergen Beiruts zeigt sich, wie sich eine Gesellschaft organisiert, der ihr Staat abhandengekommen ist. Exaltierte Selfmademänner erheben sich in Schöpferrollen, Graswurzelbewegungen übernehmen öffentliche Aufgaben – und die Mafia verdient bestens.

Zum ersten Mal, seit er hier lebt, haben die Strassen einen durchgehenden Strassenbelag.

Dem Libanon gehe es wie ihm selbst, sagt Ayad Nasser, der Millionär. «Libanon ist ohne Vater, ohne Mutter», sagt er – alle, die Verantwortung trügen, hätten das Land alleingelassen, Politiker, Beamte, Unternehmer. Als Ayad Nasser vor 48 Jahren in Ouzai geboren wurde, haute die Mutter ab, der Vater überliess den Sohn sich selbst. Nasser verbrachte seine Kindheit in den vermüllten Strassen, bis er sich als junger Mann nach Frankreich durchschlug.

Heute sitzt er zwischen teurer Kunst in seinem Loft im Sky Gate Tower, barfuss und in Jogginghose, weit geöffnetes Armyhemd über nackter Brust. Seine stechend hellen Augen blitzen, als er seinen Aufstieg beziffert: «450 Millionen Dollar in Immobilienverkäufen, 347 Lofts. Die meisten von ihnen war ich schon los, bevor es überhaupt einen Bauplan gab.»

Nach seiner Rückkehr wurde Nasser mit dem reich, was er «die Erschaffung göttlicher Schönheit» nennt. Andere würden Gentrifizierung dazu sagen. Nasser kaufte billiges Land in heruntergekommenen Lagen und sorgte mit spektakulären Bauten dafür, dass die Quadratmeter teurer wurden. Etwas Glamour in eine Gegend bringen und darauf wetten, dass sich die Umgebung verändert – diesen Trick wandte er auch in Ouzai an. Als er sich nach einem Zusammenbruch von Firma, Frau und Familie getrennt hatte und eines Morgens mit einer Eingebung aufgewacht war, wusste er: «Ich will der Wandel sein.» Er sagt, er wollte den Leuten zeigen, dass es sich nicht lohnt, auf Hilfe zu warten. Man müsse selbst etwas verändern, selbst Gott sein.


Bilder: Klettern, wo keiner dran denkt


Er lud internationale Künstler nach Beirut ein, weil einheimische nicht dort arbeiten wollten. Er zahlte Flüge, Unterkünfte, Honorare, kaufte für Hunderttausende Dollar Farbe für Wände, Balkone, ganze Häuserfronten. Abstrakte Muster, grossflächige Graffiti, kleinere im Banksy-Stil – mit den Gästen wollte er Ouzai bemalen, sein altes Stadtviertel, aus dem er als ein Niemand ausgezogen war und in das er als Prophet zurückkehren wollte.

Dass es dort schon eine Gruppe gab, die sich auf eine höhere Macht beruft und dazu noch bis an die Zähne bewaffnet ist, störte ihn nicht. Wenn die Schiitenmiliz Hizbollah, die sich von Iran aufgerüstet einen Staat im Staate geschaffen hat, ein Problem mit der Farbe habe, solle sie ihn anrufen, sagte Nasser den Menschen. Niemand rief an.

Eineinhalb Jahre später ist in Ouzai kaum etwas mehr so, wie es war. Die Hizbollah ist zwar immer noch da, aber nicht mehr ihre sonst allgegenwärtigen Fahnen und Märtyrerplakate. Vor den Häusern liegt kein Müll mehr, «die Menschen heben ihn nun auf», sagt Adnan Maktoub, der eine Werkstatt betreibt. Zum ersten Mal, seit seine Familie in den Sechzigerjahren hierher kam und wie andere illegal ein Haus errichtete, haben sie durchgehenden Strassenbelag. Die Lokalpolitiker wurden erst nervös, dann aktiv, sagt Maktoub. Sie wollten etwas vorzuweisen haben, falls Nasser eine Politkarriere anstreben sollte.

