In der Megachurch beten zwei Millionen Menschen

Um nigerianische Gotteshäuser entstehen inzwischen ganze Städte. Nur wer reich ist, darf da leben.

Im Camp Redemption sind die Gottesdienste eine Mischung aus Predigt und Berufsberatung: Betende im grossen Auditorium in der Nähe von Lagos. Foto: AFP

Im Camp Redemption sind die Gottesdienste eine Mischung aus Predigt und Berufsberatung: Betende im grossen Auditorium in der Nähe von Lagos. Foto: AFP

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Hier stimmt etwas nicht: Man hört Vögel zwitschern und nicht nur ratternde Generatoren. Man sieht grosse Wiesen und kleine Wälder, nicht nur Beton. Es gibt keinen Stau, nur eine Autoschlange vor der Waschanlage.

«In Lagos muss man um alles kämpfen, hier ist das Leben angenehm, es gibt jeden Tag Strom, Wasser und Sicherheit», sagt Wale. Er ist Prediger (29) und vor drei Jahren aus Lagos ins Camp Redemption gezogen, die wahrscheinlich grösste Kirchenstadt der Welt. Gebaut hat sie die Redeemed Christian Church of God, eine Pfingstkirche.

Während den Kirchen in Europa die Gläubigen abhanden kommen, können sich die Megachurches in Nigeria kaum vor neuen Anhängern retten. Viele dieser Kirchen liegen an der Autobahn zwischen den Metropolen Lagos und Ibadan, auch Tor zum Himmel genannt. Erst kommt die «Mountain of Fire and Miracles», dann die «Deeper Life Bible Church», schliesslich das Tor zum Redemption Camp, bewacht von Sicherheitsleuten.

Etwa 20'000 Menschen leben hier, fast 50 Kilometer entfernt von Lagos, der Stadt, die für viele der Inbegriff des Molochs ist mit über 20 Millionen Einwohnern. Lagos ist laut, dreckig und von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang vor allem ein Stau. Auf dem Highway gibt es keine Regeln, überholt wird von allen Seiten, Fussgänger rennen über die Strasse, ein Laster hat seine Reifen verloren und fährt auf zwei Stahlfelgen weiter.

Das Redemption Camp wirkt wie eine Siedlung für Rentner, es ist ruhig, das Gras gemäht, die Leute grüssen. «In Lagos ist das Leben jeden Tag eine Prüfung», sagt Wale, der nur seinen Vornamen nennen will. Hier im Camp sei es wie im Paradies, sagt er. In Lagos und vielen anderen Teilen Nigerias hat der Staat schon lange aufgegeben, existiert wenn überhaupt noch, als Mittel der Herrschenden, um sich zu bereichern. Dem grössten Teil der 200 Millionen Nigerianer bleibt nicht viel, Strom gibt es nur manchmal. Im Redemption Camp gibt es ein Gaskraftwerk, eine funktionierende Wasserversorgung, eine Universität, Schulen, Spitäler, Banken. Es ist ein kleiner, umzäunter, funktionierender Staat. «Der Tag gehört dem Dieb», heisst Teju Coles Schlüsselroman über Nigeria. Im Camp gehört der Tag Gott und dem frommen Leben.

Ein Zaun trennt Himmel und Hölle

«Gott ist ein Nigerianer», steht auf dem Aufkleber eines Autos, das die Holyness Avenue entlang fährt und dann den grossen Hügel hinaufkriecht zum neuen Auditorium. Einer Halle ohne Seitenwände, mit einem riesigen Dach, das bis zu zwei Millionen Gläubige beim Gottesdienst vor Regen oder Sonne schützen soll. Die Geschichte des 5000 Hektar grossen Camps steht in einer Broschüre: «Der Kauf des Grundstücks führte zu einer Heiligwerdung des Landes, auf dem sich zuvor giftige Schlangen befanden, wilde Tiere. Auf dem die Menschen dem traditionellen Glauben und der Verehrung der Vorfahren anhingen und sich bewaffnete Verbrecher versteckten.» Um Himmel und Hölle klar zu trennen, hat die Kirche einen grossen Zaun um das Gelände gebaut. Die kleine Stadt ist nicht für alle da, sondern nur für die, die genug Geld haben.

Bei gut 40'000 Franken beginnen die Preise für ein kleines Häuschen. Mehr, als die meisten Nigerianer im Leben verdienen. Überall wird gebaut, es entstehen Reihenhaussiedlungen und Villen. Im Rest Nigerias sieht man sehr viele halbfertige Bauten, was vor allem daran liegt, dass die wenigsten Eigentümer eine Besitzurkunde haben, ohne die es keine Kredite gibt bei der Bank. Es wird also nur weiter gebaut, wenn gerade wieder etwas Geld da ist.

Nur die wenigsten Nigerianer können sich ein Haus im Camp Redemption leisten: Kinder im Makoko Slum in Lagos. Foto: Keystone

Im Camp Redemption darf nur einziehen, wer Kirchenmitglied ist und genügend Mittel besitzt, wird er nach einer vereinbarten Zeit nicht fertig mit dem Haus, muss er es zurückgeben. «Kein Parkieren, kein Halten, kein Handeln, kein Betteln», steht auf einem Schild an der Strasse. In Lagos wäre das ein Witz.

