Zum Hauptinhalt springen

Täglich geht Nahrung für 35'000 Menschen verloren

Die Folgen der Heuschrecken-Plage in Afrika sind verheerend. Es drohen Ernteausfälle und enorme Umweltschäden. Die Regierungen sind überfordert.

Anna Reuss, Nairobi
Biblisches Ausmass: Für Kenia ist es die schlimmste Heuschreckenplage in 70 Jahren. Video: AP

Heuschrecken tötet man am besten zwischen sechs Uhr abends und sechs Uhr morgens. Dann sind sie unbeweglich, fast starr. Um zu fliegen, müssen sie erst ein wenig Wärme im Körper speichern. Kenias Regierung wollte ihnen eigentlich beikommen, solange sie rosa-braun und unersättlich waren. Färben sich die fingerlangen Insekten erst einmal gelb, werden sie träge und legen Eier – etwa 300 pro Weibchen. Nun aber ist es zu spät.

Die Schwärme, die wie riesige dunkle Wolken am Tageshimmel aussehen, fielen Ende 2019 in Ostafrika ein. Für Kenia ist es die schlimmste Invasion seit 70 Jahren. Durch den Nordosten des Landes zog ein Schwarm mit fast 200 Milliarden Insekten – 40 Kilometer breit, 60 Kilometer lang. Sie zerstören Ackerland, und da die Regierung im Kampf gegen die Tiere keine Wahl hat, als Pestizide aus der Luft einzusetzen, sind die Folgen für die Umwelt enorm.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erwartet in den kommenden Monaten massive Ernteausfälle, verheerend für die mehr als zwei Drittel der Menschen in Ostafrika und am Horn von Afrika, die von der Landwirtschaft leben. Lokale Medien berichten von verzweifelten Menschen, die mit Stöcken und Metallstangen versuchen, die riesigen Schwärme zu vertreiben.

Unersättliche Schädlinge

«Diese Dinger sind unersättlich», sagte kürzlich Keith Cressman, Experte von der FAO. Selbst ein kleiner Schwarm der Insekten vernichtet an einem einzigen Tag Nahrung für 35'000 Menschen. Ein Maiskolben, der von Heuschrecken befallen wurde, setzt eine Art bräunlichen Rost an. Die Maiskörner sind danach ungeniessbar. So verlieren Bauern ihre Ernte binnen weniger Minuten. Die Kleinbauern in der Region nutzen normalerweise bis zu zwei Drittel ihres Anbaus selbst und verkaufen den Rest auf Märkten. Umweltschützer und Paläontologe Richard Leakey kritisierte den Umgang der Regierung mit der drohenden Umweltkrise scharf. Die versprühten Chemikalien blieben 30 Jahre im Boden.

Ein Mann in Kenia versucht, Heuschrecken zu verscheuchen. Foto: Reuters
Ein Mann in Kenia versucht, Heuschrecken zu verscheuchen. Foto: Reuters

Zwar stellte die kenianische Regierung 200 Millionen kenianische Schilling, etwa 2 Millionen Franken, zur Bekämpfung der Invasion bereit. Aber sie brauchte mehrere Wochen, um auf die Plage zu reagieren. Weder genug Pestizide noch Sprühflugzeuge standen zur Verfügung. Auch redet Kenias Regierung das Ausmass der Plage klein. Noch Ende Januar berichtete die staatliche Nachrichtenagentur, die Heuschrecken seien «unter Kontrolle». Die Heuschrecken seien zwar ein grosses Problem für Kenia, sagte Präsident Uhuru Kenyatta, doch die Ernteverluste seien möglicherweise weniger schlimm als befürchtet.