Das alte Ouzai hat sich nicht verändert

Er denke überhaupt nicht daran, sagt Nasser. Als Philanthrop kann er ganz nach seinen eigenen Regeln spielen. Und dann hat er Ouzai einfach umbenannt. «Ouzville» heisst das Viertel jetzt im Netz. Er hatte bemerkt, dass seine Freunde sich zwar gerne die Farbexplosion im Slum anschauten, wenn er zu Spaziergängen und zum Essen im Fischrestaurant Riba unten an der Küste einlud. Aber er suchte meist vergeblich nach Fotos in den sozialen Netzwerken. Bis er verstand: Zuzugeben, dass sie das dreckige Schiitenviertel im Süden Beiruts besucht haben und #ouzai in ihre Instagram-Timeline zu tippen – das war der Beiruter Oberschicht peinlich.

Doch auch wenn die Oberfläche von Ouzville nun glänzt: Das alte Ouzai hat sich nicht verändert. Das Viertel ist jetzt bunt, freundlich, Social-Media-optimiert, aber die Arbeitslosigkeit ist immer noch hoch. Am Strand türmt sich weiter der Müll, wenn der Wind von der nahen Costa Brava kommt. Das Meer muss weiter die Brühe schlucken, die aus den Rohren blubbert – ob der Dreck aus Ouzai kommt oder aus Ouzville, macht keinen Unterschied.

Abfalltrennung als Eigeninitiative

Kann ein Philanthrop den Wandel bringen? Das fragt sich, wer die Stromkabel sieht, die sich chaotisch über die Strassen spannen. Sie bilden ein dichtes Netz, als wollte die Hizbollah so verhindern, dass die kleinste israelische Drohne spionieren kann. Die hoch subventionierte Électricité du Liban produziert höchstens die Hälfte der benötigten Energie. An guten Tagen. Weil es Strom nur stundenweise gibt, brummen in Beirut etwa 12'000 Generatoren. Für diesen Strom verlangt die Mafia horrende Preise.

Letztlich sind es die Bürger selbst, die den Libanon retten müssen. Khaled Kattam versucht das etwa, auch wenn er mit seinem Bäuchlein nicht gerade wie ein Superheld aussieht. Unter einem Wellblechdach am äussersten Rand von Ouzai – und bei Südwind auch in Riechweite der Costa Brava – wühlen er und Manal Bakir im Müll. Die hochgewachsene Flüchtlingsfrau aus Syrien und der kleine Ex-Student aus Beirut haben eine Lieferung von einem Kosmetikstudio bekommen, leere Fläschchen von Chanel, leere Tiegel von Sisley, dazwischen ein paar Wattepads. Die müssen raus, das Plastik dann links ins Körbchen, Glas rechts. Kattam und Bakir erproben ein für den Libanon eher exotisches Konzept: Mülltrennung.

«Wir wollen zwei Probleme zusammenschmeissen, um eine Lösung für beide zu finden.»Khaled Kattam

Recycle Beirut heisst die Firma, die Kattams Bruder 2014 gegründet hat, die erste ihrer Art im Land. Fahrer holen bei den Kunden den grob getrennten Müll ab, Manal Bakir und andere Flüchtlingsfrauen sortieren dann fein. «Wir wollen zwei Probleme zusammenschmeissen, um eine Lösung für beide zu finden», sagt Khaled Kattam. Wenn syrische Flüchtlinge Arbeit haben und man gleichzeitig Beiruts Abfallproblem lindern könnte, sei allen geholfen. Wenn er die Müllberge Beiruts sehe, versuche er sich nicht die Sinnfrage zu stellen, sagt Kattam, sondern zu denken: «Hey, es ist immerhin ein Anfang.» Beinahe 1500 Kunden zahlen inzwischen zehn Dollar pro Fuhre, die bei ihnen abgeholt wird. Wer seinen Dreck selbst bringt, zahlt gar nichts.

Letzteres passiert vor allem an Samstagen. Beiruter Hipster verabreden sich online zu einer speziellen Form des Sehen-und-Gesehen-Werdens. Abends häufen sich dann Fotos im Netz, unter denen oft das Kennedy-Zitat steht: «Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage lieber, was du für dein Land tun kannst.» Die Bilder zeigen junge Menschen mit Gummihandschuhen, die stolz vor Säcken mit gesammelten Müll stehen. Hashtag: #SaveLebanon. Ein weiterer Strand ist dann sauber – bis der Wind wieder mal aus Richtung Costa Brava weht.

Erstellt: 30.11.2018, 22:29 Uhr

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