Ins Paradies gereist – in der Hölle angekommen

In Mosul wurden Ausländerinnen gefangen genommen, die für die Terrortruppe IS im Irak gekämpft haben. Unter ihnen offenbar auch eine 16-jährige Deutsche.

Die Luftaufnahme vom 10. Juli zeigt das Ausmass der Zerstörung der Altstadt von Mosul am Tigris. Foto: Felipe Dana (Keystone)

Die Luftaufnahme vom 10. Juli zeigt das Ausmass der Zerstörung der Altstadt von Mosul am Tigris. Foto: Felipe Dana (Keystone)

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Die Reise ins vermeintlich gelobte Land endete in einem Stollen – dort, wo bis vor kurzem die Altstadt von Mosul war. In den Trümmern liegen unzählige Leichen von getöteten Zivilisten und IS-Kämpfern. Manchmal ragt ein Bein oder ein Arm aus dem Staub, dann wieder weisen nur der schwere Leichengeruch und die Fliegenschwärme darauf hin, dass hier ein Mensch oder eine ganze Familie die Befreiung der irakischen Stadt aus den Händen der Terrormiliz Islamischer Staat nicht überlebt haben.

Das Mädchen jedoch, bei dem die ­Sicherheitsbehörden nun prüfen, ob es die 16-jährige Linda W. aus Deutschland sein könnte, kam lebend aus der Trümmerwüste: Irakische Soldaten fanden einen weiteren Eingang zu dem verzweigten Tunnelnetz, welches die Jihadisten zur Verteidigung ihrer Metropole Mosul angelegt hatten. Glaubt man Berichten von Menschenrechtsaktivisten, machen sich die Soldaten nicht jedes Mal die Mühe, solche Höhlen genau zu überprüfen – wegen der Sprengfallen oder der Hinterhalte der letzten über­lebenden Kämpfer. Oft werfen die Soldaten Handgranaten in die Löcher, dann kommt ein Bulldozer und schüttet das Loch zu. Fertig.

Dem Kalifat Kinder gebären

Unter den Frauen, die von den Soldaten am Donnerstag aus dem Tunnel gezogen wurden, befinden sich wohl mehrere Deutsche. Sie sind einst freiwillig ins Reich des IS gereist, um dessen Schergen als Ehefrauen zu dienen und dem Kalifen neue Krieger zu gebären oder um als Sittenwächterinnen die Einheimischen zu terrorisieren. Und sie waren wohl bereit, für ihren Irrglauben zu sterben: Einige der Festgenommenen trugen Sprengstoffwesten oder Waffen bei sich. Die Soldaten schossen, töteten aber nicht alle – auch das ein Wunder, denn die Nervosität ist hoch. Eine Woche zuvor hatte sich in der Nähe noch eine Frau in die Luft gesprengt, die sich mit einem Kleinkind auf dem Arm ­Sicherheitskräften näherte.

Das blasse Mädchen mit den markanten Augenbrauen, das die Soldaten aus den Trümmern abführten, hatte keinen Sprengstoff, aber ein Scharfschützengewehr bei sich. Bald waren Fotos der jungen Frau in sozialen Netzwerken zu sehen. Ihre Haare sind voll Trümmerstaub und in der Mitte gescheitelt; auf einem Bild trägt sie einen schwarzen Umhang und ein Tuch um die Schultern, auf einem anderen ein blaues T-Shirt, unter dem der Träger ihres BH hervorlugt.

In Lindas Zimmer suchen und finden die Eltern noch einen Gebetsteppich.

Man muss einige Male und sehr genau hinschauen, bis man in ihrem verängstigten Gesicht Ähnlichkeiten mit jenen Bildern entdeckt, die vor mehr als einem Jahr in einer anderen Welt aufgenommen wurden: Da lächelt ein Mädchen mit mal leicht gelockten, mal geglätteten Haaren und gezupften Augenbrauen für ein Selfie in die Kamera. Die Fingernägel schwarz lackiert, den Mund hat es auf dieselbe Art leicht gespitzt wie die IS-Braut aus Mosul: Linda W., damals 15, heute 16 Jahre alt. Ein Mädchen aus Pulsnitz bei Dresden, das vor wenig mehr als einem Jahr verschwand und nun in der Hölle auf Erden wieder aufgetaucht sein könnte.

«Bete, Ende naht»

Über seine Zeit bei der Terrormiliz wird vielleicht bald etwas zu erfahren sein, wenn die Identität des Mädchens zweifelsfrei geklärt ist und deutsche Ermittler die Chance hatten, mit ihm zu sprechen. Es wird eine von Hunderten Geschichten sein, mit denen sich Deutschland in den kommenden Jahren auseinandersetzen muss: Behörden schätzen, dass sich von dort bis zu 930 Personen ins Kalifat aufgemacht haben, um ein angeblich gottgefälliges Leben zu leben – oder um andere Leben im Namen Gottes zu beenden.