Internationale Organisationen widersprechen dem. Sie erwarten eine schwere Hungerkrise für die Region. Marlehn Thieme, die Präsidentin der Welthungerhilfe, sagt, Kenias Regierung bereite die Bevölkerung zwar auf die Krise vor, aber man habe nicht das Gefühl, dass die ganze Wahrheit erzählt werde. In Kenia seien zwei Millionen Menschen von Hunger oder Mangelernährung bedroht, unter ihnen 500'000 Flüchtlinge. Die Ackerflächen nach der Plage wieder fruchtbar zu machen, werde viel Zeit brauchen. Schlimmstenfalls drohe in den betroffenen Regionen der Ausfall einer kompletten Ernte.

Elefanten bedroht

Die Heuschrecken könnten auch Kenias Elefanten bedrohen, befürchten Umweltschützer. Die grossen Pflanzenfresser leben in Nationalparks und Schutzgebieten und sind wichtig für die kenianische Tourismusindustrie, wiederum einer der wichtigen Wirtschaftssektoren Kenias.

Die Heuschrecken sind noch nicht in der Hauptstadt angekommen, allerdings in anderen Regionen wie Isolo oder Kitu. Die Pestizide aus der Luft können dort in das Trinkwasser für Menschen und Wildtiere gelangen. Die Chemikalien töten alles ab, auch nützliche Käfer und Bienen, und bringen so das Ökosystem aus dem Gleichgewicht.

Wüstenheuschrecken sind anpassungsfähige Kreaturen, bei warmen Temperaturen und der richtigen Menge Regen entwickeln sie Flügel, um über Meere und Kontinente zu schwärmen. Die Insektenschwärme kommen ursprünglich von der indisch-pakistanischen Grenze. Nach einem Zyklon 2018 waren die Bedingungen für die Schädlinge perfekt, eine Dürre trieb sie im vergangenen Jahr unter anderem in den Jemen. Von dort aus überquerten sie das Rote Meer und kamen nach Somalia und Äthiopien, Eritrea, Djibouti und auch nach Kenia, nun meldet auch die Demokratische Republik Kongo erste Schwärme.

Die Heuschrecken bewegen sich rasant: Sie können bei guten Windverhältnissen am Tag 150 Kilometer zurücklegen. Die FAO zählt sie deshalb zu den gefährlichsten fliegenden Schädlingen. Nun breiten sie sich auch Richtung Südsudan und Sudan, Uganda und Tansania aus. Die Staaten leiden, wie Kenia, ohnehin unter den Folgen des Klimawandels, einige sind politisch instabil und durch bewaffnete Konflikte ohnehin geschwächt.

Neue Generation im Anflug

Der Sudan befindet sich gerade in einem komplizierten politischen Transformationsprozess. Der Nachbar Südsudan, der jüngste Staat der Welt, gilt als besonders fragil. Nach Angaben der UNO werden mehr als 76 Millionen US-Dollar benötigt, um ausreichend Pestizide aus der Luft sprühen zu können. Doch bislang ist nicht ansatzweise genug zusammengekommen.

Für die Bevölkerung in Somalia ist die Heuschreckenplage eine zusätzliche Belastung. Die Menschen leiden dort unter dem Terror der Islamistenmiliz al-Shabab. Nun hat das Land den nationalen Notstand ausgerufen.

Kenia – das wirtschaftliche Schwergewicht in der Region – könnte mit der Krise noch am ehesten fertig werden. Die Ratingagentur Moody’s befürchtet wegen der Ernteausfälle aber steigende Lebensmittelpreise und in der Folge ein erhöhtes Risiko für soziale Unruhen. Das Schlimmste könnte dem Land noch bevorstehen – wenn die Heuschrecken das fruchtbare Rift Valley erreichen, den Getreidespeicher des Landes. Und in ein paar Monaten wird eine neue Generation Heuschrecken aus jenen Eiern schlüpfen, die gerade mehrere Zentimeter unter der Erde eingegraben sind. Wenn im März der Regen kommt und der Region neue Vegetation beschert, kann sich die Zahl der Heuschrecken noch einmal stark vermehren – um das bis zu 500-Fache.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch