Zum Hauptinhalt springen

London empört wegen Botschafter-Festnahme

In Teheran wurde der britische Botschafter verhaftet. «Eine ungeheuerliche Verletzung internationalen Rechts», heisst es dazu aus London.

red
Demonstranten in Teheran fordern den Rücktritt der Verantwortlichen. Video: Tamedia

Der iranische Präsident Hassan Rohani hat sich in einem Telefongespräch mit seinem ukrainischen Kollegen Wolodimir Selenski offiziell bei der Ukraine für den versehentlichen Abschuss eines Passagierflugzeugs entschuldigt. Auch Kanadas Premierminister Justin Trudeau telefonierte mit Rohani.

Der Iran hatte am Samstag nach tagelangem Leugnen den versehentlichen Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs mit 176 Menschen an Bord eingeräumt.

Die iranische Armee teilte in einem Statement mit, die Maschine sei für ein «feindliches Flugzeug» gehalten worden. Video: Tamedia

Nach Angaben aus Teheran wurde die Maschine irrtümlich für ein feindliches Objekt gehalten und mit einer Rakete abgeschossen. Bei den Opfern handelte es sich vor allem um iranischstämmige Kanadier, Afghanen, Briten, Schweden und Ukrainer.

Proteste in Teheran und im Internet

Nach dem Bekenntnis des Iran hat es in Teheran Proteste gegen die Regierung gegeben. Am Samstagabend versammelten sich hunderte Menschen an der Amir-Kabir-Universität, um der Toten zu gedenken.

Aus dem Gedenken wurde ein wütender Protest, wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Demonstranten bezeichneten die iranische Regierung als «Lügner» und forderten die Verantwortlichen für den Abschuss und die tagelange Leugnung zum Rücktritt auf.

Laut den Nachrichtenagenturen IRNA und Isna nahmen Hunderte an Protestkundgebungen am Samstagabend vor den Universitäten Teheran, Amir Kabir und Sharif teil. Die halbstaatliche iranische Nachrichtenagentur Fars beziffert die Zahl der regierungskritischen Demonstranten in Teheran auf bis zu 1000.

Boschafter festgenommen, Grossbritannien empört

Der britische Botschafter Rob Macaire wurde der Nachrichtenagentur Tasnim zufolge für einige Stunden festgenommen. Macaire hatte demnach am Samstagabend an der Protestkundgebung vor der Universität Amir Kabir teilgenommen. Er habe die Demonstranten provoziert, «radikale Aktionen» durchzuführen, schreibt Tasnim.

Grossbritannien reagierte empört: «Die grundlose und unbegründete Festnahme unsere Botschafters in Teheran ist eine ungeheuerliche Verletzung internationalen Rechts», erklärte der britische Aussenminister Dominic Raab am Samstagabend. Der britische Aussenminister erklärte: «Die iranische Regierung steht an einem Scheideweg.» Sie könne ihren Marsch in Richtung eines Aussenseiterstatus weitergehen mit aller politischer und wirtschaftlicher Isolation. Oder sie könne deeskalierende Schritte einleiten und sich auf einem diplomatischen Weg nach vorn bewegen

Der Abschuss von Flug PS 752: Ein Überblick über die Ereignisse:

Video: Tamedia

Wie die Nachrichtenagenturen Isna und Fars berichteten, wurde die Demonstration von der Polizei aufgelöst. Die Studenten hätten «schädliche» und «radikale» Sprechchöre gerufen, schrieb Fars, die den Konservativen im Iran nahe steht. Dem Bericht zufolge rissen einige Studenten auch ein Poster des von den USA getöteten Generals Qassim Soleimani ab.

Die Polizei habe die Demonstration schliesslich «aufgelöst», als die Studenten das Universitätsgelände verlassen und für einen Verkehrsstau gesorgt hätten, berichtete Fars.

In den sozialen Medien posteten Tausende Iraner eine schwarze Seite als Zeichen ihrer Trauer sowie als Protest gegen die Regierung. Für sie sei der Abschuss der Passagiermaschine ein irreparabler Imageschaden für den Iran. Auch die iranischen Staatsmedien gerieten wegen ihrer als einseitig empfundenen Berichterstattung über den Vorfall in die Kritik.

Entschuldigung Rohanis

Der Abschuss der ukrainischen Maschine erfolgte am Mittwochmorgen inmitten heftiger Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Die US-Armee hatte zuvor den iranischen Top-General Qassim Soleimani mit einer Drohne im Irak getötet. Der Iran antwortete darauf in der Nacht zum Mittwoch mit Raketenangriffen auf zwei von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak. Kurz darauf stürzte in der Nähe von Teheran die ukrainische Passagiermaschine ab.