Im Fall von Linda W. liess sich bisher nur ihr Reiseweg aus Sachsen über die Türkei und Nordsyrien nachvollziehen – bis er offenbar in jenem Tunnel unter Mosul endete. Das Letzte, was die Eltern von Linda W. von ihrer Tochter zu lesen bekamen, war eine Lüge. «Ich bin am Sonntag um 16 Uhr wieder da», schreibt sie, es ist der 1. Juli des vergangenen Jahres, die Sommerferien haben in Sachsen gerade begonnen. «Es war abgemacht, dass sie am Wochenende bei einer Freundin schläft», wird Lindas Mutter später der «Bild»-Zeitung erzählen. Der Sonntag kommt, Linda kommt nicht, die Mutter ruft bei der Freundin an, die weiss von nichts. Die Eltern wenden sich an die Polizei, das Zimmer ihrer Tochter durchsuchen sie gleich selbst.

Dort, unter einer Matratze: Bestätigungen von Flugtickets, ausgestellt auf den Freitag. Von Dresden nach Frankfurt, von Frankfurt nach Istanbul. Gekauft mit einer gefälschten Bankvollmacht und dem von der Mutter geklauten Personalausweis. In Lindas Zimmer suchen und finden die Eltern noch einen Gebetsteppich, ein Tablet mit Hunderten Fotos, einen Zweit-Account bei Facebook, über den sie ausschliesslich Kontakt zu arabischen Profilen pflegt und Inhalte teilt wie diesen Spruch: «Bete, Ende naht.» Es sind Dokumente einer Verwandlung, Wegmarken eines Abdriftens, das sich ihrem Umfeld wohl nur andeutete.

Trümmerstadt Mosul. Die zerstörte al-Nuri Moschee. Foto: Thaier Al-Sudani/ Reuters

Linda W. zog erst vor wenigen Jahren nach der Trennung ihrer Eltern nach Pulsnitz, ein schönes Haus, ein akkurater Vorgarten. Sie wohnt dort mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, in der Ernst-Rietschel-Oberschule findet sie Anschluss. Freundinnen beschreiben sie als durchaus eifrige Schülerin. Notenschnitt 2,1 und damit Drittbeste ihrer Klasse, mit Vorlieben für Mathe, Chemie, Physik.

Arabische Musik statt Rap

Ihre Freundinnen bemerken jedoch auch Veränderungen an Linda, diese wirken in der Rückschau eindeutiger, als sie es damals wohl waren. Irgendwann habe sich Linda abgekapselt, irgendwann nicht mehr Rap, sondern nur noch arabische Musik gehört. Klassenkameradinnen schildern Linda W. als ein Mädchen, das sich immer strenger kleidete und das seinen Schuldirektor sogar fragt, ob es ein Kopftuch tragen dürfe, bei dem Gespräch, um das er gebeten hatte, um mit Linda über ihre Veränderung zu reden.

Ähnlich geht es den Eltern. Ihnen erzählt Linda im Frühling 2016 das erste Mal von ihrem zunehmenden Interesse am Islam. «Wir haben uns nichts dabei gedacht und ihr einen Koran gekauft», sagt die Mutter später. Als Linda im Ramadan fastet, erzählt sie den Eltern, sie mache eine Diät. Ihrer Schwester, die nicht mit im Haus wohnt, vertraut sie an, dass sie zum Islam konvertiert sei. Auch diese sagt später, sie habe sich nichts ­dabei gedacht: «Ich wollte welt­offen sein.»

So eindeutig die Dinge sich manchmal im Nachhinein darstellen, so schwer können sie bisweilen aus der Gegenwart und der Nähe heraus zu beurteilen sein. Das minderjährige Mädchen, das mir nichts, dir nichts in ein Kriegsgebiet reist, um sich einer Terrororganisation anzuschliessen, kann bis kurz vor Abreise wie ein Teenager gewirkt haben, der eben eine besondere Phase seiner Wesensfindung durchlebt.

Die Schwester sagt, sie habe sich nichts dabei gedacht, als Linda zum Islam konvertierte: «Ich wollte weltoffen sein.»

Noch in der vergangenen Woche sagte der Oberstaatsanwalt Lorenz Haase in Dresden, dass er nicht viel Neues erzählen könne. Die Suche nach dem Mädchen sei weiter ausgeschrieben, sein Aufenthaltsort nicht bekannt. Auch der Stiefvater hat keine Informationen, kein Lebenszeichen, er sagt, er habe resigniert. Die Eltern wollten lieber nicht mehr über das Thema sprechen, nur so viel: Was ihnen bleibe, das sei die Hoffnung, und die würden sie gewiss nicht aufgeben.

Hoffnungen und Befürchtungen zugleich dürften bei Ermittlern und Eltern nun die Spekulationen ausgelöst haben, die seit dem Wochenende im Netz zu finden sind. Dass das festgenommene Mädchen, das nun für Linda W. gehalten wird, eine Ausländerin ist, ist in Mosul bald klar: «Wir konnten ihre Nationalität nicht feststellen, aber sie scheint keine Irakerin zu sein», sagte Captain Haidar Ali al-Waeli von der irakischen Armee nach der Festnahme. «Sie kann nur ein paar Brocken Arabisch.» Zunächst halten die Soldaten den Teenager für eine Tschetschenin, dann meldet sich eine ­jesidische Familie, die ihre vom IS entführte Tochter zu erkennen glaubt.

