«Was Russland tut, ist nicht Anti-Terror, es ist Barbarei»

Die USA und Russland liefern sich einen heftigen Streit um Syrien im UNO-Sicherheitsrat. Erstmals seit fast sechs Monaten konnte das Rote Kreuz eingeschlossenen Städten Hilfe bringen.

«Frieden zu stiften ist jetzt eine fast unmögliche Aufgabe»: Die UNO-Botschafterin der USA, Samantha Power, und ihr russischer Amtskollege Witali Tschurkin liefern sich ein heftiges Duell im Sicherheitsrat.
Video: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gewaltspirale in Syrien dreht sich immer schneller und scheint allen diplomatischen Bemühungen zum Trotz nicht zu stoppen. Eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zur blutigen Eskalation im Bürgerkriegsland brachte kein Ergebnis, wurde jedoch von harschen gegenseitigen Schuldzuweisungen überschattet.

Viel Kritik musste Moskau einstecken, das die Militäroffensive der syrischen Regierung unterstützt. «Was Russland unterstützt und tut, ist nicht Anti-Terror, es ist Barbarei», erklärte die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power. Ihr russischer Kollege Witali Tschurkin sah die Schuld hingegen bei den Rebellen, die die kurze Waffenruhe zur Stärkung ihrer Einheiten genutzt hätten.

Westler verlassen Saal

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigte sich beim Auftritt des syrischen UN-Botschafters Baschar al-Dschaafari. Als er aufgerufen wurde, verliessen seine amerikanischen, britischen und französischen Kollegen aus Protest den Raum. Die drei westlichen Staaten, die die Sitzung angesetzt hatten, machten Moskau schwere Vorwürfe.

UN-Botschafter Tschurkin hielt hingegen dem Westen vor, westlich unterstützten gemässigten Rebellen nicht von Terrororganisationen trennen zu können. «Frieden zu stiften ist jetzt eine fast unmögliche Aufgabe», sagte Tschurkin. Er fügte aber hinzu, dass Russland weiterhin eine Feuerpause und Verhandlungen zwischen den syrischen Konfliktparteien wolle.

Aleppo unter Dauerbeschuss

Seit dem Zusammenbruch einer von Washington und Moskau vermittelten Feuerpause am Montagabend sind in und um die umkämpfte nordsyrische Stadt Aleppo 213 Zivilisten durch Luftangriffe und Bombardements der von den Rebellen gehaltenen Gegenden umgekommen, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Allein bis zum Sonntagabend seien mindestens 26 Menschen getötet worden. Ibrahim Alhadsch vom syrischen Zivilschutz sagte indes, Krankenhäuser und Einsatzkräfte hätten am Sonntag 43 Tote gezählt.

Krankenhäuser in Aleppo meldeten, sie seien wegen der hohen Opferzahlen überfordert. Wegen mangelnder Behandlung dürften viele Verletzte sterben.Mohammed Sein Chandakani, ein Mitglied des sogenannten Medizinischen Rates, sagte in einer der Kliniken: «Ich habe noch nie so viele Menschen an einem Ort sterben sehen.»

«Es ist fünf vor zwölf»

Die syrische Regierungsoffensive zur Rückeroberung von Rebellengebieten im Osten Aleppos habe zu einer der schlimmsten Wochen im nunmehr über fünf Jahre langen Bürgerkrieg geführt, sagte der Syrien-Gesandte der UN, Staffan de Mistura zum Auftakt der Dringlichkeitssitzung in New York. Bis zu 275'000 Menschen befänden sich «seit 20 Tagen unter eine Art De-Facto-Belagerung.»

Die Offensive auf Ostaleppo folgte zwar auf einen Luftangriff der US-geführten Anti-IS-Koalition auf syrische Regierungstruppen sowie eine tödliche Attacke auf einen UN-Hilfskonvoi. Doch könne kein Zwischenfall die beispiellose militärische Gewalt rechtfertigen, die unschuldige Zivilisten treffe, sagte de Mistura weiter. Die USA und Russland müssten «eine Extrameile gehen» und prüfen, ob sie die am 9. September vereinbarte Feuerpause noch retten könnten. Es sei «fünf vor zwölf», warnte de Mistura weiter.

Hilfe für belagerte Städte

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz brachte nach eigenen Angaben dringend benötigte Hilfsgüter in vier seit langem belagerte syrische Städte. Zu den Hilfen für rund 60'000 Einwohner in Madaja, Sabadani, Fua und Kafraja zählten Lebensmittel, medizinische Versorgungsgüter und weiteres, teilte das IKRK am Sonntagabend mit.

Der Syrische Arabische Rote Halbmond, der gemeinsam mit den UN und dem IKRK für die Konvois zuständig ist, teilte mit, dass 53 Lastwagen mit Hilfsgütern in Madaja und Sabadani angekommen seien. Beide Städte werden von regierungsnahen Kräften belagert, während Rebellen Kafraja und Fua umzingelt halten. Dort kamen demnach 18 weitere Trucks an.

Regierungstruppen und Rebellen haben den Vereinten Nationen bislang regelmässigen Zugang zu belagerten Gebieten in Syrien verwehrt. Nach UN-Schätzungen sind rund 600'000 Syrer von verschiedenen Belagerungsringen eingeschlossen. (foa/rub/AP)

Erstellt: 26.09.2016, 03:39 Uhr

Artikel zum Thema

Aleppo geht im Bombenhagel unter

Die syrische Metropole erlebt die heftigsten Angriffe seit langem, offenbar fallen Brandbomben. Mehr...

Aleppo liegt in Schutt und Asche

Den fünften Tag in Folge werden die Rebellengebiete in der syrischen Stadt bombardiert. Dutzende Menschen sterben – darunter etliche Kinder. Mehr...

Hilfe gestoppt

Video Es war eine Routinefahrt bei Aleppo, als LkW mit Hilfsgütern aus der Luft angegriffen wurden. Einundzwanzig Menschen sind tot. Nun zieht die UNO die Konsequenzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...