Präsident Hassan Rohani äusserte am Samstag sein Bedauern, versprach eine gründliche Untersuchung und erklärte: «Dieser unverzeihliche Vorfall muss juristisch konsequent verfolgt werden.» Die Familien der Opfer sollten entschädigt werden.

Ukraine will Kompensationsforderungen stellen

«Das Zugeben der ‹Raketenversion› als Ursache für die Katastrophe hat den Weg für die Fortsetzung der Ermittlungen ohne Verzögerungen und Behinderungen geöffnet», sagte Selenski einer Mitteilung zufolge am Samstag. Kiew werde an Teheran eine offizielle Note unter anderem mit Kompensationsforderungen senden.

Rohani versicherte, dass alle Schuldigen für den Fehler des iranischen Militärs zur Verantwortung gezogen würden und mit juristischen Konsequenzen rechnen müssten. «Wir werden in jeder Hinsicht unsere juristischen Verpflichtungen einhalten», teilte das iranische Präsidialamt mit.

Laut Selenski sollen die Toten bereits in der kommenden Woche in die Ukraine zurückgeführt werden. Teheran habe zugesichert, dies zu ermöglichen.

Die «New York Times» hat ein Video veröffentlicht, das angeblich zeigt, wie die Passagiermaschine von einer Rakete getroffen wird. Video: Twitter

Am Mittwoch war bei Teheran eine Boeing 737 der Fluggesellschaft Ukraine International Airlines kurz nach dem Start von der Luftabwehr der iranischen Revolutionsgarden anscheinend irrtümlich abgeschossen worden. Alle 176 Insassen kamen ums Leben. Der Iran hatte zunächst Spekulationen über einen Abschuss vehement zurückgewiesen und einen technischen Defekt als Ursache genannt.

Zum Hergang erklärte ein Kommandant der iranischen Revolutionsgarden, die ukrainische Passagiermaschine habe sich am Mittwoch einer strategisch wichtigen Militäranlage genähert, sei versehentlich als feindlicher Marschflugkörper eingestuft und schliesslich abgeschossen worden.

Defekt im Kommunikationssystem

Der Kommandant der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarden, Amir Ali Hajisadeh, sagte weiter, der zuständige Offizier habe der Zentrale die Gefahr melden wollen, aber genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben.

Der Offizier hatte laut Hajisadeh dann nur wenige Sekunden zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuert oder nicht. «Und leider tat er es, was dann zu dem Unglück führte», sagte der Kommandant. «Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks», sagte Hajisadeh.

«Der Offizier hatte wenige Sekunden, um zu entscheiden»: Luftwaffenchef Amir Ali Hajisadeh. Bild: Abedin Taherkenareh/EPA
«Der Offizier hatte wenige Sekunden, um zu entscheiden»: Luftwaffenchef Amir Ali Hajisadeh. Bild: Abedin Taherkenareh/EPA

Auch Irans oberster Führer Ayatollah Ali Khamenei bedauerte den Abschuss. «Das menschliche Versagen in den Vorfall ist äusserst bedauerlich und mein tiefstes Mitgefühl gilt den Familien der Opfer», erklärte er laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna. Von den Streitkräften forderte er eine lückenlose Aufklärung.

«Vom Abenteurertum der USA verursacht»

Aussenminister Mohammed Jawad Sarif schrieb auf Twitter von einem «traurigen Tag». Er entschuldigte sich bei den Familien der Opfer und der iranischen Bevölkerung. Weiter schrieb er: «Menschliches Versagen in Krisenzeiten, vom Abenteurertum der USA verursacht, hat zu diesem Desaster geführt.» Auch Rohani versuchte, den Abschuss mit den militärische Spannungen mit den USA zu rechtfertigen.

Auch Justizchef Ibrahim Raeissi forderte eine lückenlose Aufklärung. «Die Justizabteilung der Streitkräfte sowie die iranische Luftfahrtbehörde sollten alle Dimensionen untersuchen und mir die Ergebnisse umgehend mitteilen», erklärte Raeissi laut Nachrichtenagentur Isna.

Paar aus Dübendorf unter den Opfern

Beim Absturz sind auch ein Doktorand der ETH Zürich und seine Partnerin ums Leben gekommen. Der Mann arbeitete am Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik.

Eine ETH-Mediensprecherin bestätigte am Freitag eine entsprechende Meldung von Blick Online. Die ETH sei von dem Tod sehr betroffen, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Weitere Angaben wollte die Hochschule nicht machen. Laut Blick Online lebte das Paar in Dübendorf ZH und hatte seine Familien im Iran besucht.

(sda/reuters)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch