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Isis-Kämpfer rufen «islamisches Kalifat» aus

In Tikrit kämpfen die irakische Armee und die Isis-Extremisten weiterhin um die Vorherrschaft. Per Audiobotschaft ernannten die Islamisten ihren Chef al-Bagdadi zum «Anführer aller Muslime».

Beherrschen grosse Gebiete im Norden und Westen des Iraks: Isis-Extremisten auf Patrouille in der Provinz Salaheddin. (29. Juni 2014)
Beherrschen grosse Gebiete im Norden und Westen des Iraks: Isis-Extremisten auf Patrouille in der Provinz Salaheddin. (29. Juni 2014)
AFP

Nach dem Beginn einer Offensive der irakischen Armee auf Tikrit haben sich Regierungstruppen und Isis-Milizen am Wochenende schwere Kämpfe um die Stadt geliefert. Das Militär griff die Aufständischen mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und aus der Luft an.

Widersprüchliche Nachrichten gab es über die militärische Lage. Der Sender BBC meldete am Sonntag unter Berufung auf Augenzeugen, die Armee habe sich wegen scharfen Widerstands südlich von Tikrit zurückziehen müssen. Das regierungstreue Nachrichtenportal Al-Sumeria berichtete dagegen, die Armee sei tiefer in die Stadt eingedrungen und habe grosse Teile von Aufständischen «gesäubert».

Ein Militärsprecher sagte in Bagdad, Regierungssoldaten kontrollierten die Universität von Tikrit vollständig und hätten dort die irakische Flagge gehisst. Allerdings hatte es schon am Freitag geheissen, irakische Soldaten hätten die Universität eingenommen.

Al-Bagdadi zum Kalifen ernannt

Mit der am Samstag begonnenen Offensive auf Tikrit versucht die Armee, die strategisch wichtige Stadt von der Terrorgruppe Isis zurückzuerobern. So will sie den weiteren Vormarsch der Extremisten auf die rund 170 Kilometer entfernte Hauptstadt verhindern. Tikrit liegt an einer Hauptverbindungslinie zwischen dem Norden des Landes und Bagdad. Isis-Milizen hatten die Stadt am 11. Juni eingenommen.

Isis-Kämpfer und ihre sunnitischen Verbündeten beherrschen mehr als zwei Wochen nach Beginn ihres Vormarsches grosse Teile des Nordens und Westens des Iraks. Am Sonntag riefen die Extremisten ein «Kalifat» aus.

In einer im Internet veröffentlichten Audiobotschaft verkündete die Organisation die Schaffung dieser vor fast hundert Jahren verschwundenen islamischen Regierungsform. Zudem ernannte die Isis ihren Chef Abu Bakr al-Bagdadi zum «Kalifen» und damit zum «Anführer aller Muslime». Isis muss die Ausrufung eines «islamischen Reiches» lange geplant haben. Zeitgleich mit der Audiobotschaft veröffentlicht die Terrorgruppe Übersetzungen, auch ins Deutsche.

Übersetzungen in verschiedene Sprachen

In Sachen Propaganda versteht die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) ihr Handwerk nahezu perfekt. Die Audiobotschaft, die am Sonntagabend im Internet auftauchte, muss von langer Hand vorbereitet worden sein.

Die 34 Minuten lange Erklärung des ISIS-Sprechers Abu Mohammed al-Adnani besticht durch eine klare Qualität der Aufnahme. Im melodiösen Tonfall eine Koranrezitators verkündet er, wovon Dschihadisten seit langem träumen: die Errichtung eines «Islamischen Kalifats».

Praktisch zeitgleich verbreitete Isis im Internet Übersetzungen auf Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch. Die Botschaft hinter der Botschaft ist allzu deutlich: ISIS richtet sich nicht nur an Gläubige in Syrien und im Irak, sondern an Muslime in aller Welt.

Russische Kampfjets für den Irak

In Bagdad traf am Sonntag die erste Lieferung von fünf gebrauchten russischen Kampfflugzeugen ein. Die Jets des Typs Suchoi Su-25 seien bald einsatzbereit, teilte das Verteidigungsministerium in Bagdad mit. Die gepanzerten Erdkampfflugzeuge sollen die irakischen Truppen im Kampf gegen die Isis unterstützen.

Das irakische Militär wartet noch auf eine zugesagte Lieferung von F-16-Kampfflugzeugen und Apache-Kampfhelikoptern aus den USA. Die irakische Regierung bittet die USA zudem seit Wochen darum, sie im Kampf gegen die Extremisten mit Luftangriffen zu unterstützen. Washington verlegte zunächst jedoch nur 180 Militärberater in den Irak.

Heimatstadt Saddam Husseins zurückerobert

Regierungstruppen war es am Samstag nach eigenen Angaben gelungen, Al-Awja, einen Vorort von Tikrit, einzunehmen. Dort wurde der frühere Diktator Saddam Hussein geboren und nach seinem Tod im Jahr 2006 begraben. Soldaten hätten Al-Awja befreit, sagte ein Armeeoffizier der Nachrichtenagentur dpa. Die Angaben liessen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen.

Auch anderenorts im Land gab es Kämpfe. Der staatliche Fernsehsender Al-Irakija meldete am Samstag, irakische Kampfjets hätten ihre Angriffe auf die von Isis beherrschte nordirakische Stadt Mossul verstärkt. In der Provinz Salaheddin entführten Isis-Kämpfer laut Sicherheitskreisen 26 Menschen. Kämpfe und Isis-Angriffe wurden auch aus Bakuba rund 60 Kilometer nördlich von Bagdad gemeldet.

In der Nähe der nordsyrischen Metropole Aleppo richteten Rebellen acht Männer öffentlich hin und kreuzigten sie. Die Opfer seien im Ort Deir Hafir getötet worden, weil sie für andere Rebellengruppen gekämpft haben sollen, berichtete die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag.

Autonome Zonen für Volksgruppen gefordert

Angesichts des Isis-Vormarsches forderte der Leiter des irakischen Krisenstabes, General Ali al-Saidi, eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. «Alle Gruppen sollen ihre eigenen Regionen erhalten. Das ist die einzige Lösung», sagte er der Zeitung «Welt am Sonntag».

Im Irak gibt es unter anderen die drei grossen Bevölkerungsgruppen der Schiiten, Sunniten und Kurden. Nur mit einer Aufteilung könne die Unterstützung für die sunnitische Isis-Miliz im sunnitischen Bevölkerungsteil gebrochen werden, sagte Al-Saidi.

Das iranische Militär ist notfalls bereit, die irakische Regierung gegen die Rebellen zu unterstützen. Es würden dabei die gleichen Mittel angewandt wie in Syrien, sagte Brigadegeneral Massud Dschassajeri dem iranischen Fernsehsender Alam. Der Iran versteht sich als Schutzmacht der Schiiten und hat erklärt, ihre heiligen Stätten auch in den Nachbarländern zu verteidigen.

SDA/fko

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