Im Kriegsgewitter von Mosul

Im Nordirak tobt die Schlacht gegen das IS-Kalifat des Terrors. Unterwegs mit irakischen Truppen an der Front.

Die Schlacht wird wohl noch Monate dauern: Rauchwolken nach heftigen Explosionen in der Nähe von Mosul.

Die Schlacht wird wohl noch Monate dauern: Rauchwolken nach heftigen Explosionen in der Nähe von Mosul. Bild: Keystone

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Ali Hussein Kazam setzt eine Sturmhaube und eine Skibrille auf, dann schwingt er sich in den Geschützturm auf dem Dach des sandfarbenen Humvee-Geländewagens. Es geht mit 120 Kilometern pro Stunde und wehenden irakischen Flaggen der Front entgegen. Hinein in eine dunkelgrau-schwarze Wolkenwand. Was aussieht wie eine gewaltige Gewitterfront, ist der stinkende Rauch der brennenden Ölquellen von Qayyarah. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sie angezündet, bevor sie den Rückzug antrat – nach Norden, Richtung Mosul. Jener Stadt, in der Abu Bakr al-Bagdadi vor zwei Jahren von der Kanzel der Nouri-Moschee das Kalifat ausrief.

Kazam, schwarzer Schnurrbart, drahtig und durchtrainiert, ist Soldat der irakischen Armee. «Ich habe mich im Sommer 2014 gemeldet», sagt der 24-Jährige. Da hatten die Jihadisten gerade grosse Teile des Nordiraks überrollt. Seine Einheit, die von Amerikanern ausgebildete 15. Infanterie-Division, soll jetzt Mosul wieder befreien.

100'000 Mann gegen 4500 bis 9000 Jihadisten

Begonnen hat die Offensive am Morgen des 19. Oktober. Sie ist die grösste Militäroperation im Irak, seitdem 2003 die USA einmarschiert waren. Mehr als 30'000 Soldaten der Armee hat die Regierung in Bagdad aufgeboten. Schiitische Milizen beteiligen sich am Kampf gegen den IS, ebenso kurdische Peshmerga, die im Osten und Norden auf die Stadt vorrücken. Alles in allem ist es ein Heer von 100'000 Mann, dem geschätzt 4500 bis 9000 Jihadisten gegenüberstehen.

Es ist die Schlacht, die dem Kalifat des Terrors ein Ende machen soll, zumindest im Irak. Und zugleich wohl entscheidend ist für die Zukunft des tief zerrissenen, vom Krieg gezeichneten Landes.

Der Konvoi rollt durch Qayyarah, 20 Kilometer vom gleichnamigen Militärstützpunkt entfernt. Die Menschen am Strassenrand jubeln, spreizen die Finger zum Victory-Zeichen. Wenn der Konvoi anhält, reichen die Männer den Soldaten Zigaretten. Seitdem der IS vertrieben ist, raucht hier jeder; zwei Jahre lang gab es dafür Hiebe mit dem Kabel.

Ungewisse Zukunft nach der Flucht: Eine Familie, die Mosul verlassen musste. Foto: Keystone

Aus Richtung der Front kommt Pritschenwagen um Pritschenwagen, voll beladen mit Menschen, die meisten Frauen in zerschlissenen, schwarzen Gewändern. Sie halten Kinder in den Armen. An Holzlatten haben sie weisse Tücher geknotet, damit die Soldaten nicht schiessen. Sie sind dem IS entkommen. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Lagebesprechung in Mischraq. Generalmajor Najim al-Jabouri, Kommandeur der südlichen Front, trifft sich mit Offizieren. Einen Kilometer weiter spuckt eine Schwefelfabrik giftige weisse Wolken aus, auch sie wurde vom IS in Brand gesteckt. «Unser Premier hat gesagt, dass der Irak 2017 von Daesh befreit sein wird», sagt Kazam auf die Frage, wie lange der Krieg dauern werde. Daesh – so lautet die arabische Abkürzung für den IS. Ist 2017 ein realistisches Ziel? «Wir wissen es nicht», gibt er zurück. «Wir sind nur einfache Soldaten.»

IS missbraucht Zivilisten als Schutzschilde

Im Osten haben andere Einheiten die Stadtgrenze schon überschritten. Sie treffen auf massiven Widerstand, auf Selbstmordattentäter und Scharfschützen, auf Sprengfallen und ein System von Tunneln, aus dem kleine Gruppen von IS-Kämpfern Überraschungsangriffe starten. Im Süden müssen sich die Soldaten erst noch vorkämpfen, am Westufer des Tigris entlang zum Flughafen. Der IS hat am Stadtrand Barrikaden errichtet. Und er hat Häuser gesprengt, damit seine Kämpfer freie Sicht haben und freies Schussfeld.

Die Kommandeure vermuten, dass sich die Jihadisten auf das westliche Tigris-Ufer zurückziehen werden. Die engen Gassen bieten Raum, sich zu verschanzen und die Soldaten in den Häuserkampf zu verwickeln. Artillerie und Luftangriffe können nur begrenzt eingesetzt werden, wo noch Zivilisten leben, missbraucht vom IS als Schutzschilde.

«Yalla!», rufen die Soldaten («Los gehts!»). 20 Kilometer Richtung Mosul, dann biegt der Konvoi auf eine Schotterpiste in einen Weiler ab. Geschützt in einer Mulde stehen Granatwerfer. Eine Einheit der irakischen Polizei wartet auf die Soldaten. Hinter einem Hügel liegt ein Dorf. Von dort hat ein Scharfschütze des IS auf sie gefeuert.

Ein Polizist weint um seine Familie

Etwas abseits steht einer der Polizisten, in schwarz-blauer Uniform. Eine Sonnenbrille verbirgt seine Augen. Der Mann zittert, seine Stimme bebt. Er ist 2014 vor dem Islamischen Staat geflohen – aus dem Dorf, das sie gleich zurückerobern sollen. Er wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Zwei Frauen hatte er und 17 Kinder, sagt er. Er konnte sich damals davonschleichen, seine Familie blieb zurück. Aber er habe Kontakt halten können in all den Monaten. Wie? Das will er nicht verraten. Seit vier Tagen hat er nichts mehr von ihnen gehört. «Wenn sie sie nach Mosul bringen, werde ich sie nie wieder finden», sagt er. Kameraden nehmen den schluchzenden Mann in den Arm.

Andere machen die Granatwerfer klar. Die Humvees setzen sich in Bewegung, Ali Hussein Kazam steht wieder hinter dem Maschinengewehr. Generalmajor al-Jabouri bellt Befehle ins Funkgerät. Die Polizisten lassen die ersten Mörsergranaten in den Werfer sausen. «Allahu akbar!», schreien sie («Gott ist der Grösste»). Wumm.

IS-Scharfschütze in verlassenem Dorf

Der Konvoi rollt langsam die Anhöhe hinauf, hinter der das Dorf liegt. Die Soldaten hinter den Maschinenkanonen schiessen auf graue Betonziegelhäuser. Seitlich des Weilers bewegt sich eine zweite Kolonne, die Staubfahnen verraten sie und das Rasseln von Panzerketten. Die Soldaten umschliessen das Dorf. Genau so wollen sie es mit Mosul machen. Nur dass dieses Dorf bis auf den IS-Scharfschützen menschenleer ist – während in Mosul noch Hunderttausende Menschen leben. Die Schlacht wird wohl noch Monate dauern.

Erstellt: 26.12.2016, 09:36 Uhr

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