«Im Mittleren Osten spielt sich zurzeit ein Genozid ab»

Aram I., armenisches Oberhaupt im Libanon, kämpft für die Anerkennung des Armenier-Genozids. Zu diesem Zweck bereist er derzeit auch die Schweiz.

Unermüdlich um Aufklärung bemüht: Aram I., hier im Theater Sain-Gervais in Genf. Foto: Catherine Leutenegger

Unermüdlich um Aufklärung bemüht: Aram I., hier im Theater Sain-Gervais in Genf. Foto: Catherine Leutenegger

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Seine Heiligkeit, besteht zwischen der Verfolgung von armenischen Christen in der Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der ­jetzigen Repression der Christen im Mittleren Osten ein Zusammenhang?
Absolut. Ich würde nicht nur von Verfolgung und Repression sprechen, sondern von Genozid. Es ist nur eine andere Form des Völkermords, was heute im Irak und in Syrien passiert. Im Mittleren Osten spielt sich zurzeit ein Genozid an religiösen Minderheiten ab, nicht nur an ­Christen. Im Namen einer terroristischen und extremistischen Ideologie. Es ist die Wiederholung der Geschichte, die Wiederholung des Genozids. Gerade die Straflosigkeit und Nichtanerkennung des armenischen Völkermords kann dazu ­ermuntern, den Genozid fortzusetzen.

Der Bundesrat mag die Massaker an den Armeniern bis heute nicht als Genozid bezeichnen, im Unterschied zum Nationalrat, der das 2003 beschlossen hat. Werden Sie dies bei Ihrem Treffen mit den Bundesbehörden thematisieren?
Ich werde mit Vertreten des Aussen­departements darüber reden. Der Entscheid des Nationalrats ist ein Anfang. Ich hoffe, dass dem auch die Regierung ­folgen wird. Ich verstehe, dass man geopolitische Erwägungen beherzigen muss. Aber die spezifische Berufung der Schweiz ist es gerade, sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzusetzen. Diese müssen über die geopolitischen Rücksichten gestellt werden. Der Genozid an den Armeniern ist keine Fiktion, ­sondern ein historisches Faktum.

Die Bundesräte Guiseppe Motta und Gustave Ador setzten sich im Völkerbund für die Armenier ein. Steht die heutige Haltung des Bundesrats dazu im Widerspruch?
Ich weiss nicht, ob es legitim ist, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. Man muss das im historischen Kontext sehen. Die Schweizer Regierung hatte damals sehr klar Stellung bezogen. Heute will sie die geopolitischen Rücksichten gegenüber der Türkei nicht verletzen. Andererseits darf sie auch die Menschenrechte nicht missachten.

Sie nehmen heute an der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Genozids teil: Hat sich die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern für die Armenier besonders eingesetzt?
Die Schweiz war das erste Land, das auf die Massaker und Verfolgungen reagiert hat, schon vor Beginn des Genozids. Bis 1897 wurden in der Schweiz im ­Rahmen einer Petition für die Armenier 450 000 Unterschriften gesammelt. Das Engagement der Schweiz war vor, während und nach dem Genozid humanitär wie auch politisch vorbildlich. Dafür will ich mich an der Feier bedanken.

Nur 20 von 190 Staaten anerkennen den Genozid an den Armeniern: Warum ist das so viel schwieriger als die Anerkennung des Holocaust?
Ich verstehe es nicht. Im November soll die grosse Kammer des Europäischen Menschengerichtshofs ihr Urteil zum ­türkischen Nationalisten Dogu Perinçek sprechen. Er war wegen der Leugnung des Armenier-Genozids vom Bundes­gericht verurteilt, vom Europäischen ­Gericht aber freigesprochen worden.

Was erwarten Sie für ein Urteil?
Das Urteil der ersten Instanz war sicher falsch. Der Menschenrechtsgerichtshof muss von seiner Berufung her für die Menschenrechte optieren. Sein Urteil wird grosse Bedeutung nicht nur für die Armenier, sondern auch für die Schweiz und für Europa haben.

Bis heute bestreitet die türkische Regierung die historische Faktizität des Völkermords. Gibt es dennoch irgendwelche Fortschritte?
Es gibt eine Änderung in der Taktik, die Position der Türkei aber bleibt die ­gleiche: Die Verneinung des Genozids. Seit wenigen Jahren sprechen Politiker von ­einem Dialog mit den Armeniern. ­Erdogan und sein Premier Davotoglu sprechen erstmals davon, dass es während des ­Ersten Weltkriegs mit den Armeniern «Probleme» gegeben, dass «etwas Ab­normales» stattgefunden habe. Den ­Genozid aber verneinen sie weiterhin. Dabei müssten sie die Verbrechen ihrer Grosseltern anerkennen. Man muss die Wahrheit akzeptieren. Die Wahrheit ist die Basis der Versöhnung.

Aram I., Katholikos von Kilikien, ist das geistliche Oberhaupt der in der Diaspora lebenden Armenier. Seit 40 Jahren kommt er in die Schweiz und setzt sich dafür ein, dass der türkische Genozid an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1918 anerkannt wird. Anlässlich des 100. Jahrestags des Genozids weilt er diese Woche auf Einladung des Evangelischen Kirchenbunds in der Schweiz. Aram I. trifft sich mit Bundesbehörden und Vertretern von Politik und Kirche. Höhepunkt seines ­Besuchs ist heute die nationale ökumenische Gedenkfeier für den Armenier-Genozid im Berner Münster.

Erstellt: 25.09.2015, 09:47 Uhr

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