Wird aus Linda Umm Mariam?

Handelt es sich bei dem Mädchen wirklich um Linda W., wie es seit Mitte Woche zu lesen und anhand von Bildern zu vermuten ist? Ein Offizier der irakischen Anti-Terror-Einheiten bestreitet zwar, dass sich Minderjährige unter den Festgenommenen befinden. Deutsche Behörden aber interessieren sich für den Fall. Es gebe neue Erkenntnisse, bestätigt eine Sprecherin des sächsischen Landeskriminalamts. Viel mehr aber sagt sie nicht. Seit wann gibt es diese Erkenntnisse, wie sicher und umfangreich sind sie? «Zu Details können wir derzeit nichts sagen.»

Ein Reporter der «Bild»-Zeitung will erfahren haben, was zwischen dem Verschwinden von Linda W. in Istanbul und dem Auftauchen des Mädchens mit den markanten Augenbrauen in Mosul geschah: Eine Rebellengruppe in Nord­syrien habe ihm 2016 von einer Deutschen erzählt, die sie am Grenzübergang Bab al-Hawa aufgegriffen hätten, einer Stadt in Nordsyrien, die auch damals, vor den grossen Gebietsverlusten des IS, nicht in der Hand der Jihadisten war.

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Die Fotos, die die Rebellen machten, zeigen Linda W. aus Pulsnitz – anscheinend wurde sie in Syrien bereits erwartet. Kämpfer der islamistischen Miliz Jund al-Aqsa, die als verdeckter Arm des IS fungierte, hätten am 15. August 2016 das Mädchen abgeholt, das sich nun Umm Mariam nennt. Und während sich die ersten Kader bereits aus den vom IS gehaltenen Städten absetzten, schmuggelten sie Linda W. in die andere Richtung, nach Mosul.

Teenager als Trophäen

Wo das Mädchen, das Linda W. sein könnte, jetzt ist, verraten die irakischen Sicherheitskräfte nicht. Sie haben es wohl in eines der Gefangenenlager gebracht, die sie in der Nähe von Mosul ­errichtet haben, und in denen sie mutmassliche IS-Mitglieder und deren Angehörige festhalten.

Im Krieg von den Eltern getrennt: Traumatisierte Jugendliche lernen das Leben neu. Video: AFP

Wer dorthin gebracht wird, dem stehen harte Zeiten bevor. Immer wieder tauchen Videos auf, die schlimme Misshandlungen von Verdächtigen durch irakische Soldaten zeigen. Aber wer in ein solches Lager gebracht wird, der lebt immerhin: Neben den Videos von Misshandlungen gibt es einige, in denen Soldaten vermeintliche IS-Mitglieder von Klippen werfen oder erschiessen. Aus Rache – und bisweilen wohl auch, um ­sicherzugehen, nicht bald wieder denselben Feinden gegenüberzustehen. Einige Soldaten sagen, sie hätten Angst, dass sich die IS-Mitglieder bei korrupten Beamten freikaufen könnten.

Linda W. aus Sachsen, die mit 15 ins Kalifat gelockt wurde, hätte dafür wohl nicht die nötigen Dollarbündel gehabt. Und auch sonst hätte wohl niemand für sie bezahlt: Die Männer, die Teenager aus Europa als Trophäen für ihre Soldaten ins Kriegsgebiet holten, sind schon lange von dort geflohen, wo einst Mosuls Altstadt war.

Erstellt: 21.07.2017, 21:00 Uhr

Irak

UNO kritisiert Racheakte

Nach der Rückeroberung der irakischen Stadt Mosul von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben die Vereinten Nationen Racheakte gegen mutmassliche Mitglieder oder Anhänger der Jihadisten angeprangert. Der UNO-Sondergesandte für den Irak, Jan Kubis, sagte diese Woche vor dem UNO-­Sicherheitsrat, im ganzen Land häuften sich die Übergriffe. Als IS-Kollaborateure verdächtigte Personen würden vertrieben, ihre Häuser beschlagnahmt, sagte Kubis.

Die UNO forderte den irakischen Regierungschef Haider al-Abadi auf, «dringende Massnahmen» zur Unterbindung der «Kollektivbestrafung» ganzer Familien zu ergreifen. Abadi hatte vergangene Woche – rund acht Monate nach dem Beginn einer Grossoffensive der irakischen Truppen – den end­gültigen Sieg über die sunnitischen Fanatiker vom sogenannten Islamischen Staat (IS) in Mosul verkündet. Die Jihadisten hatten die blühende kosmopolitische Millionenstadt 2014 überrannt und nahezu 920'000 Zivilisten in die Flucht getrieben. Nach der ­Befreiung liegt ein Grossteil der Stadt heute in Schutt und Asche. (SDA)

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