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«Ich habe mein Leben umsonst riskiert»

Frust statt Feierlaune im Musterland der Revolution: Tunesien ächzt ein Jahr nach dem Umbruch unter den selben Problemen, die zum Aufstand geführt haben.

Der Jubel ist in Ernüchterung umgeschlagen: Demonstration in Tunis wenige Tage nach Ben Alis Abgang. (18. Januar 2011)
Der Jubel ist in Ernüchterung umgeschlagen: Demonstration in Tunis wenige Tage nach Ben Alis Abgang. (18. Januar 2011)
AFP

Zum Feiern ist dem 21-jährigen Béchir Habachi ein Jahr nach dem Sturz des früheren tunesischen Machthabers Ben Ali nicht zu Mute. Ganz im Gegenteil: «Ich habe mein Leben umsonst riskiert», bilanziert der magere junge Mann mit schriller Stimme die Lage in seiner Heimat.

Er präsentiert vorwurfsvoll den Inhalt eines kleinen Täschchens, das er in seiner weiten blauen Jacke trägt. Darin: Insulinspritzen und Zuckerwürfel, die er als Folge einer Schussverletzung während der Massenproteste gegen Ben Ali ständig bei sich haben muss.

Diabetes statt Freiheit

«Mein Leben hat sich auf das hier reduziert», sagt Habachi resigniert. Als er sich den Demonstrationen angeschlossen habe, die sein Land von Dezember 2010 bis zur Flucht Ben Alis nach Saudiarabien am 14. Januar 2011 in Atem hielten, habe er «an ein demokratisches und freies Tunesien geglaubt».

Doch der Lohn für sein riskantes Engagement seien nach bisherigem Stand nicht gesellschaftliche Verbesserungen, sondern ein Schuss ins Bein und ein Leben als Diabetiker. «Ich bereue, dass ich nicht wie die meisten Tunesier zu Hause geblieben bin und die Dinge im Fernsehen verfolgt habe», sagt Habachi.

«Ben Ali ist weg, aber der Rest der Bande ist immer noch da», konstatiert ein anderer junger Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Er unterscheidet sich von grossen Teilen seiner Generation durch ein einfaches, aber wesentliches Merkmal: Er hat eine Arbeitsstelle.

Enttäuschte Hoffungen

Die hohe Erwerbslosenquote im Land war ein wichtiger Auslöser der Proteste. Doch auch nach einem Jahr hat im ländlichen Tunesien etwa die Hälfte der Bevölkerung laut Experten weiter kein geregeltes Einkommen, im Landesschnitt sollen es fast 20 Prozent sein. Auch sei das Korruptionsniveau noch immer ausserordentlich hoch, sagt der Transparenzforscher Sami Remadi.

In jüngster Vergangenheit geschah in Tunesien wieder mehrfach das, was dem Aufstand gegen Ben Ali zu Beginn die enorme Kraft verliehen hatte: Aus Protest und Verzweiflung übergossen sich Menschen mit Benzin und zündeten sich an.

Vom Umbruch weit entfernt

Im Dezember 2010 starb ein junger Strassenhändler aus der Stadt Sidi Bouzid auf diese Weise – es war die Initialzündung für die Unruhen in der arabischen Welt –, im Januar 2012 starb nun ein Arbeitsloser aus der verarmten Provinz Gafsa.

Andere liegen mit schweren Verletzungen in Kliniken. «Ben Ali war ein Trauma, doch er stellt keine Gefahr mehr da», sagt der Jurist Yadh Ben Achour. Das Problem sei weiter «das System», das von einem Umbruch «weit entfernt» sei.

Die neue Führung improvisiert

Ben Achour muss wissen, wovon er spricht. Er war in der Übergangsphase von der Flucht Ben Alis bis zur Wahl einer Verfassungsversammlung im Oktober Chef einer Kommission, die erste Reformen umsetzen sollte. Aus der Abstimmung ging die Islamistenpartei Ennahda als Sieger hervor, der auch Regierungschef Hamadi Jebali angehört.

Staatschef ist seit Dezember der Menschenrechtsaktivist Moncef Marzouki. Die Islamisten hätten «Widerstands-, aber keine Regierungserfahrung», beschreibt Ben Achour das aus seiner Sicht derzeit grösste Problem Tunesiens und spricht von «Improvisation» und einem «schlechten Start» der neuen Führung.

«So können wir nicht feiern»

Seit dem Umsturz geben sich westliche Politiker in Tunesien die Klinke in die Hand. Erst vor wenigen Tagen besuchte der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle die Hauptstadt Tunis und versprach weitere Hilfe beim Aufbau des Landes.

Diese scheint dringend nötig zu sein. Die Behörden hätten bislang nicht einmal abschliessende Angaben zu den Opfern des Aufstands geliefert, beklagt die Menschenrechtsaktivistin Lamia Farhani. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen etwa 300 Menschen gestorben und rund 700 weitere verletzt worden sein. «So können wir den 14. Januar nicht feiern», sagt Farhani.

Cécile Feuillatre und Kaouther Larbi berichten für die Agentur AFP

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