«Überall liegen Leichen»

De facto ist Aleppo gefallen. Assad und seine Verbündeten haben unglaubliches Leid und Zerstörung angerichtet.

Tod und Zerstörung: Eine aktuelle Aufnahme aus der Altstadt von Aleppo. (13. Dezember 2016)

Tod und Zerstörung: Eine aktuelle Aufnahme aus der Altstadt von Aleppo. (13. Dezember 2016) Bild: AFP

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So also sehen die «letzten Momente vor dem Sieg» aus. Mit diesen Worten jedenfalls umschrieb ein General der syrischen Armee die Situation, als er am Montag Journalisten durch Scheich Sa’id führte. Es ist eines der zerstörten Viertel im Osten Aleppos, die die Truppen des Regimes von Präsident Baschar al-Assad in den vergangenen Tagen erobert haben. Mehr als 90 Prozent der einst von Rebellen gehaltenen Gebiete sind zu diesem Zeitpunkt schon in ihrer Hand.

Ein Krankenpfleger, der in einem der Hospitäler von Ost-Aleppo gearbeitet hat, hatte nur wenige Stunden zuvor über den Kurznachrichtendienst Whatsapp eine ganze andere Botschaft geschickt, keine Siegesbotschaft, sondern einen verzweifelten Hilferuf: «Wir werden alle sterben, so oder so», schrieb er Tagesanzeiger.ch/Newsnet, «betet für uns!»

«In den Strassen liegen überall Leichen», berichtet er. Verletzte werden nicht mehr behandelt und sterben, verbluten, verrecken einfach. Dutzende sind unter Trümmern verschüttet ohne Aussicht auf Hilfe. Der Mann stammt aus Aleppo und hatte noch vor Wochen gesagt, er bleibe im belagerten Osten, weil die Menschen dort seine Hilfe bräuchten. Nun muss er um sein Leben fürchten.

Am Dienstagabend dann gab es plötzlich doch noch Hoffnung für die Eingeschlossenen. Zwar waren den Tag über Appelle des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und der Vereinten Nationen zur Rettung der Zivilisten noch ungehört verhallt, ebenso die Warnungen, dass die syrische Regierung und Russland für alle Gräueltaten verantwortlich gemacht würden. Dann aber verkündeten Rebellenvertreter, sie hätten sich mit dem Regime auf einen Abzug geeinigt. Russlands UN-Botschafter Witalij Tschurkin bestätigte in New York, die Kämpfe um Aleppo seien beendet. Die Rebellen erhielten freies Geleit, Zivilisten könnten sich aussuchen, ob sie bleiben oder gehen wollten. Wann und wie genau das Rebellen-Gebiet evakuiert werden sollte, war zunächst nicht klar; Tschurkin sprach von den «nächsten Stunden».

Assads Anhänger jubeln im Westteil von Aleppo. (Video: Reuters)

Im Westen Aleppos feierten schon am Montagabend Soldaten mit Freudenschüssen und Korsos hupender Autos. In den verbliebenen Rebellengebieten im Osten dagegen, nach russischen Angaben etwa drei Quadratkilometer, griff Panik um sich. Manche Rebellenkommandeure reden zwar noch von neuen Frontlinien, de facto aber ist Aleppo gefallen. Die Menschen, die dort ausharren, hoffen, zusammengekauert in Kellern und Ruinen zerbombter Häuser, nur noch, das Artilleriefeuer und die Luftangriffe zu überleben.

Kontaktpersonen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet immer wieder über die Situation in den mit Unterbrechungen seit Ende 2013 belagerten Gebieten berichtet haben, melden sich nicht mehr oder schicken Abschiedsnachrichten. Auch der Krankenpfleger ist seit Sonntagabend nicht mehr erreichbar.

Die Vereinten Nationen warfen dem Regime am Dienstag vor, mindestens 82 Zivilisten getötet zu haben. Sie stützten sich auf «glaubhafte Berichte» aus vier Stadtvierteln. Unter den Opfern seien elf Frauen und 13 Kinder, sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville. Soldaten hätten sie in ihren Häusern erschossen. In Aleppo gebe es einen «kompletten Zusammenbruch jeder Menschlichkeit». Die UN haben zudem Belege, dass Hunderte Männer verschwunden sind, nachdem sie in die Regierungsgebiete geflohen waren.