«Hier hält man sich an Regeln», sagt Wale, der mit seiner Freundin Ibukun in der Schlange vor der Autowaschanlage steht. Zu den Regeln zählt auch, dass die Gartenzäune und Mauern um die Häuser höchstens hüfthoch seien dürfen, damit die Kirchenoberen einen Überblick behalten, was dahinter vor sich geht. Alkohol ist verboten, genauso wie das Zusammenleben von Unverheirateten. Ibukun sagt, dass sie und Wale nur befreundet seien. Das Auto vor ihnen fährt weg, die beiden beginnen, ihren Toyota zu waschen, es ist ein Bild, wie in einer amerikanischen Vorstadtidylle.

Ständig kommen neue Bewerber hierher, die Lagos entfliehen wollen. «Hier zu leben, wäre das beste für mich», sagt Adedeje Emmamuef (45). Er ist an diesem Sonntagmorgen zum ersten Mal ins Redemption Camp gekommen und besucht den Gottesdienst, der den ganzen Vormittag dauert. Es ist eine Mischung aus Lobpreisungen des Herrn, Lebenshilfe und Berufsberatung: «Maximiere deine Profite. Baue dir ein Geschäft auf und nutze die Talente, die du bereits besitzt», predigt ein Pastor. Anschliessend geht es um häusliche Gewalt und was man dagegen tun kann. Er rät dazu, eine Whatsapp-Gruppe auf dem Telefon einzurichten und bei einem Angriff Freunde zu alarmieren.

Hoffnung – gegen Gebühr

Die Kirche hat in Nigeria viele Aufgaben übernommen, die der Staat schon lange nicht mehr leistet. Sie ist Familie, Schutzraum und die Institution, von der man am ehesten Hilfe erwarten kann. Sie kämpft nicht offen und aktiv gegen das System, sie vermittelt die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren verändern. Die Erfolgsformel lautet: Gott ist ein Gewinner, und wer nur eifrig genug an ihn glaubt, wird auch einer.

Zu den grössten Gottesdiensten kommen bis zu 4 Millionen Gläubige: Das Redemption Camp bei Lagos hat eine Fläche von 5000 Hektar. Foto: Andrew Esiebo (laif)

Die bekanntesten Prediger sind Multimillionäre, die auch im Redemption Camp grosse Anwesen haben. An jeder Ecke des Landes trifft man auf einen Pastor, der gerade dabei ist, seine eigene Kirche aufzumachen. Der dann seinen Anhängern gegen Gebühr die Hoffnung auf ein besseres Leben verkauft. Kirchen zahlen in Nigeria keine Steuern und gehören zu den am stärksten wachsenden Branchen. Viele geben etwa zehn Prozent ihres Einkommens an die Gotteshäuser, die bei den Pfingstkirchen keine zentrale Organisation besitzen, keine höhere Instanz. Jeder kann sagen und machen, was er will.

Die Zahl der Pfingstkirchler in Nigeria hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren etwa verdreifacht, ihr Aufschwung begann mit dem Niedergang des Staats, mit den endlosen Putschen und der Militärdiktatur. Heute ist die Redeemed Church so mächtig, dass sie den Vizepräsidenten des Landes stellt. In der Kirchenstadt hat der Staat aber nicht viel zu suchen. Es gibt eine eigene Polizei und Gerichtsbarkeit.

Die Kirche hat auch einen Freizeitpark

«Wenn du auf die Regierung wartest, passiert nichts», sagt Olaitan Olubiyi, Chefredaktor der Lokalzeitung, die wie der Radiosender und die TV-Station auch zur Kirche gehören. Sie verbreiten täglich die Wunder des Herrn. Die meisten Berichte klingen wie Satire, sind aber ernst gemeint. Da heilt Jesus Bauchspeicheldrüsenkrebs und schützt eine Familie vor Einbrechern – obwohl es die im Camp ja gar nicht geben soll.

Journalist Olubiyi ist von Anfang an dabei. 1982 hat die Kirche das Land gekauft und ein kleines Auditorium gebaut für Gottesdienste. Und weil die Gläubigen keine Lust mehr hatten, ständig im Stau zu stehen, auch übernachten wollten, wurden von der kircheneigenen Baugesellschaft die ersten Häuser errichtet. «Wir haben klein angefangen», sagt Olubiyi. «Heute kann keiner mehr so tun, als ob es uns nicht gibt.»

Was angesichts der Ausmasse des heutigen Auditoriums ohnehin schwer fällt. Unter dem riesigen Dach stehen Hunderttausende Plastikstühle. Einmal im Monat gibt es einen grossen Gottesdienst, einmal im Jahr einen noch grösseren, zu dem 4 Millionen Menschen auf das Gelände kommen. Danach bietet sich noch ein Ausflug in den kircheneigenen Freizeitpark an, in dem ein Riesenrad steht, eine Achterbahn. Alles funktioniert. Allein das ist ein Wunder.

Erstellt: 25.07.2019, 20:42 Uhr

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