Für Assad und seine Verbündeten, vor allem Russland und Iran, wird es ein wichtiger Sieg – symbolisch und strategisch. Die Regierung kontrolliert dann wieder die fünf wichtigsten Städte des Landes. Die Rebellen erleiden die schwerste Niederlage, seitdem Russland im Herbst 2015 in den Krieg eingegriffen hat. Letztlich ist der Fall der Stadt die Bestätigung für Assads menschenverachtende Strategie, die Rebellengebiete zu belagern, auszuhungern und auszubomben. Konsequenzen hat er nicht zu fürchten. Er hatte schon 2014 die Rebellen in der Altstadt von Homs auf diese Weise in die Knie gezwungen und sich um die zugesicherte Amnestie nicht geschert.

Während das Regime weiter ein Dutzend Orte belagert und systematisch Rebellen-Enklaven bei Homs, Hama, bei Aleppo und um Damaskus bombardiert, läuft auch in Idlib eine Offensive mit massiven Angriffen der russischen Luftwaffe, wie sie den Fall Aleppos vorbereitet haben. Niemand glaubt, dort Sicherheit finden zu können, zumal in der Provinz, die an die Türkei und das alawitische Kernland um Latakia grenzt, anders als in Aleppo tatsächlich Jabhat Fateh al-Scham eine der dominierenden Kräfte ist, also der syrische Ableger von al-Qaida.

Assad, sein russischer Schutzherr Wladimir Putin und Iran hatten die Offensive in Aleppo nicht ohne Grund für die Übergangszeit in den USA geplant. Sie sollte dem Regime eine Ausgangsposition verschaffen, die auch eine Präsidentin Hillary Clinton nicht würde rückgängig machen können, die mehr Unterstützung der Rebellen in Aussicht gestellt hatte. Nun, da der gewählte Präsident Donald Trump wenig Neigung zeigt, in Syrien anderes zu tun, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu bombardieren, dringt Russland auf neue Gespräche unter Leitung des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura, um den Status quo zu zementieren.

Die Türkei spricht jetzt mit Russland statt mit den USA

Die regionalen Akteure stellen sich auf die neue Situation ein. Die Türkei spricht längst an Washington vorbei direkt mit Moskau und legt vorerst die Priorität darauf, mit Duldung Russlands die Entstehung eines Kurdenstaats an seiner Grenze zu verhindern und die Terrormiliz Islamischer Staat zu bekämpfen – das deckt sich mit langfristigen Interessen des syrischen Regimes. Rebellen auch des islamistischen Spektrums bekräftigen allerdings, sie würden weiter Unterstützung erhalten.

Dagegen hält sich Saudiarabien, beeinflusst von den Vereinigten Arabischen Emiraten, schon seit Herbst 2015 zurück. Rebellen sprechen von der «grossen Leerstelle». Im Süden Syriens, wo Einheiten der moderaten Freien Syrischen Armeeteilweise nur 30 Kilometer von Damaskus entfernt stehen, sorgt Druck des jordanischen Geheimdienstes dafür, dass die Front verhältnismässig ruhig geblieben ist.

Und Iran, Assads Verbündeter und Gegenspieler der Saudis? Iran versucht, mit Hilfe schiitischer Milizen südlich von Mossul eine Landbrücke von Iran über den Irak nach Syrien und weiter nach Libanon zu sichern. Assad hat die Milizen nach Syrien eingeladen, und Teheran liebäugelt mit einem eigenen Marinestützpunkt am Mittelmeer. Das allerdings sehen selbst regimetreue Syrer mit Skepsis. Auch im Washington Donald Trumps dürften Teherans Ambitionen Sorgenfalten verursachen. Der künftige Sicherheitsberater Michael Flynn will zwar Syriens Rebellen nicht unterstützen und den IS bekämpfen, zugleich aber hegt er wie auch der designierte Verteidigungsminister James Mattis tiefstes Misstrauen gegen Iran.

Erstellt: 13.12.2016, 19:06 Uhr

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